Serie: Anders wirtschaften 4/4: Experiment Gemeinwohlökonomie


Wirtschaften Unternehmen stets eigennützig? Nicht unbedingt, auch sie können im Dienste des Gemeinwohls stehen. Was Christian Felber theorisiert hat, versucht unter anderem Oikopolis in die Praxis umzusetzen.

Sich als Teil eines größeren Ganzen fühlen – Naturata-Mitarbeiter des Meyers-Haff-Hofladens in Windhof. (Fotos: Oikopolis)

„Oikopolis hat sich stets für die biologische Landwirtschaft eingesetzt. Aber Ende der Nuller Jahre haben wir bemerkt, dass wir unser Wirtschaften gezielter nach Kriterien des ökologischen Fußabdrucks ausrichten könnten. Im Rahmen dieser Überlegungen stießen wir auf das Konzept der Gemeinwohlökonomie, die ein ökologisch und sozial vertretbareres Wirtschaftsmodell anbietet und wie die Anthroposophie einen ganzheitlichen Ansatz vertritt“, erklärt Änder 
Schanck, Leiter von Oikopolis.

Die Gemeinwohlökonomie ist ein von Christian Felber konzipiertes Wirtschaftssystem, das eine Alternative zur gängigen kapitalistischen Marktwirtschaft und zu zentralistischen Planungsmodellen darstellt (woxx 1265). Die Gemeinwohlökonomie als eine Form der ethischen Marktwirtschaft hat das „gute Leben für Alle“ zum Ziel, und nicht die Vermehrung von Geldkapital. „Durch eine Neudefinition von unternehmerischem Erfolg und einer Umpolung der Anreizstruktur ist die Gemeinwohlökonomie weit progressiver als gängige corporate social responsibility-Ansätze,“ erklärt Gregor Waltersdorfer, Koordinator der luxemburgischen Regionalgruppe. Diese ist Teil der europaweiten Bewegung „Gemeinwohlökonomie“, die über 1800 unterstützende Unternehmen zählt. Für die Mitglieder der Gruppe liegt der Reiz von Christian Felbers Modellen vor allem darin, dass sie anwendbare Alternativen enthalten und sich nicht auf eine theoretische Kapitalismuskritik reduzieren.

Auch die Aktiengesellschaft Oikopolis will sich nicht auf die reine Geldvermehrung beschränken, sondern versucht, gesellschaftliche Visionen zu eröffnen. Bis vor einigen Jahren richtete sich die Arbeit der Oikopolis-Struktur eher auf die Förderung der biologischen Landwirtschaft. Dies änderte sich vor allem durch die Integration von Konzepten der Gemeinwohlökonomie. Mithilfe dieser konnte das Unternehmen seine Verantwortung innerhalb der Gesellschaft neu verorten (woxx 1295). „Bisher ist Oikopolis das einzige Unternehmen in Luxemburg, das sich explizit mit den Ideen der Gemeinwohlökonomie identifiziert und seinen Beitrag zum Gemeinwohl misst. Das Echo auf der Oekofoire stimmt uns jedoch positiv, dass sich weitere Unternehmen der Bewegung anschließen werden“ gibt Gregor Waltersdorfer sich zuversichtlich.

Unternehmertum fördern, Vergesellschaftung fordern

Wie soll nun das gute Leben erreicht werden? Hierfür schlägt das Gründungsmitglied von Attac-Österreich, Christian Felber, eine Reihe von Instrumenten vor, die zum Teil auf der Vergesellschaftung der Produktionsmittel basieren. So sollen Betriebe sich stärker selbstverwalten, indem, bei großen Unternehmen, ein Teil der Stimmrechte und des Eigentums schrittweise an die Beschäftigten und die Allgemeinheit übergeben werden. Auch soll eine „solidarische Lerngemeinschaft“ zwischen den Betrieben geschaffen werden. Unternehmen, die solidarisch und nachhaltig agieren, sollen in den Genuss bestimmter Vorteile, wie niedrigere Steuern, geringere Zölle und günstigere Kredite, kommen.

