Umweltbewegung: Engagiert und lernwillig

Der Mouvement écologique (Méco) feierte am Mittwochabend 50-jähriges Bestehen. Luxemburgs wichtigste Umwelt-NGO wurde als Jugendgruppe gegründet – ein guter Anlass also, um einen Lokalaugenschein bei „Move“ zu machen.

Move bei der Arbeit. (Foto: woxx/ja)

Donnerstagabend. Das allwöchentliche Treffen von „Move“, der Jugendsektion des Mouvement écologique, hat vor wenigen Minuten begonnen. Ein gutes Dutzend Jugendliche besprechen einen gemeinsamen Vortrag, den sie anlässlich der 50-Jahr-Feier des Méco halten werden. Auf dem Tisch stehen mehrere wiederverwendbare Getränkeflaschen, PET-Flaschen sind hier verpönt. Es klopft an der Tür, die Mouvement-Präsidentin Blanche Weber betritt den kleinen Raum. Sie verkündet, dass der Großherzog, der an der Geburtstagsfeier teilnehmen wird, sich mit dem Nachwuchs des Méco unterhalten möchte. Die Begeisterung ist nicht sonderlich groß, Weber versucht zu überzeugen: „In seinem Garten auf Schloss Berg werden keine Pestizide verwendet!“ Es finden sich einige Motivierte, die mit dem Staatsoberhaupt plaudern wollen. Nachdem die Präsidentin den Raum verlassen hat, entbrennt eine kleine Diskussion über den Sinn und Zweck der Monarchie.

Move ist die Jugendorganisation des Mouvement écologique, der selbst als Jugendgruppe gegründet wurde: „Association de la jeunesse luxembourgeoise pour l’étude et la conservation de la nature“ (AJLECN) hieß die Organisation vor 50 Jahren bei ihrer Gründung, 1975 wurde daraus „Jeunes et Environnement“. Nachdem sich eine bestehende Jugendgruppe Anfang der 2000er-Jahre abgespalten hatte und zu „Life – d’ecokreativ Plattform“ geworden war, gab es im Méco längere Zeit kein gesondertes Angebot für Jugendliche. Vor drei Jahren änderte sich das und Move wurde ins Leben gerufen. Seitdem betreut Cédric Metz die Jugendgruppe – er ist beim Méco angestellt und kümmert sich vor allem um Organisatorisches. Neben den wöchentlichen Versammlungen organisiert Move Workshops und Projekttage in Schulen oder lädt Expert*innen zu Diskussionsveranstaltungen. „Wir bieten auch regelmäßig Jugendlichen die Möglichkeit, ein Praktikum bei Move zu machen“, erzählt Metz. „Das machen meistens die, die sowieso schon in der Gruppe dabei sind. Sie arbeiten sich dann tiefer in ein Thema ein.“

Die bessere Schule

Eine Stunde zuvor: Ich sitze mit einem Großteil jener Jugendlichen, die sich später über das Für und Wider der parlamentarischen Monarchie unterhalten werden, an einem Tisch. Sie erzählen, was sie dazu gebracht hat, sich bei Move zu engagieren. Es sind zum Teil die Antworten, die man erwarten könnte: Interesse an den Themen, etwas bewegen wollen, sich unter Gleichgesinnten austauschen können, politische Aktionen durchführen. Auffallend ist jedoch: Viele geben an, bei Move etwas lernen zu wollen. Das überrascht vielleicht ein wenig, zeigt aber, dass es auch in Zeiten des medialen Überangebots bei Jugendlichen ein Bedürfnis nach Information gibt. „Wir behandeln hier Dinge, die nicht in der Schule vorkommen und ich habe das Gefühl, ich lerne hier genauso, vielleicht sogar mehr als dort“, meint Alina, eine der Jugendlichen. Andere waren aber auch schon zuvor umweltpolitisch aktiv: „Bevor ich zu Move gekommen bin, war ich bei Greenpeace. Da hatte ich aber das Gefühl, die Organisation bestimmt von oben herab, welche Aktionen wir zu welchen Themen machen. Hier ist das anders, hier überlegen wir das alle gemeinsam“, erzählt ein Mitglied von Move.

