GEFANGENENHILFE: „Gefängnis ist gesundheitsschädlich“

Die asbl „info-prison“ ist Geschichte. Gründungsmitglied Jeannot Schmitz bilanziert die Arbeit der Häftlingshilfsorganisation und spricht über die Probleme, die das Luxemburger Gefängniswesen mit sich bringt.

Am Ende steht der Anfang:
„Ich glaube es braucht eine Zeit, aber ich gehe davon aus, dass irgendwann etwas Neues entsteht“, sagt Jeannot Schmitz über die Auflösung von „info-prison“.
(Foto: Christian Mosar)

woxx: Info-prison ist angetreten, um den Gefangenen außerhalb der Gefängnismauern eine Stimme zu geben. Wie hat sich die Arbeit in den 18 Jahren seit der Gründung der asbl verändert?

Jeannot Schmitz: Anfangs waren viel mehr Leute von draußen, die zum Teil selbst Gefängniserfahrung hatten, an dem Thema interessiert und haben sich dafür eingesetzt, dass sich an der Situation ?drinnen` etwas ändert. Im Laufe der Zeit haben diese Leute sich dann mehr und mehr zurückgezogen, weil es für sie wichtiger wurde, sich um ihr eigenes Leben zu kümmern und es im Griff zu behalten.

Mit welchen Themen haben Sie sich hauptsächlich beschäftigt?

Zunächst haben wir uns für die Einschränkung der Isolationshaft eingesetzt. Später kam das Engagement für die inhaftierten Minderjährigen hinzu, sowie die konkrete Hilfe bei der Wohnungs- und Arbeitssuche, wenn Leute aus dem Gefängnis entlassen wurden.

Sie bekommen heute noch Briefe aus dem Gefängnis. Mit welchen Problemen wenden sich die Gefangenen an Sie?

Hauptsächlich handelt es sich um Probleme mit der Verwaltung oder mit dem „Service psychosocial et socio-éducatif“ (SPSE). Die Gefangenen bemängeln, dass kein echter Kontakt zustande kommt – sie misstrauen den Mitarbeitern des SPSE.

In letzter Zeit wurde viel über die Situation in Schrassig geschrieben. Hat die Öffentlichkeit heutzutage ein zutreffendes Bild von den dortigen Existenzbedingungen?

Ich glaube schon. Zu Anfang war das Bild eher von der Gerichtschronik auf RTL und von amerikanischen Gefängnisfilmen geprägt. Die Minorität der Bürger, die kritisch sind gegenüber dem, was im Gefängnis passiert, ist größer geworden. Aber es handelt sich natürlich immer noch um eine Minorität.

Nach dem Selbstmord von Kim Evrard in Schrassig wurde verstärkt über den Zusammenhang von Strafvollzug und Suizid diskutiert. In unserem Interview vor drei Jahren hatten Sie die Ansicht geäußert, man versuche eine öffentliche Debatte zu diesem Thema zu verhindern. Sind wir jetzt einen Schritt weiter?

Eigentlich nicht, weil es kaum reelle Fortschritte gibt. Das, was vor drei Jahren bereits umgesetzt werden sollte, wird heute immer noch postuliert. Meiner Auffassung nach wird noch immer mehr geredet als getan.

Das Justizministerium stellte nach dem Tod von Kim Evrard eine umfassende Überwachung bereits bei den geringsten Anzeichen suizidaler Tendenzen eines Inhaftierten in Aussicht. Lässt sich das Problem so lösen?

Der Justizminister scheint auf Kameras zu stehen. Es wäre sinnvoller, den Gefangenen Menschen zur Seite zu stellen.

Wir haben immer gesagt, dass es am besten wäre, wenn auf jedem Zellenblock auch ein Sozialarbeiter angesiedelt ist, der direkten Kontakt zu den Gefangenen hat. Sozialarbeit bedeutet in dieser Situation ja auch, sich für berechtigte Belange der Gefangenen einzusetzen. Wenn die Inhaftierten dieses Gefühl einmal haben und ein Vertrauensverhältnis entstanden ist, dann sind suizidale Tendenzen auch eher erkennbar.

