MALEREI: Tod im Hinterkopf

Bilder sagen mehr als tausend Worte, besonders dort, wo Sprache zu einem Code wird, den man nicht versteht – wie bei der Restaurantsuche in fremden Städten. Wird man nicht von scheinbar polyglotten Kellnern verbal in die Restaurants gezerrt, die diese bewerben wie Striplokale, findet man wenigstens Menükarten mit Fotografien appetitlich dekorierter Teller, die einem den Weg weisen. Merkwürdig nur, dass diese Fotos überall dasselbe zeigen.

Nicht so in der aktuellen Ausstellung in der Galerie Nosbaum & Reding. „Fight or Flight“ gibt einen Überblick über die Arbeiten des jungen luxemburgischen Malers Christian Frantzen aus den letzten zwei bis drei Jahren. Frantzen, der auch an dem Projekt ToiToi beteiligt ist, zeigt als erstes sein Faible für Stadtansichten. Man sieht Bilder von Wolkenkratzern und Wohnsilos, Werbetafeln und Neonreklamen und fragt sich, ob man in solch einer Umgebung wohnen wollte, erliegt aber gleichzeitig ihrer Ausstrahlung und der Lust am Leben, die eine Großstadt paradoxalerweise immer noch ausstrahlt.

Etwas im Abseits, an der Stirnwand eines Seitengangs, werden fast wie am Katzentisch auch vier seiner Stillleben gezeigt, die sich als zentralem Thema dem Essen zuwenden. Es sind Motive, wie wir sie auch von den oben genannten Menükarten oder aus dem Schnellimbiss kennen. Plakativ, mit harten Kontrasten und leicht übersättigt zeigen sie Burger, Enten, Austern und Hummer. Die Nahrungsmittel einer fetten Gesellschaft.

Und auch wenn er die Technik angepasst hat und dem Spiel von Licht und Schatten nicht mehr die gleiche Bedeutung beimisst, folgt Frantzen mit seinen Gemälden nicht nur im Stillen sondern auch in der Intention den alten Meistern aus den Niederlanden. So wie diese spielt er mit der Vanitas, der Eitelkeit als Akzent auf der vielfach verdrängten Vergänglichkeit. Fettsucht kontra Hungersnot und im Hinterkopf der Tod.

So schlagen diese Stillleben eine Brücke zu seinen „urban views“. Häuserblocks hinter Wellblechhütten-Siedlungen, Straßenzüge mit sich selbst aufhebender Werbung, und kein Mensch weit und breit. Was bleibt, ist die Faszination für die lange Gerade, für Texturen und Muster. Man spürt förmlich die meditative Wirkung beim Malen des scheinbar immer wieder gleichen Fensters.

Diese Wirkung ist es vielleicht auch, die den Betrachter in seinen Bann zieht. Was geschieht hinter diesen Fenstern? Die Illusion der tausend Möglichkeiten wird so ad absurdum geführt. Warum ewig leben, wenn ein Tag dem anderen gleicht?

Diese Gleichförmigkeit wird noch verstärkt durch die Wahl der Motive aus dem asiatischen Raum. Weil wohl wenige Europäer wirklich mit den fernöstlichen Schriftzeichen vertraut sind, werden diese zu Platzhaltern für die Werbung, die sie repräsentieren. Frantzen beschäftigt sich schon länger mit Stadtlandschaften und arbeitete dabei oft skizzenhaft illustratorisch oder streng grafisch. Auch seine hier ausgestellten Bilder zeigen einen objektiven Blickwinkel. „Ich male was ich sehe“, sagt er. Dennoch gelingt es ihm, diese Objektivität zum Teil aufzulösen, in dem er mit der räumlichen Tiefe spielt. So stehen die Wolkenkratzer dominierend neben Straßenansichten, die mit all ihren Werbetafeln zum Teil wie Collagen wirken. Indem Frantzen die Motive für seine Gemälde nicht selbst erfahren hat, sondern von Fotografien aus dem Internet „kopiert“, reißt er ganz nebenbei noch ein weiteres provozierendes Thema an – den ewig schwelenden Streit der Urheberrechtsbesitzer und Netzpiraten.

Trotz alledem: Weil es sich bei den Motiven um in Gemälde übersetzte Fotografien handelt, zeigt diese Ausstellung besonders deutlich, dass die Malerei der Fotografie immer noch etwas voraus hat.

Noch bis zum 4. September in der Galerie Nosbaum & Reding


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