FEMINISTISCHE KRITIK: Wörter als Waffe?!

Der Berliner Argument Verlag gibt ein Wörterbuch des Feminismus heraus. Klassische Stichworte wie Abtreibungskampagne, Ehe und Frauenbewegung reihen sich an unerwartete wie Gesamtarbeit, Hoffnungslosigkeit, Karneval oder Kibbuz. Erschwerend für das Verständnis der Beiträge ist allerdings das oftmals gebrauchte marxistische Vokabular.

Betrachtet Feminismus und Marxismus als zwei Formen von „Befreiungswissen“: Frigga Haug, Herausgeberin des Historisch-kritischen Wörterbuches des Feminismus.

Die Sprache und das Sprechen erschaffen unsere Wirklichkeit. Der gesellschaftlich wie individuell verfügbare Wortschatz bildet zugleich die Grenze wie den Möglichkeitsraum für menschliches Denken, Begreifen und Erleben – kurz: für unsere Erfahrung der Welt. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass sich die feministische Sprachkritik als eigenständiges Anliegen von Frauenbewegungen wie Geschlechterforschung etablierte. Der berühmte erste Artikel der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte spricht ebenso selbstverständlich von den „hommes“, den Männern als freie und gleiche Träger dieser Rechte, wie die amerikanische Unabhängigkeitserklärung die „selbstevidente Wahrheit“ entfaltete, „that all men are created equal…“ Das vermeintlich Allgemeine entpuppte sich als Männliches – mit fatalen Konsequenzen: Europäische wie amerikanische Frauen mussten sich den Zugang zu staatsbürgerlichen Rechten wie dem Wahlrecht und zur politischen Öffentlichkeit mühsam zurück erkämpfen – nachdem die bürgerlichen Revolutionen im 18. Jahrhundert ihren vollständigen Ausschluss von politischer Teilhabe begründet und sie zu Bürgerinnen zweiter Klasse erklärt hatten.

Gegenwärtig bleibt das Ringen um eine geschlechtergerechte Sprache ebenso ein aktuelles feministisches Anliegen wie die Opposition dagegen eine politische Positionierung darstellt.

Und so machen die HerausgeberInnen von Lexika in einem doppelten Sinne (Sprach-)Politik: Durch die Auswahl der Stichwörter legen sie die Begriffe fest, die als relevant, erinnerungs- und erklärungswürdig gelten. Das Nichtaufgenommene darf scheinbar vergessen werden. Zugleich kommt der Definition und der begriffsgeschichtlichen Erklärung der Stichwörter ein wirklichkeitsprägender und wirkmächtiger Charakter zu: Sie legen fest, was unter einer bestimmten Sache überhaupt zu verstehen ist.

Angesichts des zuvor gesagten ist die Herausgabe des Historisch-Kritischen Wörterbuchs des Feminismus (HKWF) eine begrüßenswerte Initiative. Zwar existieren mittlerweile eine ganze Reihe von Handbüchern und Einführungen in die Gender-Studien und die Geschlechterforschung. Diese richten sich jedoch eindeutig an ein wissenschaftliches Publikum. Die meisten Publikationen erschließen entweder ganze Themenfelder anhand weniger ausgewählter Begriffe wie „Körper“, „Politik“ oder etwa „Raum“, oder sie setzen Schwerpunkte auf Theorien, Methoden, Forschungsfelder und den Diskussionen in einzelnen Fach-Disziplinen. Der Bedarf für ein feministisches Wörterbuch bleibt also durchaus bestehen, insbesondere für eines, das sich wie das HKWF nicht lediglich mit der Definition von Begriffen begnügt, sondern ihre Entstehungsgeschichte und ihren Gebrauch historisch-kritisch nachzeichnet.

