Calais
: Die Flammen besorgen den Rest


Im Eiltempo räumen die französischen Behörden das Flüchtlingscamp bei Calais. Dabei geht es mehr darum Tatkraft zu zeigen als Lösungen zu finden.

Das Ende des „Jungle“? Ein paar Tausend MigrantInnen sind per Bus in eins der Aufnahmezentren irgendwo in Frankreich gebracht worden. (Foto: © Julia Druelle)

Das Ende des „Jungle“? Ein paar Tausend MigrantInnen sind per Bus in eins der Aufnahmezentren irgendwo in Frankreich gebracht worden. (Foto: © Julia Druelle)

Nach zweieinhalb Tagen meldet Fabienne Buccio Vollzug. Kurzfristig tritt die Präfektin am Mittwochnachmittag vor die Presse und erklärt ihre Mission für erfüllt. „Es ist das Ende des ‘Jungle’. Es gibt keine Migranten mehr im Camp.” Fürwahr, ein schneller Abschluss der großen Räumungsaktion, die nach Willen der Behörden endgültig einen Punkt unter das Thema Transitmigranten in Calais setzen soll. Am Abend zuvor hat Buccio am selben Ort von 4.014 Migranten gesprochen, die per Bus in eins der Aufnahmezentren irgendwo in Frankreich gebracht worden seien. 4.014 von geplanten weit über 7.000.

Am gleichen Vormittag noch hat die Präfektin sich selbst ein Bild von der Lage gemacht, drüben im „Jungle“, vielleicht einen Kilometer von der Abfahrtsstelle der Busse entfernt. Gesehen hat sie dort, wie sich die Gruppe von 20 Demontage- Arbeitern in orangefarbenen Overalls und weißen Helmen langsam weiter in den „Jungle“ vorarbeitet, „Parameter für Parameter”, wie es Buccio selber auf einer ihrer Pressekonferenzen nannte. Vier Bulldozer begleiten sie und leeren ihren Schaufelinhalt in riesige Container. Die Abbruchstelle wird von einer Einheit der Bereitschaftspolizei CRS bewacht, in voller Kampfmontur und schwer bewaffnet.

Möglich, dass der Rauch Fabienne Buccio die Sicht genommen hat. Vielleicht ist es auch dieser penetrante Geruchscocktail, nach verbranntem Plastik, verbranntem Holz, verbrannten Textilien, der ihre Wahrnehmung vernebelt. Sicher aber ist: die Präfektin irrt. Der „Jungle“ ist ganz und gar nicht „leer”, im Gegensatz zu dem was die Agenturen sogleich in die Welt echoen. Zwar warten auch am dritten Tag der „Operation Bergung” – so heißt die Räumung offiziell – lange Schlangen auf die Busse, und die Bewohner des „Jungle“ verlassen in Gruppen das Gelände. Doch zwischen aufgegebenen Behausungen laufen noch immer Menschen herum, die hier nicht wegwollen. Und die keineswegs bereit sind, ihre Mission aufzugeben, auch wenn diese nicht so schnell erfüllt wird wie die der Präfektur.

„Es ist das Ende 
des ‘Jungle’.”

Ein junger Iraner antwortet unbeirrt „UK” auf die Frage, was er nun machen werde. Von wo aber will er dorthin gelangen? Manche der Camp-Bewohner brechen in diesen Tagen zu anderen, kleineren „Jungles“ auf, an der Kanalküste oder bei Autobahn-Rastplätzen im Hinterland. Der Mann scheint die Frage nicht zu verstehen. Er zeigt auf den Boden. Ein Freund, ebenfalls Iraner, verleiht der Geste Nachdruck. Er legt die Decke, die er mit sich trägt, auf den Sand und sich darauf. „Hier schlafe ich. Und mehr brauche ich nicht.”

Mehr wird er hier allerdings auch schwerlich finden in dieser und den nächsten Nächten. Seit mehr als zwölf Stunden nämlich brennt der „Jungle“ von Calais, das bekannteste Flüchtlingslager Europas. Mal kurz und flackernd, mal lichterloh flammt es an verschiedenen Stellen auf dem Gelände. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch begann es, ein Feuerteppich, der erst nach mehreren Stunden unter Kontrolle war.

Migranten, die aus Protest gegen die Räumung ihre Hütten anzündeten, gab es schon öfter im „Jungle“. Vier Afghanen, so die Behörden, sind unter diesem Verdacht festgenommen worden. „Wenn Afghanen weggehen, legen sie Feuer”, zitieren verschiedene Medien Fabienne Buccios eigenwillige Kultur-Anthropologie. Im „Jungle“ macht jedoch eine andere Version die Runde: Mehrere Bewohner erzählen, sie hätten gesehen, wie Polizisten die Brände gelegt hätten. Auch dies eine steile These. Unabhängig vom Brandstifter bleibt unter dem Strich freilich eine Erkenntnis: Die Flammen haben dem „Jungle“ den Rest gegeben.