Anders als etwa Jugendparteien, die oft eine streng hierarchische Struktur mit Vorstand inklusive Präsident*in, Sekretär*in und Schatzmeister*in haben, kommt Move ohne solche Vereinsmeiereien aus. Das liegt aber auch daran, dass Cédric Metz einen Großteil der organisatorischen Arbeit übernimmt. „Neben der Schule noch den ganzen Papierkram organisieren, da würde wenig Zeit für inhaltliche Arbeit bleiben“, erklärt er, „deswegen ist es gut, wenn ich das übernehmen kann. Meine Aufgabe ist es auch, Hintergrundinformationen zu beschaffen und eine Verbindung zur Politik zu suchen, was Jugendliche vielleicht noch nicht so selbstverständlich tun. Wir diskutieren oft darüber, dass es nicht reicht, als Einzelperson etwas zu tun, sondern dass auch die Politik die Weichen stellen muss. Gerade beim Thema Plastik fühlen sich viele oft schuldig.“

Dieses Spannungsfeld zwischen einzelner und kollektiver Verantwortung diskutieren die Jugendlichen oft. „Wir haben alle gewisse Prinzipien und merken, dass wir sie in unserem Alltag nicht umsetzen können, weil uns die Zeit oder das Geld dafür fehlen. Und da ist der Punkt, dass die Politik es vereinfachen sollte, nachhaltige Entscheidungen zu treffen, zum Beispiel beim Einkaufen“, fasst Tilly die Diskussion zusammen.

Foto: woxx/ja

Plastik, Landwirtschaft, Visionen

Die Gruppe organisiert sich durch ihre wöchentlichen Treffen, die Metz meistens vorbereitet. Er sieht seine Rolle auch darin, die einzelnen Mitglieder auf einem Wissensstand zu halten, weil die Jugendlichen – Schule geht halt vor – nicht immer jede Woche kommen können. Bei den Treffen wird entschieden, welche Themen behandelt und welche Aktionen durchgeführt werden sollen. Obwohl es keine festgelegte Altersgrenze für die Teilnahme bei Move gibt, sind die meisten Mitglieder Schüler*innen am Ende ihrer Lyzeumskarriere.

Inhaltlich arbeitet Move zu sehr unterschiedlichen Themen, die natürlich immer einen Bezug zu Ökologie und nachhaltiger Entwicklung haben. Im Sommer hat die Gruppe den „nationalen Plastiktag“ ausgerufen und eine Parade durch Luxemburg-Stadt organisiert, bei der – natürlich ironisch – Einwegplastik gefeiert wurde. Außerdem hat die Gruppe versucht, Plastik aus den Schulkantinen zu verbannen: Erst mit einem Brief, dann mit Gesprächen mit dem Bildungsminister und Verantwortlichen von Restopolis, dem Kantinen-Dienst des Unterrichtsministeriums.

Neben der Abfallproblematik beschäftigt sich Move aber auch mit den Problemen in der Landwirtschaft. „Wir haben Minister interviewt, wir haben uns mit Bauern unterhalten, mit anderen Experten von NGOs gesprochen“, erzählen die Jugendlichen. „Danach haben wir uns Gedanken darüber gemacht, wie wir uns die Zukunft der Landwirtschaft vorstellen würden.“ Das wurde die Grundlage für Workshops, die Move in Schulen angeboten hat. Ziel ist es nämlich nicht nur, sich selbst zu bilden, sondern auch, sich zu sensibilisieren. „Wir arbeiten mit einer WG zusammen, deren Garten wir bewirtschaften, um auch selbst einen Bezug zur Landwirtschaft zu haben“, erklärt Cédric Metz.

