WERTEUNTERRICHT: „Sich von Maximalpositionen trennen“

Die Vorstellung eines Rahmendokuments zum einheitlichen Werteunterricht und die Nominierung des Schweizer Bildungswissenschaftlers Jürgen Oelkers als Moderator der mit dessen Ausarbeitung betrauten Arbeitsgruppen hatten teils heftige Reaktionen zur Folge. Die woxx hat sich mit Professor Oelkers unterhalten.

Jürgen Oelkers, 1947 in Buxtehude (Deutschland) geboren, ist Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Zürich. In der Schweiz war er an den Arbeiten am Fach „Religion und Kultur“ beteiligt.

woxx: Ihre Nominierung als Moderator der mit der Ausarbeitung eines einheitlichen Werteunterrichts befassten Arbeitsgruppen hat in Luxemburg eine recht hitzige Debatte ausgelöst. Hat Sie das überrascht?

Jürgen Oelkers: Mich haben die Reaktionen nach dem Vortrag, den ich gehalten habe, überrascht, ja. Von dem anderen ist mir nichts bekannt. Ich weiß nicht, worauf sich Ihre Bemerkung bezieht, wahrscheinlich auf Leserbriefe oder andere Stellungnahmen, aber die kenne ich nicht. Ich war überrascht, dass am Schluss meines Vortrags offenbar vorbereitete Fragen kamen, die in meinen Augen relativ heftig waren. Es ging ausschließlich um das Thema Religion, obwohl ich in meinem Vortrag deutlich gesagt habe, dass diese ein Teil des neuen Faches ist, nicht das Fach selbst.

Sind Sie gewissermaßen dem Ärger über das vorgestellte Rahmendokument und den Platz, den die Religionen darin innehaben, zum Opfer gefallen?

Das müssen Sie die Leute fragen, die die Fragen gestellt haben. Wir kennen das ja hier (in der Schweiz, Anm. d. R.) auch, dass es radikal religionskritische Positionen gibt, die Religion überhaupt nicht in der Schule haben wollen, wie das ja so ähnlich auch in Frankreich und in den Vereinigten Staaten der Fall ist. Wir gehen aber davon aus, dass man Religion sehr wohl in der Schule behandeln kann, wenngleich nicht im Sinne von Glaubensunterricht. Aber nochmals: Überrascht hat mich, dass es tatsächlich nur um diese Frage ging. In dem Rahmendokument ist zwar von Religion die Rede, aber nur als möglicher Teil des neuen Fachs. Wobei dieses nicht einmal in Umrissen erkennbar ist, schließlich beginnt die Arbeit daran ja gerade erst. Der Konflikt besteht aber darin, dass es bislang zwei Fächer gab, die unterschiedlich ausgerichtet waren, und da wird jetzt das neue Fach beargwöhnt. Wir kennen das auch von anderen, ähnlichen Entwicklungen, dass man immer Schwierigkeiten hat, wenn man etwas Neues auf etwas Altem aufbaut. Das ist als Reaktion normal.

Für Kritik hat auch Ihre Aussage bei der öffentlichen Debatte gesorgt, in Frankreich habe man keine Religion an der Schule – jetzt sehe man ja, was man davon habe.

Diese Aussage bezog sich auf Stellungnahmen, etwa in der Neuen Zürcher Zeitung, in der französische Intellektuelle die Meinung geäußert haben, dass es in Frankreich an der Zeit sei, über einen konfessionsneutralen Unterricht nachzudenken. Das ist nicht meine Idee gewesen. Wir kennen das ja auch aus Studien vor allem aus den Vereinigten Staaten: Wenn man das Thema Religion nie kennenlernt oder nur von der eigenen Religionsgruppe her kennt, dann entsteht das Problem, dass man darüber nichts weiß und dementsprechend Vorurteile haben kann.

„Es ist ja nicht so, als ob die Absicht bestünde, Propaganda für Religionen zu betreiben.“

Verstehen Sie die Kritiken der laizistischen Vereinigungen an der Religionslastigkeit des Rahmendokuments?

Ich kann nicht erkennen, dass das Rahmendokument religionslastig ist. Wenn man natürlich auf Dokumente reagiert, in denen Religionen überhaupt erwähnt werden und das als Fehler betrachtet, dann kann man das verstehen – in dem Sinne, dass man offensichtlich Religion überhaupt nicht in den Schulen haben will. Wir wissen aber überhaupt noch nicht, welchen Stellenwert genau die Behandlung von Religion in dem Lehrplan haben wird. Das muss erst ausgehandelt werden.

Gibt der Umstand, dass die laizistischen Vereinigungen sich allesamt mehr oder weniger empört zeigen, das luxemburgische Bistum das Rahmendokument aber begrüßt, Ihnen zu denken?

