AUFARBEITUNG DER VERGANGENHEIT: Lähmendes Erbe

Wieder einmal setzt sich Antonio Lobo Antunes mit der Geschichte Portugals und den Folgen der Salazar-Diktatur auseinander. Daraus wird ein obsessiver Sprachrausch.

Wurde im Jahr 2007 in einer Sendung des portugiesischen Fernsehens zum bedeutendsten Portugiesen aller Zeiten gewählt: der 1970 verstorbene Diktator Salazar.

Die Geschichte beginnt mit dem Ende. Der Großvater wird zu Grabe getragen. Jahrzehnte lang hat er auf dem Landgut am Südufer des Tejo gegenüber von Lissabon geherrscht – als Tyrann, gefühlsarm und rücksichtslos. Der Patriarch unterdrückte seine Frau, verachtete seinen Sohn ebenso wie seine Enkel und verging sich am Dienstpersonal. Das Gut führte er zusammen mit seinem gefürchteten und nicht weniger skrupellosen Verwalter und mit der Unterstützung eines Priesters.

Es ist ein Teufelskreis aus Gewalt und Angst, in dem die drei Generationen der Familie leben und aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. In „Der Archipel der Schlaflosigkeit“, dem 2008 im portugiesischen Original und im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienenen Buch von Antonio Lobo Antunes, dreht sich einmal mehr alles um jenes Thema, das, zusammen mit den Schrecken des Kolonialkrieges in Afrika, das gesamte Werk des Autors prägt: um den Aufstieg und Niedergang Portugals.

Lobo Antunes beschreibt nicht nur, wie die archaische Gewalt über Generationen bis in die Gegenwart weiterwirkt, sondern auch, wie die Strukturen des Salazar-Regimes nach wie vor existieren, fast 40 Jahre nach dem Ende der Diktatur. Portugal erlebte äußerlich einen Modernisierungsschub, Lissabon bekam 1998 die Weltausstellung, das Land 2004 die Fußball-Europameisterschaft. Die Vernetzung von Staat, Kirche und Großkapital ist geblieben. Sie lähmt Portugal noch heute.

Die Motive des Buches ähneln denen der früheren Romane von Lobo Antunes wie zum Beispiel „Das Handbuch der Inquisitoren“ (1996), dem ersten von drei Bänden aus dem sogenannten Zyklus über die Gewalt. Erzählt wird der Zerfall einer Familie, und mit ihr der Niedergang einer Gesellschaft, der mit der Nelkenrevolution von 1974 nicht endete. Der Despotismus des Großvaters ist als Metapher auf die Salazar-Diktatur zu verstehen, die in vielen Köpfen lange Zeit noch weiterlebte.

Die Nelkenrevolution beendete zwar den von Salazar geschaffenen, ständestaatlichen „Estado Novo“, aber nicht das Andenken an Antonio de Oliveira Salazar selbst: Der Diktator und Mussolini-Bewunderer ist bei vielen Portugiesen noch heute populär, nicht zuletzt wegen seiner Unbestechlichkeit und bescheidenen Lebensweise. Personenkult war ihm zuwider. In einer Sendung des portugiesischen Fernsehens wurde Salazar 2007 zum bedeutendsten Portugiesen aller Zeiten gewählt.

Der „Estado Novo“ beziehungsweise der Salazarismus wird von Historikern nicht als Faschismus bezeichnet, sondern als konservativ-autoritäre Diktatur. Salazar setzte weniger auf Mobilisierung und Indoktrinierung als auf Unterdrückung und Ruhigstellung. Seine Nationale Union erlangte nie die Bedeutung anderer faschistischer Bewegungen. Um ein Staatsamt zu bekleiden, musste man nicht Mitglied sein in der Einheitspartei. Salazar unterschied zudem zwischen Autoritarismus und Totalitarismus, letzteren lehnte er ab.

Trotzdem ist eine Diktatur eine Diktatur. Die paramilitärische Miliz „Legião Portuguesa“ funktionierte wie die SA der Nazis, die Jugendorganisation „Mocidade Portuguesa“ hatte ebenfalls faschistische Züge und die Hitlerjugend als Vorbild, und auf den Kapverdischen Inseln wurde das Konzentrationslager Tarrafel eingerichtet. Zwar propagierte Salazar nicht den Antisemitismus, doch verschleppte und ermordete die Geheimpolizei PIDE Regimegegner.

