Zum Tod von Rossana Rossanda: Die besiegte Kommunistin

von | 02.10.2020

Konsequent und streitbar stellte sie sich dem Scheitern der italienischen Linken: Rossana Rossanda hat zeitlebens einen verantwortlichen Umgang mit der eigenen Geschichte gelehrt.

Das Wiedererstarken der neofaschistischen Rechten beobachtete Rossana Rossanda in ihren letzten Lebensjahren mit Sorge: Den Aufstieg nicht aufzuhalten, sei „die Schuld der Linken, die Schuld unserer Seite“. Noch in ihren letzten Interviews verortete sie sich (selbst-)kritisch auf einer Seite, die im politischen Tagesgeschäft längst in der Bedeutungslosigkeit versunken ist. Nun ist die Intellektuelle der einst so großen italienischen Linken am 20. September im Alter von 96 Jahren in Rom gestorben.

Viele Nachrufe bemühten den Vergleich mit Rosa Luxemburg, beschworen den Mythos von der Grande Dame des italienischen Kommunismus. Rossanda hat diese Zuschreibungen in ihrer Autobiographie, die 2007 in deutscher Übersetzung mit dem Titel „Die Tochter des 20. Jahrhunderts“ erschien, als Projektionen anderer zurückgewiesen. An der Selbstcharakterisierung als Kommunistin hielt sie jedoch fest. Die Niederlage begriff sie als Herausforderung: „Der Kommunismus ist so kläglich gescheitert, dass man sich unbedingt damit auseinandersetzen muss.” Die Geschichte dieses Scheiterns ist Teil ihrer Lebensgeschichte.

Mitten im Zweiten Weltkrieg begann sie 1941 in Mailand ihr Studium der Kunstgeschichte und Philosophie. Über Antonio Banfi, ihren Philosophieprofessor, kam sie mit der Resistenza in Kontakt, übernahm Kurierdienste für die italienische Widerstandsbewegung gegen den Nazifaschismus. Nach 1945 war „Berufsrevolutionärin“ schon keine gängige Bezeichnung mehr, doch für Rossanda wurde die Arbeit im Partito Comunista Italiano (PCI) nach dem Abschluss ihres Studiums zur Berufung.

Als Verantwortliche für die Kulturpolitik der Partei kämpfte sie gegen Tendenzen zur national-populären Borniertheit. In der größten kommunistischen Partei Westeuropas sollten Kommunismus und Avantgarde zusammengehen. Bildung durfte kein Privileg mehr sein, denn „dem Populismus und Provinzialismus der Ausgeschlossenen durfte man keine Zugeständnisse machen“. Rossanda war anspruchsvoll und fordernd sich selbst wie anderen gegenüber.

Mehr als zwei Jahrzehnte machte sie im PCI Karriere, wurde Mitglied im Zentralkomitee und Parlamentsabgeordnete. 1969 gehörte sie zu den Mitbegründern der Monatszeitschrift „il manifesto“, in der die Parteiführung für ihre desinteressierte bis abweisende Haltung gegenüber der Arbeiter- und Studentenbewegung und ihre zurückhaltende Reaktion auf die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 kritisiert wurde.

Auf die Linksabweichung folgte der Parteiausschluss. Für die manifesto-Gruppe begann mit der Umwandlung des Monatshefts in eine gleichnamige, parteiunabhängige Tageszeitung der Versuch, die kommunistische Tradition mit dem militanten Politikverständnis der Neuen Linken zu verbinden. Rossanda hat diesen Teil ihres Lebens in ihrer Autobiographie als eine „andere Geschichte“ angekündigt, aber zu Lebzeiten nicht mehr veröffentlicht. Es ist vor allem diese „andere Geschichte“, ihre Arbeit in der bis heute erscheinenden Tageszeitung, die sie als Journalistin und Essayistin, als streitbare Intellektuelle der internationalen Linken berühmt machte.

Zwiespältig, doch äußerst produktiv war Rossandas Verhältnis zur Frauenbewegung.

Zum Skandal wurde ihre Kolumne „Familienalbum“, in der sie 1978, während der Entführung des ehemaligen christdemokratischen Ministerpräsidenten Aldo Moro durch die Brigate Rosse, die Entführer nicht einfach als Terroristen brandmarkte, sondern einer linken Tradition zuordnete. Rossanda lehnte den bewaffneten Kampf ab, doch kritisierte sie auch die Weigerung der (Partei-)Linken, ihre reformistische, auf den „historischen Kompromiss“ mit dem politischen Gegner ausgerichtete Politik zu hinterfragen. Für sie waren die militanten Gruppierungen der 1970er-Jahre eine Geschichte der italienischen Linken, deren Aufarbeitung nicht allein dem staatlichen Repressionsapparat überlassen werden durfte.

Zwiespältig, doch äußerst produktiv war ihr Verhältnis zur Frauenbewegung. Rossanda verstand sich nicht als Feministin. Harsch grenzte sie sich gegen eine spezifische „Frauenpolitik“ ab, eigensinnig wies sie zugleich jede Vereinnahmung seitens des Gleichheitsfeminismus zurück. In ihrer Autobiographie charakterisierte sie sich als emanzipierte Frau, der bewusst war, dass sie ihrem Frausein nicht entkam. Schließlich nahm sie die Herausforderung ihrer feministischen Freundinnen an. Ab den 1980er-Jahren beteiligte sie sich an mehreren feministischen Zeitschriftenprojekten und öffnete sich konfliktfreudig einer Diskussion der sexuellen Differenz: „Dieses Geschlecht, das kein Geschlecht ist, wurde mir nun zu einem.“

Nach der historischen Niederlage der Linken betrachtete sich Rossanda selbst als eine „besiegte Kommunistin“, doch sie bereute nichts, verharrte nicht in Melancholie, blieb unduldsam. Mit ihrer politischen Leidenschaft begründete sie in der kollektiven journalistischen Arbeit, im konfrontativen Verhältnis zu den Feministinnen eine Genealogie kritischer, weiblicher Intellektualität.

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