DENG XIAOPINGS CHINA: Widersprüchlich und pragmatisch

Die Erfolgsgeschichte von Chinas Entwicklung zur größten Wirtschaftsmacht weltweit verstehen ? dabei hilft die neue Deng-Xiaoping-Biographie von Felix Lee. Und sie beleuchtet die Schattenseiten, die 25 Jahre nach Tiananmen aktueller sind denn je.

„Macht und Moderne –
Chinas großer Reformer
Deng Xiaoping“ von Felix Lee, Rotbuch Verlag 2014

„Am frühen Morgen des 4. Juni aber rückten die Soldaten vor – junge Befehlsempfänger vom Lande. (…) dann fielen auch schon die ersten Schüsse. Bis zum Morgengrauen waren alle Zelte plattgewalzt, der Platz geräumt.“ Der Platz, um den es hier geht, heißt Tiananmen. Das Jahr: 1989. Felix Lees Buch „Macht und Moderne“ hilft, dieses dramatische Ereignis 25 Jahre danach einzuordnen. „Die Hoffnungen auf eine Demokratisierung der bevölkerungsreichsten Nation der Welt wurden in dieser Nacht zerstört. Den Schießbefehl erteilt hatte Deng Xiaoping, das informelle Staatsoberhaupt der Volksrepublik China.“

„Macht und Moderne“ ist die aktuellste der wenigen in deutscher Sprache vorliegenden Deng-Biographien. In ihr geht es dem Autor weniger um das Privatleben des wichtigsten chinesischen Politikers nach Mao Zedong, sondern vor allem um die Wechselbeziehung zwischen Dengs Laufbahn und den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in China. In Dengs Person kristallisieren sich die Erfolgsgeschichten und die Tragödien, die das Reich der Mitte im 20. Jahrhundert durchlebt hat: Befreiung von Fremdherrschaft, kommunistische Irrwege wie der Große Sprung nach vorn oder die Kulturrevolution, wirtschaftlicher Durchbruch und materieller Wohlstand, Unterdrückung aller demokratischen Ansätze.

Das Paradox: Auf dem Tiananmen-Platz hatte Mao im August 1966, zum Schrecken Dengs, die Kulturrevolution ausgerufen, auf demselben Platz hatten die Proteste der Bevölkerung im April 1976 Deng davor bewahrt, ein Opfer der Viererbande zu werden. Doch 13 Jahre später zögerte der „Reformpolitiker“ nicht, die Panzer gegen die Bevölkerung rollen zu lassen, um den Alleinherrschaftsanspruch der KP durchzusetzen.

Held oder Schurke?

Im Inland bis heute totgeschwiegen, wurde Tiananmen im Ausland zum Symbol für die Entschlossenheit der KP Chinas, am totalitären Erbe des Kommunismus festzuhalten. Dengs zentrale Rolle bei der Niederschlagung der Proteste wurde allerdings verdeckt durch seine Rolle in der Politik der Folgejahre, als er sich gegen die „Konservativen“ durchsetzte und China endgültig auf den Kurs Richtung Wirtschaftswunder brachte. Im eigenen Land ist seine Bilanz nicht minder umstritten, wie Lee zu berichten weiß: „Auch für die Chinesen ist, je nachdem, wen man fragt, Deng bis heute ein Held oder ein Schurke.“

Dengs politisches Leben gleicht einer Pendelbewegung: Der unterdrückerischen und menschenverachtenden Tiananmen-Periode ging die Zeit der Kulturrevolution voraus, in der Deng selber zum Opfer wurde und von der Hatz auf Intellektuelle angewidert war. Davor war das Pendel allerdings bereits einmal in die andere Richtung ausgeschlagen. Deng wurde 1921, mit 17 Jahren, Kommunist. Von Anfang an stand er am radikalen Flügel der Partei und wurde so zum Gefolgsmann von Mao Zedong. Zwischen den beiden Männern entstand ein Verhältnis von gegenseitigem Respekt, das Deng später vor dem Schlimmsten bewahren sollte. Nach dem Sieg der Kommunisten 1949 brachte die Treue zu Mao Deng dazu, eine herausragende Rolle in der Episode zu spielen, die Lee unter dem Titel „Hundert Blumen, Zehntausende Verhaftete“ resümiert. 1956 rief Mao die Intellektuellen dazu auf, Missstände in Regierung und Partei zu benennen. Weil die Kritik aus dem Ruder lief – schon damals kam die Forderung nach mehr Demokratie auf -, brach Mao, mit Dengs tatkräftiger Unterstützung, eine brutale „Kampagne gegen rechte Elemente“ vom Zaun. Lee schreibt: „Unter Chinas Intellektuellen ist Deng für seine Rolle in dieser Kampagne bis heute verhasst. Für sie war Deng schon damals ein Schlächter.“

