CHRISTIAN PETZOLD: Verdränger und Verbliebene

In „Phoenix“ versucht eine Auschwitz-Überlebende, in ihr altes Leben zurückzufinden. Ein gewagtes Drehbuch, das auf der Kinoleinwand erstaunlicherweise funktioniert.

Mehr als eine trashige Telenovela. Obwohl Petzold US-amerikanische Filme wie auch den Film Noir liebt.

Man liest, worum es in „Phoenix“ geht, und fragt sich, warum deutsche Regisseure es nicht lassen können, den Holocaust filmisch zu bearbeiten. Hat das FAZ-Feuilleton am Ende doch Recht damit, dass NS-Dramen längst zur deutschen Unterhaltungsindustrie gehören? Skeptisch geht man dann doch ins Kino, getrieben von Neugierde und dem tröstlichen Gedanken im Hinterkopf, dass Christian Petzold sich zwar in den letzten Jahren wiederholt an deutsch-deutschen Geschichten abgerackert hat, aber genug Feinsinn besitzt und filmisch eben etwas kann, so wie Quentin Tarantino oder vielleicht mit der Erwartung an gutes Schauspiel, weil Nina Hoss nicht Martina Gedeck ist. Dabei stimmt einen der Titel des Films auch nicht gerade hoffnungsvoll, vielmehr verfestigt sich das Unbehagen: „Phoenix“, das erinnert an den Vogel, der aus der Asche steigt – eine pathetische und abgeschmackte Metapher, erst recht in der Kombination mit den Bildern einer gespenstischen Nina Hoss, die als ehemalige KZ-Insassin Nelly Lenz mit entstelltem Gesicht durch die Trümmer Berlins stakst, vor einem geradezu geisterhaft-beklemmenden Szenario, das Petzold so schnell auch nicht auflöst. In einer der ersten Einstellungen sieht man zwei Personen in einem schicken Auto an einer Passierschranke. Lene (Nina Kunzendorf), die für die Jewish Agency arbeitet, und eine Frau, deren Kopf über und über mit Bandagen umwickelt ist. „Zeigen Sie mir ihr Gesicht!“ brüllt der Wachposten, um dann schockiert eine Entschuldigung zu murmeln. In einer Klinik fragt der Chirurg, der Nellys Gesicht „rekonstruieren“ soll, dann mit schnarrender Stimme, wie sie denn aussehen möchte. „Wie Zarah Leander oder wie die Söderbaum?“ Um sich dann doch noch zu erinnern, dass diese Schönheitsideale wohl passé sind. Ein wohlfeiler Witz. „So wie früher!“, insistiert die zerschundene Nelly, deren Identitätssuche den Rest des Filmes bestimmen wird. Denn während ihre Freundin Lene nach Palästina auswandern will („Wir sind es den Ermordeten schuldig, dort etwas aufzubauen“), hat Nelly nur den Wunsch, in ihr altes Leben zurückzukehren. Zurück zu ihrem Ehemann Johnny (Ronald Zehrfeld), obwohl der sie, wie Lene ihr offenbart, durch Verrat an die Gestapo ins KZ gebracht hat. Nach langer Suche macht sie ihn im Nachtclub „Phoenix“ im zerbombten Berlin ausfindig. Er wird sie – und hierin besteht die ganze Unglaubwürdigkeit der sorgsam konstruierten Handlung – nicht als seine verstorben geglaubte Frau erkennen. Weil sie der aber auffallend ähnelt, sieht Johnny die Chance, an deren Erbe heranzukommen, und bei Nelly selbst keimt Hoffnung auf, dass er sie irgendwann erkennen wird. So beginnen sie, gemeinsam an der inszenierten Farce zu arbeiten, eine Tatsache, die Lene nicht wahrhaben will: „Kaum hören die Gaskammern auf zu arbeiten, beginnen wir zu verzeihen.“ Nelly lernt neu, sich so zu bewegen, so zu schreiben, sich so zu verhalten wie die Totgeglaubte, also die Nelly von früher zu sein und sich Johnnys Wünschen anzupassen. Selbst als dieser von ihr verlangt, dass sie bei der für die Angehörigen inszenierten Rückkehr aus dem KZ im luftig roten Kleid, Schuhen aus Paris und perfekt geschminkt auftritt. Was wie die geschmacklose Vorlage zu einer Seifenoper klingt, weiß Petzold aber tatsächlich nuanciert umzusetzen – ohne, dass es seicht wird. Die an Hitchcocks „Vertigo“ (1958) erinnernde Konstellation funktioniert vor allem dank des Drehbuchs und nicht zuletzt, weil Hoss und Zehrfeld seit „Barbara“ (2012) ein eingespieltes Gespann sind. In Phoenix ist er ein Rindvieh und allseitiger Verdränger, sie eine gebrochene Gestalt, die tastend versucht, zu sich zurückzufinden. Als sie von Auschwitz erzählen will, versagt ihr die Stimme. Doch niemand, auch die Angehörigen, wird sie je wieder danach fragen, weil keiner etwas davon wissen will.

So kann „Phoenix“ als filmischer Versuch gelten, deutsche Geschichte jenseits des (ZDF-)Mainstreams darzustellen. Petzold schafft damit ein ungeschöntes Spiegelbild Nachkriegsdeutschlands: mit den Deutschen, die die NS-Verbrechen vergessen wollen, auf der einen Seite und den Opfern, die sie vergessen müssen, um irgendwie weiterleben zu können, auf der anderen. Ein wenig dick aufgetragen wirkt dann aber doch, dass der Regisseur das Drehbuch, das in gemeinsamer Arbeit mit dem verstorbenen Harun Farocki entstand, ausgerechnet Fritz Bauer gewidmet hat. Petzolds Haltung wird ohnehin deutlich. Der Soundtrack des Films von Kurt Weill „Speak low“ wird noch lange im Kopf nachhallen. Auch noch viel später, wenn man erleichtert zu dem Schluss kommt, dass „Phoenix“ – trotz seiner sehr deutschen Perspektive – tatsächlich kein schnulziges Holocaust-Drama ist, das Geschichte frisiert, sondern es zumindest partiell schafft, dass sich die Beklemmung am Ende löst.

Im Utopia


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