Inklusion: Leben ohne Barrieren

Sich einschränken lassen oder gefährlich über die eigenen Grenzen gehen: Menschen mit Behinderung leiden in Luxemburg oft noch immer darunter, dass kaum Rücksicht auf ihre Situation genommen wird. Das gilt insbesondere in der Arbeitswelt. Eine Bestandsaufnahme mit Info-Handicap-Direktor Olivier Grüneisen und Vera Bintener vom juristischen Informationsdienst der asbl.

Vera Bintener (Fotos: Privat)

woxx: Aus welchen Gründen wenden sich Personen hauptsächlich an Sie?


Vera Bintener: Im Zusammenhang von Arbeit und Behinderung gibt es viele Unsicherheiten. Bei den meisten Institutionen, wie der Adem zum Beispiel, bekommt man nur Teilinformationen und wir helfen den Leuten, sich zurechtzufinden. „Ist diese oder jene Dienstleistung für mich interessant?“, „Macht es für mich Sinn, das Statut des „salarié handicapé“ zu beantragen?“ In solchen Fragen können wir Aufklärung bieten und helfen, wenn nötig, die Vorgänge zu beschleunigen.

Werden Sie hauptsächlich von Privatpersonen oder von Institutionen kontaktiert?


Vera Bintener: Das ist sehr gemischt. Im Service d’information juridique, in dem ich arbeite, sind es hauptsächlich Privatpersonen. Wir werden aber beispielsweise auch von Unternehmern und Geschäftsleuten kontaktiert, weil sie einen Arbeitnehmer oder Kunden mit einer Behinderung haben. Wir arbeiten sowohl mit Sozialorganisationen als auch mit Verwaltungen und Ministerien zusammen. Bei letzteren besteht der Austausch in erster Linie darin, dass wir auf bestehenden Handlungsbedarf aufmerksam machen.

Können Sie ein Beispiel nennen?


Olivier Grüneisen: Letztes Jahr gab es das Problem, dass im Bus nur Rollstühle mit Kopfstütze zugelassen waren. Das hat für viele Betroffene eine schwere Einschränkung bedeutet, weil die meisten Rollstühle eben keine Kopfstütze haben. Mehrere Kunden und Organisationen sind damals an uns herangetreten und wir haben das Ministerium auf die Problematik aufmerksam gemacht. Der entsprechende Satz im Gesetz wurde dann geändert.

Auf welche Weise sensibilisieren Sie die Gesellschaft für die Lebensrealität von Menschen mit Behinderung?


Vera Bintener: Häufig bekommen wir Anfragen von Schulen, Pfadfindergruppen und Sportvereinen. Außerdem organisieren wir regelmäßig Konferenzen, die sich an verschiedene Multiplikatoren in der Gesellschaft richten, wie etwa Lehrer*innen, Politiker*innen und auch Journalist*innen.

Olivier Grüneisen

Olivier Grüneisen: Dann gibt es auch noch eine ganze Reihe von Veranstaltungen für die breite Öffentlichkeit. Vergangene Woche etwa sind die Sensibilisierungswochen für Menschen mit Behinderung angelaufen, auf denen wir mit einem Stand präsent waren. Auch beim Praxis- und Kontakttag der Universität Luxemburg sind wir vertreten. Wir informieren dann sowohl über unsere Arbeit als auch über Arbeitsmöglichkeiten im Bereich Handicap.

Wie wichtig sind solche Events?


Vera Bintener: Sehr wichtig, aber das reicht nicht aus. Das Thema muss permanent präsent bleiben, sowohl in den Medien als auch im Alltag. Wir stellen fest, dass uns das auch immer besser gelingt. Langsam kommt ein Bewusstsein dafür auf, dass auch Menschen mit Behinderung Kundinnen und Kunden sind, denen die gleichen Angebote und Dienstleistungen zur Verfügung stehen müssen wie allen anderen. Je häufiger das Thema aufgegriffen wird, desto eher findet in der Gesellschaft ein Umdenken statt. Jeder Mensch kann von einem Tag zum nächsten selbst betroffen sein, sei es durch einen Unfall, einen Schlaganfall oder weil er ein Kind mit einer Behinderung bekommt. Von einer Minute zur nächsten kann man plötzlich nicht mehr dieselben Fähigkeiten haben, dessen sind sich viele nicht bewusst.

Olivier Grüneisen: Mindestens genauso wichtig sind aber gesetzliche Anpassungen. Da gibt es noch Handlungsbedarf.

In welchen Bereichen denn zum Beispiel?


Olivier Grüneisen: Momentan hapert es noch beim Vormundschaftsgesetz. Laut Aktionsplan der Behindertenrechtskonvention hätte dieses bereits 2017 überarbeitet werden müssen. Wir warten aber immer noch drauf.