Lobo Antunes hat sich diese dunkle Vergangenheit seines Landes zum Lebensthema gemacht. Er arbeitete lange Zeit als Psychiater und war Chefarzt einer psychiatrischen Klinik. Auch in „Der Archipel der Schlaflosigkeit“ kommt eine Psychiatrie vor. Geboren am 1. September 1942 in Lissabon, war Lobo Antunes Militärarzt im angolanischen Kolonialkrieg, der in vielen anderen Romanen des Autors eine herausragende Rolle spielt.

Lobo Antunes beschreibt, wie die Strukturen des Salazar-Regimes nach wie vor existieren, fast 40 Jahre nach dem Ende der Diktatur.

Der Schriftsteller hat nicht zum ersten Mal auf die Gattung des Familienromans zurückgegriffen. Dies war bereits unter anderem in „Der Reigen der Verdammten“ (1985) und „Die natürliche Ordnung der Dinge“ (1992) der Fall. In der Familie spiegeln sich die autoritären Strukturen des Staates wider: Der Tyrann nimmt, was er begehrt, seine Frau ebenso wie die Küchenmagd. „Komm her“, knurrt er, und die anderen haben zu gehorchen. Er demütigt seine Mitmenschen. Sein Wortschatz ist reduziert. Für seinen Enkel hat er nur die Bezeichnung „Idiot“ übrig.

Im Gegensatz zum sprachlichen Minimalismus des Großvaters ist der Sprachfluss des Autors überbordend. So eng die Welt der Schreckensherrschaft des Patriarchen ist, so grenzenlos ist die von Lobo Antunes. Der Schriftsteller ist ein Sprachvirtuose. Sätze beginnen und werden von Einschüben, Gedanken und kurzen Gesprächsfetzen unterbrochen, die im Nirgendwo enden. Manche Beschreibungen wiederholen sich. Verschiedene Stimmen ergeben einen polyphonen Chor, unterschiedliche Zeitebenen schieben sich übereinander. Es fehlt eine obere Autoreninstanz.

Das Buch zu lesen verlangt dem Leser einiges ab. Doch ist er einmal vom Sog der Sprache mitgerissen, ist die Lektüre ein Genuss. Einmal heißt es: „Dies ist kein Buch, sondern ein Traum.“ Alles fließt wie in einem Fluss der Assoziationen, wie in einem „Stream of Consciousness“, jenem literarischen Verfahren, das erstmals William James verwendet und das Schriftsteller wie William Faulkner, James Joyce oder Alfred Döblin meisterlich praktizierten.

Lobo Antunes steht also in guter Tradition. Hinzu kommt, dass er mit großer Detailbesessenheit die Tier- und Pflanzenwelt beschreibt. Doch auch hierbei verzichtet er nicht auf das Spiel mit Bruchstücken, die andere Bruchstücke überlagern, sowie mit ständig wechselnden Perspektiven, die miteinander verschmelzen oder auf jenes mit den bereits erwähnten Wiederholungen.

Allerdings sind es weniger Perspektivenwechsel als sonst bei Lobo Antunes. Zum größten Teil kommt einer der Enkel, der Jaime genannt wird, zu Wort, später die Schwiegertochter Maria Adelaide sowie die Kusine Hortelinda. Letztere trägt ein „Todesbuch“ mit sich, mit dem sie die Menschen aus dem Leben ruft. So heißt es gegen Ende: „Gleich ist morgen, aber morgen wird nie sein.“

„O arquipélago de insónia“ war sicherlich schwer zu übersetzen, aber Maralde Meyer-Minnemann ist diese Aufgabe glänzend gelungen. Der Sprachfluss entspricht dem des portugiesischen Originals. Die Übersetzerin, fast so alt wie Lobo Antunes, hat übrigens auch die meisten Werke des Brasilianers Paulo Coelho ins Deutsche übertragen. Doch eine Herausforderung sind einzig die Bücher des Portugiesen.

Das virtuose Spiel mit der Sprache ließ Lobo Antunes viele Jahre zu einem heißen Kandidaten auf den Literaturnobelpreis werden, aber vor Jahren musste er seinem Landsmann Josê Saramago den Vortritt geben. Dieser, inzwischen verstorben, schrieb stilistisch wesentlich konventioneller als Lobo Antunes, den es nicht gestört hat, dass Saramago ausgezeichnet wurde. Er selbst erhielt 2007 den Camões-Preis, die höchste Auszeichnung der portugiesisch-sprachigen Literatur. Die Obsession des 70-Jährigen für das Schreiben ist ungebrochen. Den Beweis hat er mit „Der Archipel der Schlaflosigkeit“ erbracht.

Antonio Lobo Antunes – Der Archipel der Schlaflosigkeit. Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann. Luchterhand Verlag, 317 Seiten.


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