Aber damit nicht genug: Zinsverbote sollen eingeführt werden – im besten Fall wird es keine Kapitaleinkommen mehr geben, sondern nur noch Einkommen durch Arbeitsleistung. Privatbanken werden abgeschafft beziehungsweise vergesellschaftet. Der Staat seinerseits finanziert sich primär über zinsfreie Kredite der Zentralbank, die ihrerseits das Geldschöpfungsmonopol erhält. Der Zentralbank wird auch der grenzüberschreitende Kapitalverkehr übertragen, wodurch die Steuerflucht zum Erliegen kommt. Mit all dem würde das Ende der Finanzmärkte in der heutigen Form eingeläutet.

Ob ein Unternehmen gefördert wird, soll von einer Gemeinwohlbilanz abhängig gemacht werden. Diese erfasst, anders als eine Finanzbilanz, das soziale, ökologische und demokratische Wirtschaften eines Unternehmens, hat aber bislang einen eher symbolischen Charakter. Oikopolis hat eine solche Bilanz durchführen lassen und erhielt 633 Punkte von 1000 möglichen.

„In punkto demokratischer Verfahrensweise stehen wir nicht so gut da. Aber wir stimmen auch nicht mit der Idee überein, dass Entscheidungen basisdemokratisch getroffen werden müssen. Wir bevorzugen Erfahrungs- und Verantwortungshierarchien“, erläutert Änder Schanck. In dieser Haltung kommt vielleicht zum einen die enttäuschende Erfahrung mit Kooperativen zum Ausdruck, in denen, so Änder Schanck, oftmals Personen für Bereiche Entscheidungen treffen, in denen sie nicht alltäglich arbeiten. Dies sei beispielsweise in den 1980er Jahren im Biokrees der Fall gewesen. Zum andern zeigt sie möglicherweise aber auch, dass Oikopolis ein anthroposophisches Erbteil hat. Rudolf Steiner setzte sich in seinen Schriften viel mit Entwicklungsmodellen und Bewusstseinsebenen, die zum Teil an Hierarchien geknüpft waren, auseinander. Der Vater der Anthroposophie war zudem selber Mitglied einer Aktiengesellschaft, einer Vorgängerin der heutigen Weleda AG. Der Gemeinwohlbericht stellt aber auch ein Gender-Gap auf 
der Führungsebene fest. „Tatsächlich lassen sich nur wenige Frauen finden, die einen so zeitintensiven Leitungsjob annehmen wollen“, so Änder Schanck.

Ins Auge fällt auch, dass Oikopolis in der Kategorie „Bank Service“ nur die Note 30 von 100 schafft, obwohl die Kredite von etika und der BCEE und der Triodos Bank stammen. Woher diese eher bescheidene Benotung? „Zunächst möchte ich klarstellen, dass Finanzangelegenheiten wegen ihres derzeitigen problematischen Impakts auf unsere Welt nie eine besonders hohe Prozentzahl erreichen“, erklärt Gitta Walchner, die die Gemeinwohlbilanz erstellt hat. Zudem biete das etika-Modell keine Dienstleistungen für das alltägliche Bankgeschäft an. „Die Mischrechnung zwischen den Dienstleistungen von etika und den anderen Banken hat schließlich 30 Prozent ergeben. Eine Zahl, die im Zusammenhang mit Finanzdienstleistungen trotzdem beachtlich ist“, so Walchner.

Der Bericht verhilft Oikopolis aber auch dazu, seine Stärken deutlicher zu erkennen. In einem Punkt ist das Unternehmen, Änder Schanck zufolge, viel idealistischer als die Gemeinwohlwirtschaft: „Wir fördern stärker die Integration von Wertschöpfungsketten. So kann man verhindern, dass sich Akteure auf verschiedenen Ebenen gegenseitig blockieren“. Fairtrade könne man heute auch bei Discountern kaufen. Discounter seien aber nicht dafür bekannt, akzeptable Arbeitsbedingungen zu schaffen und mit Kleinbauern im Süden zu kooperieren.

Oikopolis – für Entfaltung 
und Gemeinwohl

Wo kommt mein Fleisch her? Blick hinter die Hofladentheke.

