Wahlen in Frankreich: Wir sind das Volk!

von | 29.06.2021

Bei den Regionalwahlen in Frankreich sind zwei Drittel der Berechtigten nicht wĂ€hlen gegangen. Eine Übersicht ĂŒber ErklĂ€rungsversuche, Auswirkungen und LösungsvorschlĂ€ge.

„Wahlen, Falle fĂŒr Dummköpfe“, beliebter Slogan von Mai ’68.

Die „grĂ¶ĂŸte Partei Frankreichs“ verfĂŒgt ĂŒber eine Zweidrittelmehrheit. Die als „premier parti de France“ bezeichneten „abstentionnistes“, also Wahlberechtigte, die nicht wĂ€hlen, haben bei den Regionalwahlen am 20. und 27. Juni ein Rekordergebnis erzielt (mit unseren direkten Nachbar*innen als Trendsetter: Der Grand-Est). Das mag fĂŒr die Mandatsverteilung irrelevant erscheinen, fĂŒr die Bewertung der Wahlergebnisse ist es jedoch entscheidend (demnĂ€chst auf online-woxx: Gewonnen, zerronnen).

Verweigerung oder Verzicht bei der Stimmabgabe ist ein Verhalten, das nicht gleichmĂ€ĂŸig ĂŒber das Elektorat verteilt auftritt. Klassischerweise spielt das Bildungsniveau eine große Rolle und auch diesmal ist die Stimmenthaltung bei den Arbeiter*innen am stĂ€rksten. Doch der Einfluss des Bildungsniveaus geht zurĂŒck, wie die Forscherin Anne Jadot im Interview mit Mediapart (Paywall!) festhĂ€lt: „Die Alterszugehörigkeit bleibt der einzige wirklich abgrenzende Faktor.“

Die Jugend wÀhlt am wenigsten

Mit anderen Worten: Die Stimmenthaltung ist bei den Jugendlichen am höchsten, bei den Rentner*innen am niedrigsten. Über 85 Prozent der unter 24-JĂ€hrigen, kaum weniger der zwischen 25- und 34-JĂ€hrigen gingen nicht zur Wahl. Das Elektorat, das noch wĂ€hlen geht, ist damit eher in einer stabilen, etablierten Lebenssituation, was erklĂ€rt, dass am Ende die MandatstrĂ€ger*innen fast alle wiedergewĂ€hlt und die Mehrheiten bestĂ€tigt wurden.

Wie immer gibt es ErklĂ€rungen fĂŒr die besonders vielen Enthaltungen bei diesem speziellen Urnengang: Unwissen ĂŒber die erheblichen ZustĂ€ndigkeiten von Regionen und Departementen, Covid-bedingte EinschrĂ€nkungen des öffentlichen Lebens, lahme Wahlkampagne. Doch der Trend lĂ€sst sich nicht verleugnen: Das Vertrauen in die Politik schwindet, der Eindruck, durch Wahlen lasse sich nichts Ă€ndern, verstĂ€rkt sich.

Abmarsch von LREM?

Manche deuten das als VernachlĂ€ssigung der bĂŒrgerliche Pflichten, andere als Aufbegehren gegen das politische System 
 Jadot warnt vor Überinterpretationen. Vielleicht gebe es eine bewusste Enthaltung in der Gruppe mit höherer Bildung, die politisierter ist, aber: „FĂŒr einen Großteil der ‚abstentionnistes‘, fĂŒr die sozial und ökonomisch Benachteiligten, hat das, was sie dringlich beschĂ€ftigt, nichts mit Politik zu tun; diese wird nicht mehr als eine Antwort auf ihre Probleme angesehen.“

Andere Forscher*innen diagnostizieren eine Entzauberung („dĂ©senchantement“) der Politik, sogar bei den Wahlberechtigten, die oft aus Gewohnheit oder PflichtgefĂŒhl wĂ€hlen gehen. FĂŒr „La RĂ©publique en marche“ (LREM), die Bewegung des PrĂ€sidenten Emmanuel Macron ist das, mehr noch als die Wahlniederlage, ein Zeichen des Scheiterns. Schließlich war der Kandidat Macron mit dem Anspruch angetreten, die Politik wieder zu bezaubern („rĂ©enchanter la politique“). Darauf, was das fĂŒr die PrĂ€sidentschaftswahl von 2022 bedeutet, gehen wir im Beitrag „La droite dans un fauteuil ?“ ein.

Zauber statt Zwang

VorschlĂ€ge, was man gegen die massiven Enthaltungen tun könnte, gibt es genug. Die Appelle an das bĂŒrgerliche Pflichtbewusstsein, die Politiker*innen zwischen den beiden Wahlterminen lanciert hatten, haben jedenfalls nichts gefruchtet, die Beteiligung blieb auch in der zweiten Wahlrunde extrem niedrig. Von Versuchen, mit technischen Mitteln, wie WĂ€hlen per SMS, den jĂŒngeren Generationen die Stimmabgabe schmackhaft zu machen, hĂ€lt Jadot wenig. „Man muss den Menschen einen Respekt fĂŒr die Wahlen oder die Lust auf politische Initiativen zurĂŒckgeben“, so die Expertin fĂŒr „abstentionnisme“. Auch wenn Macron damit gescheitert ist, am „RĂ©enchantement“ geht wohl kein Weg vorbei.

Und Luxemburgs Patentrezept, die Wahlpflicht? Bisher hilft sie dabei, die Enthaltungen auf niedrigem Niveau zu halten. Ob das auf die Ordnungsliebe der Luxemburger*innen, oder auf ihren relativen Wohlstand zurĂŒckzufĂŒhren ist, sei dahingestellt. In Frankreich aber aus einer moralischen Pflicht eine gesetzliche Vorschrift zu machen, wĂ€re riskiert. Die Vorschrift wĂŒrde wohl weitgehend ignoriert, denn ziviler Ungehorsam hat bei unseren sĂŒdlichen Nachbarn eine lange Tradition. WĂŒrde man aber die BĂŒrger*innen mit Strafandrohungen in die Wahlkabinen drĂ€ngen, so dĂŒrfte sich der Überdruss durch ein auf die Stimmzettel geschmiertes „Merde!“ Luft verschaffen.

 

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