Daneben bietet Move den „Visionär“-Workshop an, der gezielt entwickelt wurde, um über die grundlegenden Fragen des stetig wachsenden Luxemburgs zu diskutieren: „Wie wollen wir leben, wofür wollen wir uns einsetzen?“ Letztes Jahr hat Move eine Karte von Luxemburg-Stadt erstellt, auf der Geschäfte, Restaurants und Bars eingezeichnet sind, in denen nachhaltige Produkte angeboten werden – eine praktische Hilfeleistung, die sich an Jugendliche richtet.

Am 15. September rief Move den nationalen Plastiktag aus und feierte ihn mit einer Plastik-Parade. (Foto: Move)

Die Jugend fühlt sich ignoriert

„Eine wichtige Frage für mich ist, wie wir die Leute erreichen. Die jungen Leute lesen keine Zeitung, sie hören kein Radio – auch wenn wir es in die Medien schaffen, erreicht sie das gar nicht. Sie sind zwar alle halbwegs interessiert, aber es ist schwer, andere wirklich zu motivieren, etwas zu bewegen“, sagt Tilly. Sofort kommen Ideen für Youtube-Kanäle und Facebook-Videos. Cédric Metz erwidert: „Ich denke, dass es beinahe unmöglich ist, alle Nuancen, die wir hier diskutieren, weiterzugeben. Deswegen finde ich es wichtig, dass wir uns hier treffen und dass wir Workshops organisieren, wo Raum für diese Diskussionen ist.“

Im Laufe unseres Gesprächs heben die Jugendlichen den Bildungsaspekt immer wieder hervor. „Wenn ich nicht beim Move wäre, wäre ich vermutlich ziemlich extremistisch unterwegs“, sagt Noé, der von Anfang an dabei ist. Alle lachen, die Aussage ist nicht ganz ernst gemeint, hat aber einen wahren Kern: „Wir lernen hier zu nuancieren und uns mit den Hintergründen zu beschäftigen. Da merkt man dann auch, dass nicht immer alles so schwarz-weiß ist, wie man vielleicht geglaubt hat.“

Die Beziehung zur „Mutterorganisation“ sehen die Mitglieder des Move sehr positiv. „Die verwöhnen uns richtig hier, mit Getränken und Snacks!“, sagt Noé. Tilly fügt hinzu: „Es ist auch inspirierend zu sehen, was der Mouvement alles in den letzten 50 Jahren geleistet hat.“ Dass eine NGO eine Person nur dafür anstellt, sich um den Nachwuchs zu kümmern, hat auch in Luxemburg Seltenheitswert. Das ist den Jugendlichen bei Move sehr wohl bewusst, und sie wissen es zu schätzen – gerade auch, weil sie sich vom der Rest der „erwachsenen“ Gesellschaft ignoriert fühlen.

„Diese Probleme wie Plastik und Klimawandel betreffen uns, wir müssen sie später ausbaden. Eigentlich müssten wir ein Recht darauf haben, mitzusprechen. In Irland wird jedes Gesetzesprojekt von deren Jugendparlament geprüft, hier wird das gleiche Gremium komplett ignoriert“, echauffiert sich Tilly. „Es gibt überhaupt keine Kultur in Luxemburg, um junge Menschen einzubinden“, sagt Cédric Metz. „Nur alte!“, fügt jemand hinzu.

Aus der halben Stunde, die für mein Gespräch mit Move vorgesehen war, wurde eine Stunde. Es bleibt vor allem der Eindruck, dass der Méco sich mit seiner Jugendgruppe einen Gefallen getan hat. Vielleicht ist Move etwas braver, etwas betreuteter als jene Jugendlichen, die vor 50 Jahren die AJLECN gegründet haben. Aber nicht weniger engagiert und nicht weniger gewillt, den Planeten zu retten.


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