FESTUNG EUROPA: Geister, die keiner sehen will

Wer von Afrika nach Europa flüchtet, wird zwar nicht freundlich begrüßt, dafür aber mit Klischees beladen. Der neuseeländische Autor Lloyd Jones versucht mit seinem neuen Roman, gängige Bilder zu irritieren.

Objekt des europäischen Blicks: Flüchtlinge auf Lampedusa.

Die Madonna im blauen Mantel schmückt in Süditalien nicht nur Kirchenportale, sie ziert unzählige Hauseingänge, Fensternischen und Mauervorsprünge. Der Mutter des Gottessohnes gelten Fürbitte- und Dankgebete. Ob als verwitterte Holzfigur, kunstvoll bemalte Keramikstatue oder neonbeleuchtetes Plastikmodell, Maria wird als göttliche Jungfrau und mehr noch als Schutzheilige verehrt.

„Die Frau im blauen Mantel“, von der der neuseeländische Autor Lloyd Jones in seinem im Herbst im Rowohlt-Verlag erschienenen Roman erzählt, ist dagegen keine Heilige. Man scheint sie für ein Verbrechen verantwortlich zu machen. Doch die Menschen, die ihr begegneten, und nun angehalten sind, Auskunft zu geben, wissen nicht viel zu sagen. Auffällig an der Frau war eben vor allem ihr blauer Mantel. „Sehr gestylt. Italienisches Design.“ Als Angestellte in einem Nobelhotel an der tunesischen Küste hat sie gelernt unauffällig und nur im richtigen Moment zum Wohle des Gastes präsent zu sein. „Gutes Personal muss das Auge erfreuen, wie die Palmen und das Meer.“ Eine ehemalige Arbeitskollegin weiß zu berichten, dass sie mit einem Gast aus Berlin eine Affäre hatte, schwanger wurde und einen Sohn zur Welt brachte. Der Mann hat ihr nach der Geburt das Kind weggenommen. Kurze Zeit später ist dann auch die Frau aus dem Hotel verschwunden.

Mit Hilfe weiterer Zeugenaussagen lässt Jones einen sizilianischen Inspektor den Weg der unbekannten Afrikanerin rekonstruieren. Irgendwann muss sie mit einem Schlepperboot die Überfahrt nach Europa gewagt und sich schwimmend ans Ufer gerettet haben. Die Sonnenbadenden haben keine Frau aus den Wellen auftauchen sehen. Bei vorhergehenden so genannten Flüchtlingstragödien hatten sie sich nicht einmal von den an den Strand gespülten toten Flüchtlingen stören lassen.

Als Opfer, das man bedauert, um damit sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, taugt die Protagonistin nicht.

Wie soll ihnen da eine Frau auffallen, die ein unscheinbares „Hotelgesicht“ aufzusetzen weiß. Ein Lastwagenfahrer erinnert sich schließlich an eine auffällig gekleidete Schwarze, ja, das muss die gesuchte Frau sein, die er einige Autobahnkilometer nach Norden mitgenommen hat. Eine Gruppe von Rebhuhn-Jägern gibt zu, ihr auf ehemaligen Partisanenwegen über die grüne Grenze nach Österreich geholfen und ihr eine Zugfahrkarte nach Berlin gekauft zu haben.

Die Befragten sprechen allesamt lieber über sich selbst, ihr eigenes Leben ist schwer genug. Einer „Illegalen“ zu helfen, schafft neue Probleme, manche prahlen damit, es dennoch getan zu haben. In Deutschland wecken Fragen nach der Afrikanerin Schuldgefühle. Assoziationen zu vergangenen Gräueltaten tauchen auf, Ausflüchte werden gesucht, das Gewissen muss mit umständlichen Erklärungen und Rechtfertigungen beruhigt werden. Eine Frau spricht lange über die lästige Aufdringlichkeit von Roma-Frauen. Das Verhalten der schwarzen Frau sei vergleichsweise angenehm gewesen. „Ihre Anwesenheit war anders. Keine, die ständig deine Aufmerksamkeit verlangt.“ Außerdem war da noch der „teure Mantel“. Männer nehmen die Afrikanerin unverhohlen oder verschämt als Sexualobjekt wahr. In ihren Erinnerungen beschimpfen sie die Frau als Hure oder verwandeln sie in eine wilde Verführerin. Auch diejenigen, die länger mit ihr zusammengelebt haben, wissen wenig über die rätselhafte Fremde zu sagen, die sich ihnen als Ines vorgestellt hat. Eingehüllt in ihren „kalten, blauen Mantel“ bleibt sie unnahbar. Irgendwann wird sie verhaftet, abgeschoben und auf Sizilien vor Gericht gestellt.