Vera Bintener: Ein paar Gesetze befinden sich zurzeit auf dem Instanzenweg, da gilt es nun abzuwarten, wie sie umgesetzt werden. Mittlerweile arbeitet der Gesetzgeber enger mit Organisationen wie der unseren zusammen, auch wenn den Gutachten am Ende nicht immer Rechnung getragen wird.

Olivier Grüneisen: Es gibt aber deutliche Fortschritte. Info-Handicap ist beispielsweise in der Steuerungsgruppe des Ministeriums für Familie und Integration vertreten. Im Rahmen der UN-Behindertenrechtskonvention geht es hier um die Ausarbeitung des nächsten Aktionsplans. Aktuell befassen wir uns dort mit der Frage, wie die kommenden Wahlen möglichst barrierefrei gestaltet werden können. Eine konkrete Änderung in dem Zusammenhang, wird der Einsatz einer Wahlschablone für blinde Menschen sein. Das Kompetenzzentrum für leichte Sprache hat auch eine in leichter Sprache verfasste Broschüre mit allen Informationen zu den Wahlen ausgearbeitet.

Wie schätzen Sie die geplanten Reformen bei der Schulinklusion ein?


Vera Bintener: Wir hätten uns gewünscht, dass die Betreuung ausschließlich ambulant stattfindet. Nun entstehen aber besondere Kompetenzzentren mit der Möglichkeit eigenständige Klassen zu schaffen. Besonders Kinder mit kognitiven Einschränkungen laufen Gefahr, sich in Klassen wiederzufinden, in denen sie unter sich sind.

Olivier Grüneisen: Die UN-Konvention fordert eine möglichst inklusive Schulbildung. Kommt ein Kind jedoch in eine Sonderklasse, wird es von seiner Gemeinde, seinem Freundeskreis getrennt. In unseren Augen ist das keine richtige Inklusion.

Vera Bintener: Wir sind uns bewusst, dass sich Inklusion in der Schule nicht von heute auf morgen vollständig umsetzen lässt. Es gibt ja bereits Bestrebungen, zusätzliches Personal einzustellen. Aber der Prozess verläuft allzu schleppend. Da müssten viel mehr finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden. Auch ein Umdenken hinsichtlich der Ausbildung des Lehrpersonals ist notwendig. Es mag sein, dass die Reform in die richtige Richtung geht, aber das können wir jetzt noch nicht einschätzen.

Wie ist es denn insgesamt um die Inklusion in Luxemburg bestellt?


Olivier Grüneisen: Wir sind auf einem guten Weg, wir dürfen uns allerdings nicht zufrieden geben, bis alle Menschen mit einer Behinderung ein Leben ohne Barrieren führen können. Bis wir dieses Ziel erreicht haben, gibt es noch viel zu tun.

Betrifft das hauptsächlich die Arbeitswelt?


Vera Bintener: Ja, wobei Arbeitsmarkt und Schule eng zusammenhängen. Konnte ein Kind keine normale Schullaufbahn durchlaufen und hatte keine Chance, einen Abschluss zu machen, wird es mit großer Wahrscheinlichkeit in einem Atelier protégé landen. Auf dem Arbeitsmarkt herrscht nach wie vor das Problem, dass viele Arbeitgeber nicht bereit sind, eine Person mit einer Behinderung einzustellen. Es besteht die Angst, dass dies der Produktivität schade. Manche Arbeitgeber respektieren nicht einmal Empfehlungen des Service de Santé au Travail. Das führt schlimmstenfalls dazu, dass Menschen aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation ständig über ihre Grenzen gehen müssen und sich kaputtmachen.

(Foto: © Info-Handicap)

Nun soll ja der sogenannte „assistant à l’inclusion dans l’emploi“ eingeführt werden. Glauben Sie, dass diese Maßnahme reicht?


Vera Bintener: Ich weiß es nicht. Das ist eine sehr gute Sache, sie hätte jedoch schon viel früher eingeführt werden müssen. Ich finde es bedauerlich, dass nur Arbeitssuchende auf eine solche Assistenz zurückgreifen können, nicht aber Menschen, die bereits auf dem Arbeitsmarkt integriert sind. Es gibt insgesamt noch viel zu tun in dem Bereich. Mich stört beispielsweise, dass das Gesetz bezüglich behinderter Arbeitnehmer eine Quote vorschreibt, bei Nicht-Einhaltung jedoch keine Bestrafung erfolgt. Das Ministerium ist zwar der Meinung, dass nicht Repression sondern Sensibilisierung der richtige Weg ist, das reicht aber nicht. Im Idealfall müsste es außerdem Möglichkeiten geben, die zwischen den Ateliers protégés und dem offenen Arbeitsmarkt angesiedelt sind.


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