Vom Ultra zum Reformer

Zweifel an Maos Genie und an seinem Drängen auf die Politisierung aller Sphären des menschlichen Lebens kamen Deng erst während des „Großen Sprungs nach vorn“. Deng hielt sich zwar mit Kritik zurück, doch die Erfahrung, dass 20 Millionen seiner Landsleute Opfer einer von unsinnigen ideologischen Vorgaben ausgelösten Hungerkatastrophe wurden, bestärkte ihn in seinem Hang zum Pragmatismus. Bei der Bemühung, Chinas Wirtschaft wieder einigermaßen in Gang zu bringen, gesellte er sich nun zu den „Reformern“.

Die Kulturrevolution, mit der ein geschwächter Mao versuchte, seine Vormachtstellung in Armee und Partei wiederzugewinnen, machte Deng dann schließlich selber zum Opfer. Rotgardisten drangen in seine Wohnung ein, demütigten ihn und zwangen ihn zu öffentlicher Selbstkritik – eine Praxis übrigens, die nachdem sie 40 Jahre lang geruht hatte, in jüngster Zeit von der politischen Führung wieder angewendet wird. Sein ältester Sohn sprang vom Dach eines Universitätsgebäudes – oder wurde er hinunter gestoßen? – und ist seither von der Hüfte abwärts gelähmt. Danach wurde Deng aufs Land verbannt, wo er mit über 60 Jahren als einfacher Landarbeiter sein Dasein fristen musste.

Nach dem Ende der Kulturrevolution konnte er nach Peking zurückkehren, obwohl die sogenannte Viererbande immer noch versuchte, einen ultralinken Kurs durchzusetzen. Wirtschaftliche Reformen waren seine erste Priorität. Lee führt aus, welche Rolle Dengs erster „Auslandsauftritt“ vor der UN-Versammlung 1974 hierbei gespielt hat: „In den vier Tagen in New York sah er erstmals, wie die Welt sich weiterentwickelt hatte, während die Volksrepublik erheblich zurückgefallen war.“ Unter anderem bekam er für seine Enkelin eine Puppe geschenkt, die weinen, nuckeln und sogar urinieren konnte. Diese Art Hightech-Produkt, rief damals in China Bewunderung und Neid hervor; heute wird sie standardmäßig dort – und nur mehr dort – hergestellt. Im Kapitel „Deng, der Reformer von Maos Gnaden“ beschreibt Lee, wie der Pragmatiker Deng in der Folge eine Modernisierung von Industrie und Wissenschaft anstrebte, ohne dabei den Führungsanspruch der KP und Maos Lehre in Frage zu stellen.

Alles für die Modernisierung

Dengs Flexibilität stieß an ihre Grenzen, als Mao ihn auf Druck der Viererbande aufforderte, sich deutlich zu den „Errungenschaften der Kulturrevolution zu bekennen“. Deng weigerte sich ? was Lee allerdings weniger auf moralische Prinzipienfestigkeit als auf politische Weitsicht zurückführt: „Hätte Deng nachgegeben und Maos Fehlentscheidungen gutgeheißen, hätte er sich mitschuldig gemacht. (…) Um nach Maos Tod auch weiter eine einflussreiche Rolle in der Regierung spielen zu können, musste er sich von Maos Klassenkampf distanzieren.“

Damit hatte Deng im Spiel um die Macht hoch gepokert, doch die nachfolgenden Runden gingen zu seinen Gunsten aus. Die großen Demonstrationen auf dem Tiananmen-Platz nach dem Tod des Reformers Zhou Enlai 1976 verdeutlichten der politischen Klasse den populären Rückhalt, über den Deng verfügte. Nach Maos Tod musste zuerst die Viererbande weichen und nach ihr der designierte Nachfolger und zögerliche Reformer Hua Guofeng. Beim Dritten Plenum des Zentralkomitees 1978 fiel die endgültige Entscheidung zugunsten von Deng Xiaoping und seiner Reform- und Öffnungspolitik.