Dann beginnt der zweite Teil von Jones Roman, zu den Dossiers der Zeugen kommt der Bericht der Verurteilten. Das Verbrechen wird aufgeklärt, klar wird auch, wie Ines zu ihrem Namen kam, woher der elegante blaue Mantel stammt. Er hat ihr keinen Schutz gewährt. Aber auch all jenen, die sich ihrer annahmen oder auf ihren Schutz angewiesen waren, wurden enttäuscht. Die Frau, die mit einem „meeresverrotteten Körper“ in Europa strandet, ist hart gegen sich und andere. Sie hat Schreckliches erlebt, ihre Selbstsucht ist verständlich, aber nicht sympathisch. Als Opfer, das man bedauert, um damit sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, taugt Ines nicht. Nur einer der aufgerufenen Zeugen, ein Pastor aus dem Igbo-Orden, wird später und wohl von Berufswegen dem Inspektor Moral predigen. Die Europäer würden die Menschen in Geister verwandeln, die niemand sehen will. „Wenn also jemand von den Behörden zu mir ins Büro kommt und um Hilfe bei der Suche nach einem bestimmten illegalen Einwanderer bittet, mache ich dasselbe, was Europa macht. Ich tue so, als existierten die Leute nicht.“

Jones hat einer von vielen Frauen, die auf seeuntauglichen Booten das Mittelmeer überqueren und in Europa als „sans papiers“ zu überleben versuchen, eine Geschichte geschrieben. Doch diese Geschichte hat nichts gemein mit den Mutmaßungen, die Zeitungberichte von geretteten Migrantinnen und Migranten so oft begleiten. Die Frau im blauen Mantel ist nicht auf der Flucht vor Armut, religiöser Tyrannei oder politischer Verfolgung. Sie ist auf der Suche nach ihrem verlorenen Sohn. Nur weil er von einem europäischen Touristen, der zwar ihre Haut hatte, aber „nicht in dieser Haut aufgewachsen“ war, nach Europa verschleppt wurde, hat sie sich auf den Weg gemacht.

Jones unterläuft in der Geschichte seiner Protagonistin alle Klischees über Flüchtlingsschicksale, entlarvt aber gleichzeitig, wie diese von den rechtmäßigen europäischen Festungsbewohnern kolportiert werden. Manche Episoden werden aus mehreren Perspektiven erzählt und bleiben doch vage, dafür zeigt sich die Ambivalenz der Zeugen. Ihr plaudernder Tonfall nimmt dem Erzählten seine Schwere, ohne dass die Lektüre tröstlich würde. Leider lässt der Autor abschließend noch eine letzte Zeugin auftreten, die ein unmögliches Happy End phantasiert. Das macht den Roman nicht weniger lesenswert, doch diesen kitschigen Abspann hat die Frau im blauen Mantel nicht verdient.

Lloyd Jones – Die Frau im blauen Mantel.
Ins Deutsche übersetzt von Grete Osterwald. Rowohlt Verlag, 316 Seiten.


Kriteschen an onofhängege Journalismus kascht Geld - och online. Ënnerstëtzt eis! Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld - auch online. Unterstützt uns! Le journalisme critique et indépendant coûte de l’argent - en ligne également. Soutenez-nous !
Tagged . Bookmark the permalink.

Comments are closed.