Zugleich stellen sich auch für ein feministisches Wörterbuch die Schwierigkeiten der Auswahl der Begriffe und ihrer Definition. Und hier offenbaren sich einige Schwächen. Bereits zur Herausgabe des ersten Bandes 2003 wurde von einigen RezensentInnen kritisiert, dass alle Stichworte dem „großen Bruder“ des Projektes, dem „Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus“ entnommen sind, welches seit 1983 von Wolfgang Haug herausgegeben wird und von dem mittlerweile sieben von geplanten 15 Bänden erschienen sind.

Damit positioniert sich das HKWF zum Verhältnis von Marxismus und Feminismus eindeutig. Die Frage nach der Vor- oder Gleichrangigkeit dieser beiden Perspektiven von Gesellschaftskritik hatte in den Siebzigerjahren zu erbitterten Auseinandersetzungen zwischen Marxisten und marxistischen Frauen geführt. Nicht zuletzt auf Grund der Resistenz von marxistischen Gruppen, sich ernsthaft mit feministischen Positionen auseinanderzusetzen, gründeten sich vielerorts eigenständige Frauenorganisationen. In der Folge vergrößerte sich die Kluft zwischen feministischen und marxistischen Gedanken.

Das Ringen um eine geschlechtergerechte Sprache bleibt ein feministisches Anliegen.

Für die Herausgeberin des Wörterbuchs, Frigga Haug, gehören Marxismus und Feminismus jedoch als Formen des „Befreiungswissens“ zusammen. Es scheint allerdings, dass dem Marxismus dabei nach wie vor das größere Gewicht beigemessen wird. Der einzige eigenständige Eintrag ist das Stichwort „Abtreibungskampagne“, das im marxistischen Referenzwerk fehlt – eine Ausnahme, die allerdings weder begründet, noch im Lexikon ausgewiesen ist. Ein im engeren Sinne feministisches Wörterbuch könnte auf Stichwörter wie „Dekonstruktion“ oder „Frau“ sicherlich nicht verzichten. Dennoch fehlen sie im HKWF. Dabei sind gerade dies Begriffe, denen in aktuellen feministischen Debatten eine herausragende Bedeutung zukommt. Anhand ihrer ließe sich die eigenständige Weiterentwicklung feministischen Denkens, auch jenseits eines marxistischen Theoriehorizontes, aufzeigen. Zumal auch die Beeinflussung von postmodernem Denken und Dekonstruktion durch marxistische Theorien bislang noch nicht eingehend untersucht worden ist. Hier ist zu hoffen, dass beispielsweise die Frage, was es heutzutage bedeutet, zwangsläufig eine Frau oder ein Mann sein zu müssen und nichts Drittes sein zu dürfen, unter Stichworten wie etwa Poststrukturalismus / Postmoderne oder Postkolonialismus in den erst noch erscheinenden Bänden des Wörterbuches Beachtung finden wird. In den ersten beiden Bänden werden diese Problematiken bereits angedeutet, etwa in den Einträgen zu Geschlecht, Heteronormativität und Identitätspolitik.

Zugleich ergibt sich für viele der aufgenommenen Stichworte – etwa „disponible Zeit“, „immaterielle Arbeit“, „ideologische Staatsapparate“ oder „historische Individualitätsformen“ – die Schwierigkeit, dass ihr Verständnis eine beachtliche Kenntnis eines marxistischen Vokabulars der Gesellschaftskritik voraussetzt und die feministischen Bezüge zwar für ein marxistisches Wörterbuch bemerkenswert, jedoch kaum ausreichend ausgeführt sind. Es wäre wünschenswert gewesen, diese Einträge nicht einfach zu reproduzieren, sondern zu überarbeiten, um deren feministisches Potenzial und Gehalt auszuloten und zugleich die Lesbarkeit für ein breiteres Publikum zu erhöhen.

Frigga Haug (Hrsg.) – Historisch-kritisches Wörterbuch des Feminismus. Band 1: Abtreibung ? Hexe. Band 2: Hierarchie / Antihierarchie bis Köchin. 400 bzw. 360 Seiten, Argument Verlag.


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