Von Anfang an machte Deng die Haltung der Regierung zur Demokratiefrage klar, die bis heute gültig geblieben ist: „Zur Veränderung zeige man sich bereit – aber nur solange das eigene Machtmonopol und das der KP als Organisation nicht angetastet wird“. Die 1977 errichtete Demokratiemauer, deren Wandzeitungen ihm gute Dienste im Kampf gegen die Neomaoisten geleistet hatten, ließ er zwei Jahre später abreißen. Dafür machte er nun Ernst beim Aufbau des von Lee als „Deng-Kapitalismus“ bezeichneten Wirtschaftsmodells. Zug um Zug wurde die Landwirtschaft reprivatisiert und die Gründung von freien Unternehmen erlaubt, und bald entstanden die ersten Sonderwirtschaftszonen. Insbesondere Shenzhen entwickelte sich mit der Hilfe des Provinzgouverneurs Xi Zhongxun, Vater des derzeitigen Staatspräsidenten Xi Jinping, binnen weniger Jahre vom Dorf zur boomenden Millionenstadt. Die ganze Welt zeigte sich beeindruckt von diesen Erfolgen, und Deng wurde gleich zweimal – 1978 und 1985 – vom Time Magazine zum Man of the Year gekürt.

Was dann im Juni 1989 passierte, veränderte schlagartig, und für Jahrzehnte, das Chinabild im Ausland. Wer sich bereits mit den Ereignissen um den Tiananmen-Platz befasst hat, wird in Lees Buch wenig neue Fakten erfahren. Das Verdienst des Autors ist, die Proteste und ihre Niederschlagung in ihren Kontext zu setzen. Die Unzufriedenheit der Jugendlichen bezog sich nicht nur auf politische Missstände, sondern auch auf die wirtschaftlichen Probleme, zu denen eine verfehlte Geld- und Sparpolitik im Zuge der Reformen geführt hatte.

Zwiespältiges Erbe

Darüber hinaus erinnert Lee an die zeitgleichen Ereignisse in Osteuropa – in Polen hatte Solidarnosc der KP bereits freie Wahlen abgetrotzt. Verständlich, dass Deng ein Zeichen setzen wollte: „Er begründete eine blutige Niederschlagung damit, dass die Stabilität aufrecht erhalten werden müsse, damit die Reform- und Öffnungspolitik sowie die Modernisierung des Landes fortgesetzt werden könnte“, schreibt Lee. Anders als manche „China-Versteher“ beschönigt der Autor aber nicht das Vorgehen des Militärs und spart nicht mit Kritik an Dengs Entscheidung: „In dieser Sekunde verlor die Volksrepublik der Ära nach Mao ihre politische Unschuld.“

Dengs eigentliches Erbe, die Verbindung von autoritärer politischer Kontrolle und starker wirtschaftlicher Liberalisierung, setzte sich erst nach 1989 endgültig durch. Die radikalsten Reformer wurden kaltgestellt, und die reformfeindlichen Kräfte erstarkten. Doch Anfang 1992 gelang es dem inzwischen fast 90-Jährigen mit einer Art Promotionstour durch den Süden Chinas, die politische Elite auf Linie zu bringen. Als er fünf Jahre später starb, bekannte sich die gesamte Führungsriege zu den „Deng-Xiaoping-Theorien“. Es war Deng gelungen, „eine Ordnung zu schaffen, in der Sozialismus und Kapitalismus nicht gegeneinander arbeiten, sondern sich zu ergänzen scheinen“.

Der chinesischstämmige Journalist Felix Lee hat in Deutschland – und kurze Zeit auch in Luxemburg, bei der woxx – gearbeitet und lebt und schreibt zurzeit in China. Dass er sein Herkunftsland mit den Augen eines liberalen politischen Werten verpflichteten Linken betrachtet, hat er in seinem ersten Buch „Die Gewinner der Krise“ (woxx 1194) gezeigt. Für seine Deng-Biographie hat er umfassend die englischsprachige Literatur zu Deng und China benutzt. Man hat allerdings den Eindruck, dass insbesondere seine politischen Einschätzungen und Kontextualisierungen auf Kontakten und Gesprächen vor Ort beruhen. Obwohl Lee in seinem Buch über weite Strecken einfach Dengs Geschichte erzählt, zögert er nicht, auf unklare Handlungsabläufe hinzuweisen und verschiedene Möglichkeiten kurz anzudiskutieren.

Vor allem aber: Die Empathie für die kommunistischen Leader, die China manches Gute gebracht haben, wird durch Lees unaufdringliches, aber entschiedenes Engagement relativiert. Im letzten Kapitel weist er auf die neu entstandenen Ungerechtigkeiten, die Umweltprobleme, die Wertekrise und die Korruption hin und warnt vor einem Weitermachen wie bisher. Der relative Wohlstand, den Dengs Politik ihnen gebracht hat, reiche vielen Chinesen nicht mehr aus. Wohlwissend, dass die jetzige Regierung von Demokratisierung nichts hören will, spricht sich Lee doch genau für diese aus: „Chinas Regierung wäre wohl beraten, die Bevölkerung stärker in die Entscheidungsprozesse einzubinden. Weniger Deng Xiaoping täte dem heutigen China gut.“


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