Auf Netflix: Elisa y Marcela

„Elisa y Marcela“ erzählt die dramatische Geschichte um eine der ersten gleichgeschlechtlichen Ehen Spaniens. Trotz Oktopus und Algen im Bett, besticht der Film durch Ästhetik, Stille und große Gefühle.

Bildquelle: Netflix

Schleimige, nasse Tentakeln eines toten Oktopus, feuchte Algen auf nackter Haut – die Regisseurin Isabel Coixet schreibt „Elisa und Marcela“ in ihrem gleichnamigen Film eine ganz eigene Erotik zu. Es wirkt fast wie ein Ritual, wenn die Frauen sich in einer Szene den Oktopus oder in einer anderen Algen um den Körper schlingen bevor sie sich küssen und miteinander schlafen. Für die spanischen Dorfgemeinschaften des frühen 20. Jahrhunderts lag die Absonderlichkeit lesbischer Frauen nicht in ihrer Zärtlichkeit zum Oktopus, sondern in ihrer Liebe füreinander: „Elisa y Marcela“ thematisiert eine der ersten gleichgeschlechtlichen Ehen Spaniens, die lange vor der Legalisierung 2005 geschlossen wurde – und das nicht, weil sich jemand gnädig mit ihnen erwies.

Elisa und Marcela lernten sich sowohl im wahren Leben als auch in Croixets Film in der Schule kennen. Marcela war angehende Grundschullehrerin, eine Studentin. Elisa, die ihre Ausbildung bereits abgeschlossen hatte, arbeitete an der Schule. Coixet zeichnet die sich anbahnende Liebesbeziehung zwischen den Frauen zärtlich nach. Es kommt zu einer ersten Berührung, nachdem Marcela in strömendem Regen orientierungslos und mit nassem Haar auf dem Schulgelände herumirrt. Elisa nimmt sich ihrer an, reibt sie in einem Zimmer trocken. Die beiden Frauen sprechen vorsichtig, hinter verschlossenen Türen, über die heterosexuelle Ehe, die sie beide zu verhindern oder hinauszuzögern versuchen. Sie geben sich Zeichen, nähern sich einander unaufgeregt und doch auf elektrisierende Weise an. Die Tatsache, dass der Film in Schwarz-Weiß ist, trägt zur besonderen Ästhetik bei.

Die Stille, mit der Coixet zwischenmenschliche Beziehungen darstellt, ist allgemein eine Stärke des Films. Dies macht sich auch am Esstisch von Marcelas Familie bemerkbar, die kaum miteinenander spricht und wenn, dann mit bedeutungsschweren Wörtern. Wenn Marcelas Vater sie angreift, weil er die Liebesbeziehung zu Elisa ahnt und seine Tochter vom Schulbesuch abhalten will, dann geschieht auch das in all seiner Härte mit einer gewissen Ruhe. Das steht im Kontrast zur Handlung, die sich nach und nach zuspitzt.

Elisa und Marcelas Liebe bleibt nicht unbemerkt. Auch nicht nachdem sie ihre Heimat verlassen haben. Es folgen öffentliche Angriffe, Verfolgung, Hass. Elisa beschließt im Film – dasselbe geschah im wahren Leben – sich als Mario, als Mann, auszugeben, um den Anfeindungen ein Ende zu setzten. Im Film lässt Marcela sich von einem ihrer Verehrer schwängern, damit ihre Beziehung zu Mario nicht durch Kinderlosigkeit auffällt. Die Rechnung ging im wahren Leben und im Film vorerst auf: Die beiden heirateten. Die real geschlossene Ehe wurde bis heute nicht annulliert. Doch währte das Glück der beiden Frauen nicht lange, weil neugierige Nachbar*innen ihrem Geheimnis auf die Spur kamen. Der Film greift ihren gesamten Leidensweg auf.

Was bewegend ist: Das Paar hält trotz aller Widerstände aneinander fest und verliert sich nicht. Der Film berührt, weil er den unaufhörlichen Kampf um die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Paare porträtiert, ohne der diskriminierenden Gesellschaft Macht über die eigenen und aufrichtigen Gefühle zueinander zu geben. Am Ende des Films fragt eine junge Frau Marcela „War es das Wert?“, und Marcela blickt still in die Ferne, aus der ihr Elisa mit einem Pferd an der Hand entgegen kommt. Es ist eine Schlusszene, deren Ausdrucksstärke sich nicht erklären lässt, ohne vorzugreifen – deswegen bleibt an dieser Stelle nur, diesen Film wärmstens zu empfehlen.

Elisa y Marcela (2019), auf Netflix


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