DENKMALSCHUTZ: Damnatio Memoriae

Unter der rot-blau-grünen Regierung verstärkt sich die Bedrohung historischer Gebäude. Rentabilität hat Vorrang vor der Bewahrung des nationalen Erbes.

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Zunehmend werden in Luxemburg historische Gebäude abgerissen und sind für immer verloren. Mir nichts dir nichts verschwinden so der Hadir-Tower, ein Wahrzeichen der Stahlindustrie, der historische Bau Bourg-Gemen auf dem Limpertsberg oder der Ettelbrücker Bahnhof – und der öffentliche Widerstand bleibt trotz fadenscheiniger Begründungen, gering. Mal heißt es, das Gebäude sei „sanierungsbedürftig“, mal versteckt sich die Politik – als sei sie machtlos – hinter privaten Bauanträgen oder sie hat den Abriss sogar selbst beschlossen, wie im Fall des Hadir-Turms der Differdinger Gemeinderat. Plausible Argumente für die Geringschätzung des historischen Bestandes zu finden, macht man sich erst gar nicht die Mühe. Die Bürgerinitiative Hadir Tower, die bis zuletzt für den Erhalt des historischen Turms gekämpft hatte, fand keine Unterstützung; vier Briefe an die Ministerin blieben unbeantwortet, eine Motion des linken Gemeinderats Gary Diderich wurde abgeschmettert. Wie bei den „aciéries de Hollerich“ werden Einwände schlicht ignoriert. Während europaweit Architekturkongresse oder Biennalen unter der Maxime „Reduce, Reuse und Recycle“, also einer Umnutzung von vorhandenem Baubestand, abgehalten werden, gilt hier das Neue, und vor allem das kurzfristig Rentable, als Maß aller Dinge. Dann aber sollte man konsequent sein: Abriss eines jeden Gebäudes nach 25 Jahren, da sich dann jede Investition refinanziert hat – das steigert das Bruttosozialprodukt. Im Ernst: Wer will in solch einer Gesellschaft leben?

Lydie Polfer, Bürgermeisterin der Hauptstadt, rechtfertigte den Abriss zweier Belle-Époque-Häuser auf dem Plateau Bourbon gegenüber RTL tatsächlich mit den Worten: „Wenn wir die Harmonie der Straße halten wollen, dann müssen wir noch mehr Hochhäuser bauen.“ Wie geschichtslos, ästhetisch ahnungslos und bar jeden Verständnisses für modernere Stadtentwicklungspolitik muss man sein, um ein solches Statement abzugeben? Nicht, dass die CSV sich große Meriten in punkto Denkmalschutz erworben hätte. Aber seit die rot-blau-grüne Regierung am Ruder ist, weht ein noch rauerer Wind. Zahlreiche Abrisse bedeutender Bauten zeigen gerade in jüngster Zeit, dass ihre Vergangenheit, ihr Entstehungsjahr oder ihr Architekturstil immer weniger eine Rolle spielen.

„Luxemburg braucht ein zeitgemäßes und konsistentes Denkmalschutzrecht.“

Dass für Maggy Nagel als Ministerin für Wohnungsbau der Schulterschluss mit Investoren offenbar Vorrang hat, obgleich sie zugleich Kulturministerin ist und damit eigentlich oberste Denkmalschützerin und Gralshüterin der kulturellen Schätze sein sollte, passt da ins Bild. Wer wird sich noch wundern, dass der Wert eines Objekts des nationalen Erbes oder seltener Architektur für sie, die bereits in ihrer Zeit als Mondorfer Bürgermeisterin seltene Bauten zugunsten rentabler Bauprojekte abreißen ließ, keine Rolle spielt? Investoren anziehen und lukrative Großprojekte abschließen, scheint seit langem die Devise der DP zu sein. Grüne und Sozialisten schauen zu.

Vier lokale Luxemburger Initiativen haben nun den Versuch gestartet, die öffentliche Teilnahmslosigkeit zu durchbrechen und eine gesellschaftliche Diskussion um den Erhalt des kulturellen Erbes in Gang zu bringen. Denn Luxemburg braucht ein zeitgemäßes und konsistentes Denkmalschutzrecht, das institutionell unabhängig(er) von der parteipolitischen Mehrheitsbildung ist, und das auch tatsächlich greift. Derzeit werden nur in seltenen Fällen historische Gebäude überhaupt „klassiert“ und am Ende wirklich unter Denkmalschutz gestellt – wie neben einigen Bauernhäusern die Bahnhofsrotunden oder die Villa Pauly. Das „Sites et monuments“, die nationale Denkmalschutzbehörde, ist nur ein zahnloser Tiger – er faucht zwar gelegentlich, doch beißen kann er nicht. Insgesamt stehen so nur 0,4 Prozent der Luxemburger Bauwerke unter nationalem Denkmalschutz. Das muss sich ändern. Was ist eine Gesellschaft wert, wenn sie ihre eigenen Wahrzeichen zerstört und nicht mehr auf ihre Geschichte blicken kann? Damnatio memoriae!


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