Laut Justizministerium ist die Selbstmordgefahr der Gefangenen unmittelbar nach Haftantritt sowie nach dem Urteilsspruch am größten. Hat man damit den Zusammenhang von Strafvollzug und Suizid wesentlich erfasst?

Das Gefängnis an sich ist gesundheitsschädlich – sowohl in psychischer als auch in physischer Hinsicht. Das hat mit dem Leben im Gefängnis generell zu tun. Man ist dort eingesperrt, die sozialen Bindungen zur Außenwelt werden nahezu vollständig durchtrennt. Mag sein, dass es dort Situationen gibt, in denen die Suizidgefahr größer ist. Die gibt es jedoch genauso, wenn die Freundin sich von einem trennt oder etwas ähnlich Einschneidendes passiert. Es gibt sehr viele Situationen, in denen man nicht adäquat auf fundamentale Einschnitte ins eigene Leben reagieren kann, weil man weggesperrt ist. Die Unterbringung im Gefängnis vermittelt den Leuten nicht das Gefühl, dass sie das als Chance für die Zeit nach der Inhaftierung nutzen können.

Was passiert mit dem Einzelnen im Gefängnis, wenn die sozialen Kontakte abgeschnitten werden?

Die Menschen werden in ihren Ausdrucksmöglichkeiten stark eingeschränkt. Es ist klar, dass das Aggressionspotenzial dadurch gefördert wird, weil Aggression eine der verbleibenden Möglichkeiten ist, über die man sich ausdrücken kann. Andere drücken sich darüber aus, dass sie sich selbst verunstalten, dass sie Selbstmordversuche begehen. Die Möglichkeiten sind eingeschränkt, weshalb man zu extremeren Mitteln greift, um seine Individualität zu behaupten.

Die Commission juridique bekräftigte jüngst in einem Text, das Gefängnis sei integraler Bestandteil der Gesellschaft und nicht etwa exterritoriales Gebiet. Ist dem so?

Das trifft nur teilweise zu. Die Gesetze gelten im Gefängnis nicht in dem Maße, wie sie draußen gültig sind. Dort gelten Gefängnisgesetze. Wenn man draußen eine Beschwerde vorbringen will, dann gibt es einen klaren Weg, wie das abläuft. Im Gefängnis hingegen gibt man seine Beschwerde ab, ohne zu wissen, was damit geschieht. Das Risiko, dass nichts damit geschieht, ist größer.

Man ist also in seinem Status als Rechtssubjekt durchaus beschädigt?

Ja. Innerhalb des Gefängnisses werden ja auch Disziplinarstrafen verhängt, ohne dass dem ein Gerichtsverfahren vorausgeht, aufgrund von Gesetzen, die nur im Gefängnis gelten. Die Haftanstalt ist eine andere Welt.

Eine Hauptlast der Kritik hat meist der Gefängnisdirektor zu tragen. Doch kann man eine Institution wie Schrassig überhaupt soviel anders leiten als sie strukturell angelegt ist?

Der Betrieb, über den wir reden, umfasst insgesamt über 1.000 Leute, das ist für meine Begriffe zu groß. Ich glaube nicht, dass eine Direktion da so viel Spielraum hat. Bestimmt könnte man manches organisatorisch verbessern, doch das wäre kaum die Lösung des Problems. Die Lösung wurde von den vorigen Justizministern verspielt. Zweimal wurde ein Ausbau statt ein Neubau beschlossen. Es wurde auch kein Konzept erarbeitet, wie man verhindern kann, dass weiterhin so viel Leute eingesperrt werden müssen.

Wieso wird in Luxemburg so wenig über Alternativen zum geschlossenen Strafvollzug nachgedacht?

Ein solches Konzept könnte man ja nur erstellen, wenn es eine ressort-übergreifende Zusammenarbeit geben würde. Die meisten Minister sind jedoch prioritär in ihrem Bereich tätig. Und da man bis zum nächsten Wahlkampf ohnehin nur vier Jahre Zeit hat, versucht man lieber, diese Arbeit so gut wie möglich hinzubekommen.

