VOLKER SCHLÖNDORFF: Schwere Last

Volker Schlöndorff konzentriert sich in „Der neunte Tag“ auf das Wesentliche. Als dialektisches Lehrstück wirkt der Film überholt, als Studie eines Gewissenskonflikts ist er zu bedeutungsschwanger.

Im Gewissenskonflikt mit sich selbst: Abbé Henri Kremer.

„Ich weiß nur, dass es ein Film ist, der auch wehtut“, hat Volker Schlöndorff in einem Interview über „Der neunte Tag“ gesagt. Der Spezialist für Literaturverfilmungen unter den deutschen Filmregisseuren hat sich erstmals an die Inszenierung der Nazi-Gräuel in den Konzentrationslagern gewagt. Vorher hielt er das KZ-Grauen für nicht darstellbar – wohl in dem Wissen, dass Filme über die Nazi-Verbrechen immer wehtun, selbst in komödiantischen Interpretationen wie Roberto Begninis „La vita e bella“.

Dabei geht es in „Der neunte Tag“ gar nicht so sehr um den Lageralltag im so genannten Pfarrerblock von Dachau. Schlöndorff reduziert ihn auf ein paar kurze, aber drastische Momente: die verzerrten Bilder, wie ein Gefangener unter den Schlägen mit einem Schürhaken zu Boden geht; die Hinrichtung eines anderen, die an die Jesus-Passion erinnert; sowie kurze alptraumhafte Erinnerungsfetzen der Hauptperson, des katholischen Abbés Henri Kremer (Ulrich Matthes). Vielmehr steht jene unerhörte Begebenheit im Vordergrund, die dem Luxemburger Geistlichen und Lagerinsassen widerfährt: Er bekommt im Februar 1942 neun Tage Heimaturlaub, angeblich wegen des Todes seiner Mutter. In Wahrheit aber soll Kremer den luxemburgischen Bischof (Hilmar Thate) überreden, mit den Nazis zu kolaborieren. Als Belohnung winkt ihm die Freiheit.

Schlöndorff hat ein beklemmendes Kammerspiel gedreht, in dem es Kremer mit einem Untersturmführer namens Gebhardt (August Diehl) zu tun bekommt. Der Gestapo-Mann ist ein ausgebildeter Theologe, der kurz vor der Priesterweihe die Uniform der Soutane vorzog und im Film den Mephisto-Part innehat. Die beiden liefern sich einen theologischen Schlagabtausch um Moral, Glaube und Verrat, der sich um das christliche Judas-Motiv dreht. Denn Gebhardt hat sich seine eigene Theorie vom Christentum gebastelt, die für ihn mit der Nazi-Ideologie und dem 1933 unterzeichneten Reichskonkordat zwischen Papst Pius XI. und dem Deutschen Reich vereinbar ist: Ohne Judas‘ Verrat wäre Jesus nicht gekreuzigt worden und ohne die Kreuzigung gäbe es kein Christentum.

Das ist die eigentlich interessante Seite des Films, mehr als der pathetisch-düster wirkende Teil im Dachauer Pfarrerblock mit seiner ebenso expressiven wie auch minimalistischen Ästhetik. Doch das Ende des Konflikts zwischen Kremer und Gebhardt ist vorhersehbar: Der Abbé wird sich nicht beugen, seine innere Überzeugung und seinen Glauben an Gott nicht einem Kuhhandel opfern. Die Auseinandersetzung mit dem ehrgeizigen Nazi Gebhardt im Stile eines dialektischen Lehrstücks von anno dazumal wirkt überholt. Die entscheidende Schlacht schlägt Kremer vielmehr mit sich selbst. Seine von den Entbehrungen der Lagerhaft ausgemergelte Gestalt, seine hohlen Wangen, sein durchdringender Blick – all das sind nicht zuletzt Symptome seiner inneren Seelenqual. Es ist nicht die Frage nach politischer Verantwortung, die ihn umtreibt. Kremer ist kein Widerstandskämpfer, sondern es ist die nach der individuellen Verantwortung vor Gott. Der Priester durchleidet einen durch und durch existenzphilosophischen Konflikt. Während der Luxemburger Bischof seinen Widerstand gegen die deutschen Besatzer auf das tägliche Glockengeläut beschränkt, zieht Kremer die Konsequenz seiner Entscheidung – und geht zurück ins KZ. Er trägt, könnte man sagen, das Kreuz.

Spätestens seit „Homo Faber“ (1990) ist an Schlöndorffs Filmen immer wieder eine gewisse Antiquiertheit zu erkennen, ebenso in „Der neunte Tag“. Gewiss sind es zeitlose Fragen, mit denen er sich auseinandersetzt, nur gewinnt der Regisseur zusammen mit seinen beiden Drehbuchautoren Eberhard Görner und Andreas Pflüger ihnen keinen neuen Aspekt ab. Die Geschichte nach dem Tagebuch „Pfarrerblock 25487“ des luxemburgischen Priesters Jean Bernard wird konventionell erzählt. Ähnlich wie „Der Unhold“ (1996) wirkt auch Schlöndorffs jüngster Film schwerfällig. Gerettet werden beide Filme nicht zuletzt von überragenden SchauspielerInnen. Im ersten Fall war es der geniale John Malkovich. Diesmal ist es vor allem Ulrich Matthes. Doch sein Spiel kann noch so intensiv sein: Die zentnerschwere Last des Themas wiegt schwer – auf ihm und auf dem Film.


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