Das vor kurzem noch so lebhafte Camp hat in diesen Tagen eine Metamorphose im Schnelldurchgang durchlaufen. Spätestens seit vergangene Woche die Restaurants und Läden ihre Schließungsbefehle bekamen, zog die Atmosphäre einer Geisterstadt ein. Die Generatoren verstummten, die Musik auch, und das soziale Herz des „Jungle“ hörte auf zu schlagen. Nicht wenige Bewohner machten sich auf den Weg in andere Camps in der Nähe und ließen ihre Hütten zurück.

1395stoosInzwischen lässt die Geisterstadt eher an den Schauplatz eines Bürgerkriegs denken. Überall steigt Rauch aus den Trümmern empor, Asche-
haufen erinnern an die Bretterbuden und Zelte, die hier vor kurzem noch standen. Die kahlen Gerippe von Behausungen wirken gespenstisch. Über allem hängt eine dichte schwarze Rauchwolke, so riesig, dass sie selbst vom Hafen aus zu sehen ist. Seit Stunden löscht die Feuerwehr, doch der Wind entfacht die Flammen immer wieder neu. Wasserlachen durchziehen das Gelände. Gelegentlich ist das dumpfe Knallen einer explodierenden Gastkartusche zu hören.

Später am Nachmittag, als noch immer Rauch über dem „Jungle“ hängt und hier und da Flammen lodern, kehren seltsame Aspekte einer Normalität zurück, die es hier nicht mehr gibt. Vorne an der Autobahnbrücke wird aus einem Bus mit GB-Nummernschild warmes Essen ausgegeben. Auf einem freien Platz zwischen Brandruinen spielen junge Migranten Fußball. Eine Gruppe gelangweilter Bereitschaftspolizisten in Kampfkleidung amüsiert sich unterdessen über den Zustand einiger Dixi-Toiletten. Lachend kommentieren sie ihn mit ein paar „putain“, einer macht sogar ein Foto.

Für Hamid (Name geändert), einen 16jährigen Afghanen, ist inzwischen klar, dass er die Nacht auf jeden Fall im „Jungle“ verbringen wird – wenn auch in den abgetrennten Mehrbett-Containern, die die Behörden seit Februar unterhalten. Seitdem standen sie jenen Migranten offen, die zumindest über einen Asylantrag in Frankreich und den Transport in ein Aufnahme-Zentrum nachdenken wollten. Nun sind darin Minderjährige untergebracht, deren weiteres Schicksal noch nicht geklärt ist.

„Hier schlafe ich. Und mehr brauche ich nicht.”

Hamid ist einer von ihnen. Das Plastikband an seinem Handgelenk zeigt, dass er registriert wurde. Er hat Verwandte in London, doch anders als 234 jugendliche Flüchtlinge aus dem „Jungle“, die mittels Familienzusammenführung in der letzten Woche legal ins Vereinigte Königreich gebracht wurden, ist sein Schicksal noch nicht entschieden. Und weil Hamid schon Monate am Kanal gewartet hat, will er auch an diesem Abend wieder probieren, sich an einem nahen Rastplatz in einen LKW zu stehlen. Genau wie gestern, als er nach einem weiteren fehlgeschlagenen Versuch zum Schlafen wieder in den „Jungle“ kam.

Patrick Visser-Bourdon, der Leiter des Polizeikommissariats Calais, ist also etwas voreilig, als er am Morgen des dritten Räumungstags bei einem Ortsbesuch erklärt, keiner der ursprünglich 1.200 Kinder und Jugendlichen verbleibe noch im Camp. „Allerdings kamen gestern neue Minderjährige hier an”, gesteht er. Was tun, wenn der Migrantenstrom nach Calais nicht versiegt? Eine Entwicklung, über die man sich in Stadt und Präfektur bislang wenig bis keine Gedanken gemacht hat. Ein Szenario dafür gebe es nicht, versichert Patrick Visser-Bourdon.

Auch bei denjenigen, die vorläufig in Frankreich bleiben, ist es nicht gesagt, dass sie ihr Ziel, nach England zu kommen, aufgegeben haben. So wie der Iraner Mohamed, der sich, als der Nachmittag sich schon dem Ende nähert, mit Gepäck und einem breiten Grinsen auf den Weg zu den Bussen macht. „Bye-bye Jungle”, sagt er und die Erleichterung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Morgen wird er in einem Aufnahmezentrum an der spanischen Grenze sein. Und vielleicht, sagt Mohamed, wird er ja eines Tages von Spanien aus nach England kommen.


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