Ich weiß nicht, was hinter den beiden Stellungnahmen steckt, aber man kann ja vermuten, dass, wenn das Bistum dafür ist, die anderen dagegen sind. Es wird sich zeigen, ob es wirklich substanzielle Einwände sind. Ich bin ja auch nach meinem Vortrag gefragt worden, wo die Religionskritik bleibt – das wird sich alles zeigen. Es ist ja nicht so, als ob die Absicht bestünde, Propaganda für Religionen zu betreiben. Die Frage ist: Wie leben Religionen in einer Gesellschaft wie Luxemburg? Wie ist das interne Zusammenleben, wie sind die gesellschaftlichen Beziehungen, wie ist die Öffentlichkeit? Und dann wird man natürlich auch darüber nachdenken, was den Kern dieser Religionen ausmacht. Doch um es zu wiederholen: Das ist nicht das zentrale Thema. Das neue Fach heißt „vie et société“ und ist viel weiter gefasst, umfasst zum Beispiel auch politische Dimensionen: Was ist die Teilhabe von Migranten oder von bestimmten religiösen Gruppen am öffentlichen Leben? Oder auch: Wie läuft die Integration? Das sind alles Fragen, die mit dem Stichwort „Lebenswelten“ zusammenhängen. Das Züricher Fach „Religion und Kultur“ ist dagegen viel enger gefasst. Da geht es zum Beispiel nur um Religionen. In Luxemburg ist ein ganz anderer Auftrag vergeben worden, und ich wundere mich, dass das nicht einfach so gesehen werden kann. Und es ist alles viel vorläufiger, als es diskutiert wird. Wenn wir wirklich etwas substanziell vorliegen haben, dann wird das selbstverständlich öffentlich diskutiert werden. Dann kann man sich immer noch streiten. Wir werden sehen, wie weit das in der Arbeitsgruppe geht und welche Rolle das Arbeitspapier dann tatsächlich spielt.

„Es gibt für ‚vie et société` in meinen Augen nicht eine Leitdisziplin, das geht gar nicht.“

Welche Schwierigkeiten sind bei den Arbeiten am Fach „Religion und Kultur“ – an denen Sie beteiligt waren – in der Schweiz zutage getreten? Gibt es Ähnlichkeiten mit der Situation in Luxemburg?

Nur mit den Freidenkern hatten wir ähnliche Konflikte. Die waren ganz am Schluss in einer Arbeitsgruppe und haben das Fach dann noch in Frage gestellt. Das Fach selber ist unter Berücksichtigung der Vertreter der Religionsgemeinschaften, die von Anfang an im Boot waren, entwickelt worden. Es gab innerhalb der Arbeitsgruppe, die während ungefähr zehn Jahren in wechselnder Zusammensetzung tätig war, einen belastbaren Konsens. Die Zusammenarbeit hat einfach ein Vertrauensverhältnis geschaffen und auch die Befürchtungen, dass es da nicht fair zugehen könnte, ausgeräumt. Kritik kam von den Freidenkern, also von denen, die eine laizistische Schule wollen. Aber die sind eingestiegen, als im Prinzip alles schon gelaufen und die Richtung nicht mehr umzudrehen war. Die Freidenker sind aber an der konkreten Ausarbeitung beteiligt worden, weil man natürlich auch die Kinder berücksichtigen muss, die ohne Religion aufwachsen – und das ist dann auch geschehen, aber auf Lehrmittelebene.

Ist der Zeitplan, den der luxemburgische Bildungsminister Meisch gesetzt hat, realistisch?

Das wird sich zeigen. Der Auftrag besteht darin, zunächst ein pädagogisch-didaktisches Konzept zu erarbeiten. Das halte ich bis Sommer für machbar. Daran anschließend soll ein Lehrplan entwickelt werden, bis Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres. Man wird dann sehen, was „Lehrplan“ genau heißt. Wir werden sicher, sowohl was das didaktische Konzept als auch was den Lehrplan angeht, mit Zwischenschritten arbeiten, und es wird sich zeigen, wie weit die Arbeit dann Anfang 2016 gediehen ist. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Was ich aber sagen kann ist, dass es sich hier schon um ein ehrgeiziges Unterfangen handelt.

„Wenn es ewig kontrovers bleibt, kann aus dem Vorhaben nichts werden.“

Soll dem neuen Fach eine bestimmte Wissenschaft als Leitdisziplin zugrunde gelegt werden?

Mit Entwicklungspsychologie zum Beispiel, mit Ethnologie oder, bei der Philosophie neben der Ethik mit den Lebenswelt-Theorien in der Phänomenologie, auch mit Soziologie und Politik. All das sind Disziplinen, auf die man sich beziehen kann, wenn und soweit sie für die Entwicklung des Lehrplans nützlich sind. Das gilt auch für Theologie und Religionswissenschaft. Es gibt für „vie et société“ in meinen Augen nicht eine Leitdisziplin, das geht gar nicht.

Claude Meisch hat erklärt, er wolle einen gesellschaftlichen Konsens für das neue Fach. Sind Sie optimistisch, was das angeht?

Aus meiner Züricher Erfahrung kann ich sagen: Man braucht einen Konsens unter den beteiligten Akteuren – Eltern, Lehrer, Bezugswissenschaften und wer immer da noch gefragt wird. Wenn es ewig kontrovers bleibt, kann aus dem Vorhaben nichts werden. Die Akteure müssen aufeinander zugehen und sich dann auch von Maximalpositionen trennen. Sonst ist der ganze Auftrag unerfüllbar. Aber diese Frage stellt sich erst, wenn man substanziell etwas vorliegen hat. Meine Tätigkeiten in ähnlichen Gruppen haben mich gelehrt, dass die Entwicklung von Lehrplänen eine Eigendynamik hat und am Ende schon ein Produkt herauskommen wird, das öffentlich diskutiert werden muss. Dann wird man sehen, ob die Maximalpositionen sich angenähert haben oder nicht. Letzten Endes geht es dann ja auch um eine politische Entscheidung.


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