Wo sich Gemeinwohlökonomie und anthroposophisches Gedankengut wohl am stärksten begegnen, ist in dem Anspruch, dass Arbeit sinnstiftend sein müsse. Zwar gebe es innerhalb Oikopolis Hierarchien, doch werde in ihnen das Prinzip des partizipativen Führens umgesetzt. Konkret heißt das: Die Mitarbeiter dürfen relativ autonom arbeiten, aber sie müssen in ihrem jeweiligen Mitarbeiterkreis über ihre Tätigkeiten berichten. Auch sollen sich die Mitarbeiter als Teil eines größeren Ganzen betrachten. Deshalb machen Naturata-Mitarbeiter Ausflüge zu den Bauernhöfen, den Produzenten der Produkte, die sie verkaufen. Und wer sich für die anthroposophischen Ideen oder die theoretischen Grundlagen der Gemeinwohlökonomie interessiert, die das Unternehmen prägen, kann an einem wöchentlichen Lesekreis teilnehmen.

„In kapitalistischen Gesellschaften, die nach dem Prinzip der Arbeitsteilung verfahren, ist die Frage nach der Wertigkeit einer Arbeit irrelevant geworden. Wir wollen aber Wege suchen, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken“ so Änder Schanck über die Motivation, eine andere Betriebskultur zu schaffen. Dies ist nach Überzeugung der Oikopolis-Leitung eine weitere Stärke ihres Unternehmens, die es von herkömmlichen Betrieben abhebt.

Um mehr Arbeitsplätze entstehen zu lassen, die Sinnzusammenhänge versprechen, müssen vermehrt Kredite an Unternehmen gehen, die die Absicht hierzu haben. Um das zu realisieren und Banken, wie andere Unternehmen auch, dem Gemeinwohl zu verpflichten, haben die Gemeinwohlökonomie-Befürworter in Österreich 2010 die Schaffung der „Bank für Gemeinwohl“ in die Wege geleitet. Sie wird – ganz wie die in Belgien im Entstehen begriffene Bank NewB – eine Genossenschaftsbank für Privatpersonen sein, die Girokonten verwaltet und Kredite vergibt, die nicht zwingend an kommerzielle Tätigkeiten gebunden sind. Das unterscheidet beide Banken von der Triodos- und GLS-Bank sowie auch von dem etika-Mechanismus. Bedingt durch unterschiedliche administrative und juristische Beschränkungen konnten erst ab 2015 Personen zum Zeichnen geladen werden.

Banken für alle

Mittlerweile hat die Bank Genossenschaftskapital in Höhe von einer Millionen zusammengebracht und umfasst etwa 1.000 GenossenschafterInnen. Das ist im Vergleich zur NewB, die bereits 50.000 Genossenschafter zählt, eher wenig. NewB hat 2012 damit begonnen, Mitglieder anzuwerben, aber nur etwas mehr als zwei Millionen eingesammelt, da in einer ersten Phase zunächst nur Anteile von 20 Euro angeboten wurden. Erst ab Dezember 2014 war der Kauf von Anteilen bis zu 1.000 Euro möglich. Anders als die „Bank für Gemeinwohl“ mobilisierte die NewB von Anfang an Organisationen – Gewerkschaften und Vereine – und zählt nun bereits 133 von ihnen zu ihren Mitgliedern. Unter den Genossen sind zudem 124 Luxemburger. Der Weg zum Lizenzantrag ist aber für beide noch lang, denn die Bedingung hierfür ist ein Kapital von nicht weniger als sechs Millionen. Und um mit den eigentlichen Bankaktivitäten zu beginnen, müssen mindestens zehn Millionen verfügbar sein.

Wer mehr zur Gemeinwohlökonomie aus erster Hand erfahren möchte: Am Dienstag den 27.10 kommt Christian Felber für einen öffentlichen Vortrag nach Luxemburg. In Verbindung mit dem Universitätskurs „Social Enterprise and Social Innovation“ stellt Felber (auf Englisch) die Gemeinwohlökonomie und das zentrale Messinstrument, die Gemeinwohlbilanz, vor. Der Vortrag findet um 18:30 Uhr am Campus Limpertsberg (Bâtiment des Sciences) statt.

Mehr zur Gemeinwohlökonomie: 
www.ecogood.org
Oikopolis‘ Gemeinwohlbilanz und 
andere Informationen: 
www.oikopolis.lu/de/publikationen
Der Verein etika vergibt zinsvergünstigte Kredite an Unternehmen und Initiativen, die einen ökologischen, sozialen oder kulturellen Mehrwert schaffen, wie zum Beispiel Oikopolis. Zudem hat etika zum Ziel, Denkanstöße für den ethischen Umgang mit Geld zu geben.

 

ERRATUM: Christian Felber kommt am Dienstag, nicht am Donnerstag nach Luxemburg.

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