„Man müsste sich eingestehen, dass das Gefängnis keine Probleme löst. Die Leute werden für ein paar Jahre aus dem Verkehr gezogen, und wenn sie rauskommen, ist bei vielen die Situation sogar noch schlimmer.“

Einer der ehemaligen Justizminis-ter, von denen Sie gerade gesprochen haben, ist der heutige Ombudsmann Marc Fischbach. In einem Interview mit der woxx äußerte er vor Kurzem die Ansicht, die gesamte Gefängnisstruktur in Luxemburg müsse fundamental überdacht werden.

Schöne Worte – mit dem Alter wird man weise. Als Justizminister hatte er seine Chance und er hat sie gänzlich vertan. Aber ich spreche ihm nicht das Recht ab, heute vielleicht trotzdem gute Vorschläge zu machen.

Welche Schritte gehören Ihrer Meinung nach zu einem solchen Umbruch?

Es müsste daran gearbeitet werden, dass so wenig Leute wie möglich ins Gefängnis kommen. Man müsste sich eingestehen, dass das Gefängnis keine Probleme löst, sondern diese bestenfalls auf einen späteren Zeitpunkt verschiebt. Die Leute werden für ein paar Jahre aus dem Verkehr gezogen, und wenn sie rauskommen, ist bei den meisten das Problem immer noch dasselbe, bei vielen ist es sogar noch schlimmer. Deshalb müss-te die Frage im Vordergrund stehen, was man tun kann, damit die Leute überhaupt nicht ins Gefängnis kommen. Das fängt bei der Familienpolitik an. Immer mehr Kinder leben in Familien, die RMG beziehen. Das ist zwar keine Vorbedingung, um ins Gefängnis zu gelangen. Wenn man aber weiß, dass achtzig Prozent und mehr der Gefangenen keine Ausbildung haben und dass der Bildungsgrad auch sehr viel mit der sozialen Herkunft zu tun hat, dann weiß man auch, dass sozial schwächer gestellte Familien eine Chance zur sozialen Gleichstellung brauchen.

Wieso gibt es hierzulande so wenig Interessengruppen, die die Zustände im Gefängnis oder etwa in der Psychiatrie skandalisieren?

Die Gesamtpopulation Luxemburgs ist zahlenmäßig ziemlich klein, und zwischen den verschiedenen Institutionen gibt es bestimmte Seilschaften, innerhalb derer einer den anderen schützt. Da irgendwie jeder jeden kennt, fürchten sich viele, ihre eigene Meinung zu vertreten, weil sie glauben, dass ihnen daraus Nachteile entstehen könnten. Es mangelt an Unabhängigkeit und fehlt an Bereitschaft zum offenen Konflikt. Ich sehe das auch bei Sozialarbeitern, die sich davor fürchten, über das zu reden, was sie erlebt haben. Sie fürchten um ihren Arbeitsplatz.

Welche Erfahrung hat Sie rückblickend während Ihres Engagements für info-prison am meisten beeindruckt?

Zuvor kannte ich keine Leute, die im Gefängnis waren. Während meiner Arbeit ist mir aufgefallen, dass Gefangene ganz oft ehrlicher und direkter sind und sich weniger hinter einer Maske verstecken als die Leute hier draußen. Das gereicht ihnen natürlich auch zum Nachteil, weil sie dadurch Schwierigkeiten haben, sich anzupassen.

Ihre Sendung auf Radio Ara führen Sie fort?

Ja. In der Sendung geht es aber weniger um die Situation im Gefängnis. Sie dient in erster Linie dazu, den Kontakt zwischen drinnen und draußen aufrechtzuerhalten. Manchmal rufen Kinder an und erzählen, welche Note sie in der letzten Prüfung hatten oder dass sie ein neues Fahrrad bekommen haben. Für die Leute im Gefängnis ist es wichtig, von ihren Kindern, Freunden und Verwandten zu hören, die sich bei uns melden.

 

Die Gefangenenhilfsorganisation „info-prison“ wurde 1989 gegründet. Zuletzt bestand sie nur noch aus drei Mitgliedern. Lediglich einer von ihnen – Jeannot Schmitz – hatte sich am Ende noch inhaltlich mit dem Thema Gefängnis auseinandergesetzt. Die mangelnde Beteiligung führte schließlich zur Auflösung der Organisation.
Die Radiosendung „Iwert d‘Maueren ewech“ besteht indes weiter. Sie wird Freitags von 18.30 bis 20 Uhr von Radio Ara ausgestrahlt.
 


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