„Violets“ von Kyung-Sook Shin: „She could be me and she could be you“

Die koreanische Autorin Kyung-Sook Shin widmet ihren Roman „Violets“ allen Frauen, die niemand wahrnimmt. In Korea erschien das Buch 2001, jetzt liegt die englische Übersetzung von Anton Hur vor.

Das friedliche Coverbild der englischen Ausgabe täuscht: Kyung-Sook Shin, mehrfach ausgezeichnete koreanische Autorin, erzählt in „Violets“ unter anderem von Gewalt gegen Frauen und tiefer Einsamkeit. (© woxx/Isabel Spigarelli)

Veilchen sind Blumen, im übertragenen Sinne aber auch Hämatome, Verletzungen, Ausdruck von Schmerz. Es ist nicht dieser Kontrast, den die koreanische Autorin Kyung-Sook Shin (u.a.: „Please Look After Mom“) 2001 dazu bewegt hat, ihren Roman „Violets“ zu nennen. Im Nachwort zur englischen Übersetzung ihres Textes durch Anton Hur, die 2022 im Weidenfeld & Nicolson Verlag erschienen ist, nennt die Autorin einen anderen Grund: „Violets are very small plants. So small, they are easily overlooked as weeds.“ Genau wie die Frauen der Millionenstadt Seoul, mit denen Shin die Buchseiten füllt.

Der Roman spielt im Südkorea der 1970er-Jahre. Eine Zeit, in der sich das Stadtbild unter der Militärregierung des Präsidenten Park Chung-hee stark veränderte, hin zu Modernisierung und einer höheren Bevölkerungsdichte. Chung-hee wurde von der südkoreanischen Linken unter anderem für seinen diktatorischen Führungsstil und die Einschränkung demokratischer Bewegungen kritisiert. Seine Implikation in pro-japanische Kreise während der japanischen Kolonialära sorgte ebenfalls für Unmut, genauso wie seine Zugeständnisse an Japan im Zuge der Normalisierung der diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Nationen in den 1960er-Jahren. Einer der Kritikpunkte: Die „Trostfrauen“ seien nicht angemessen entschädigt worden. Bei den betroffenen Frauen handelt es sich um Zwangsprostituierte, etwa aus Korea, die während des Zweiten Weltkrieges in japanischen Kriegsbordellen sexuell versklavt wurden. Der 14. August gilt seit 2015 als internationaler Gedenktag für die „Trostfrauen“.

Nun ist „Violets“ kein historischer Roman, doch schlagen sich die politischen Ereignisse der 1970er-Jahre und die jahrzehntelange Unterdrückung sowie Sexualisierung der Frauen in der Erzählung nieder. Die Hauptfigur San bewegt sich durch eine Großstadt im Wandel, in der sich die Medienberichte über entführte Frauen häufen. Sie ist zu dem Zeitpunkt zweiundzwanzig, hat ihr Heimatdorf hinter sich gelassen und ist arbeitssuchend. Die junge Frau lebt allein in einer Einzimmerwohnung, bis auf ihre Vermieterin hat sie kaum soziale Kontakte. Als San am Schaufenster eines Blumenladens das Gesuch „Wanted: A woman to look after flowers“ entdeckt, zögert sie zunächst, sich zu bewerben. Sie hat andere Karrierepläne, will lieber für Verlagshäuser Manuskripte verarbeiten. Aus Geldnot stellt sie sich dennoch für den Job als Blumenverkäuferin vor und taucht damit nicht nur in botanische Welten ein: San trifft auf den stummen Ladenbesitzer, auf seine Nichte Lee Su-ae und zwei Männer, die ihr Leben maßgeblich verändern. Es beginnt eine schmerzhafte Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit und Gegenwart, beide geprägt von Verlusterfahrungen.

Blumen, Verlust und Gewalt

Shin benutzt Sans Geschichte als Ausgangspunkt, um die Schicksale unterschiedlicher Frauen darzustellen. Die Leser*innen erfahren früh, dass Sans Mutter von ihrem Ehemann verlassen und danach von ihrer Schwiegermutter erniedrigt wurde. Das Verhältnis zu San ist zerbrochen, nachdem sie ihre Tochter für wechselnde Liebschaften monatelang alleine zurückgelassen hat. Sans Vermieterin ist hingegen von schwerer häuslicher Gewalt betroffen; Sans Kollegin und spätere Mitbewohnerin Lee Su-ae deutet ebenfalls eine schwere Vergangenheit an. Der Hauptfigur selbst widerfährt im Lauf der Erzählung sowohl psychische als auch körperliche Gewalt. Diese Erfahrungen reichen bis in die Kindheit zurück, in der San nach einem Kuss am Wasserkleefeld von ihrer damals einzigen Freundin Namae heftig zurückgewiesen wurde.

Die weiblichen Protagonistinnen sind einsam, austauschbare Sex- und Lustobjekte, Projektionsfläche für Frustration, Gewaltopfer. Manche resignieren, andere kämpfen auf ihre Art gegen die Umstände an. Im starken Kontrast dazu stehen die männlichen Figuren, die bis auf den stummen Blumenladenbesitzer ignorant, gewalttätig und beängstigend sind. Sie entpuppen sich als Gefahrenquelle, als Auslöser von Obsession und Leid. Nie aber als Freund oder helfende Hand. Shin schreibt in ihrem Nachwort, der Roman sei zu einer Zeit entstanden, in der Frauen systematisch diskriminiert und ihre Geschichten vertuscht worden seien. Dieser Umstand mag sich seit der Erstveröffentlichung des Romans in manchen Teilen der Welt verbessert haben, doch ist Shins Beobachtung auch nach einundzwanzig Jahren noch aktuell. „There are women all around us who exist in silence, anonymous and without anything special about them; she could be me and she could be you“, schreibt Shin. „To let them speak through my words – this is Violets.“

Laut oder besonders ereignisreich ist „Violets“ allerdings nicht: Die Erzählweise und die Sprache erinnern an eine Seifenblase, die langsam und eigenartig schimmernd durch die Luft segelt, bis sie unerwartet platzt. Egal wie banal die Handlungsorte erscheinen mögen, Kyung-Sook Shin gelingt es, sie mit Magie zu füllen. Sie schweift in Absurditäten ab, um in der Realität wieder aufzutauchen und diese mit Härte zu beschreiben. Zum Beispiel dann, wenn San gegen einen Bagger ankämpft, sich dagegen wirft, bis sie blutet, und die Maschine unbeschädigt ihre Schaufel still in die Nacht streckt. Es ist eine der letzten und wohl berührendsten Szenen des Romans. Leser*innen, die sich mit Sans Sehnsucht nach Geborgenheit und ihrem andauernden Kampf um Beständigkeit identifizieren können, dürfte sie bewegen. Der Übersetzer des Romans, Anton Hur, soll bei der Arbeit an dem Werk übrigens geweint haben. „This moved me“, schreibt Shin in ihrem Nachwort. „Because I, too, cried a long time ago as I wondered, Who will ever understand what is trapped in the heart of this „little girl“? I hope she now finds understanding in your hearts as well.“

Kyung-Sook Shin: Violets. Übersetzt von Anton Hur. Weidenfeld & Nicolson: 2022.

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