FOTOGRAFIE: Auf den Hund
gekommen

Die Aufnahmen von Elliott Erwitt sind fast schon Klassiker der Schwarz-Weiß-Fotografie. Brillant sind sie vor allem durch ihren ironischen Subtext.

„Sehen ohne Denken ist Glotzen“, sagte der Grafiker Kurt Weidemann. Die klassischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Elliott Erwitt, die zurzeit in der Galerie Clairefontaine zu sehen sind, sind dagegen Belege eines bewussten Wahrnehmens – und das nun schon seit rund 70 Jahren. Denn solange fotografiert der in Mailand und Paris aufgewachsene und 1939 mit seiner Familie in die USA emigrierte Fotograf Erwitt. Dabei gelingt es ihm in Sekundenbruchteilen die Essenz eines Geschehens einzufangen. Etwa wenn er einen jungen Mann im schwarzen Anzug abgelichtet hat, der die Hand sinnierend ans Kinn hält und halb schmunzelnd, halb träumend in die Ferne blickt, neben sich ein junges Hochzeitspaar. Erwitt konzentriert sich auf die kleinen Momente des Alltags, in denen Gesten und Mienen mehr sagen als alle Worte. Zum Beipiel: Eine junge Mutter die versunken in das Gesicht ihres kleinen Säuglings blickt, der nackt im Halbschatten auf einem Bett liegt. Die Bilder von Erwitt sind nie politisch.

Dagegen sind Menschen, Straßenszenen – aber auch Hunde Sujets von Erwitt. Und das oft in einer Weise, die dem Betrachter zum Schmunzeln bringt. Etwa wenn er einen rundlichen Chihuahua im Wollpullover neben schwarzen Pumps fotografiert hat. Und so das Hundeleben zum Abbild der teils oberflächlichen Lebensgestaltung der Menschen macht. Erwitt hat Motive fotografiert, die sich zu echten Postkartenklassikern entwickelt haben. Es war dieses Gespür für den einen, entscheidenden Moment, welches Erwitt Mitte der 50er Jahre auch die Türen bei Edward Steichen und Robert Capa öffnete. Und dazu beitrug, dass er 1953 für die erste von Fotografen gegründeten Agentur Magnum zu arbeiten beginnt, dessen Präsident er später werden sollte. Daneben begann er sich in der Werbefotografie zu engagieren und fing auch an erste Filme zu drehen.

Erwitts Arbeiten geben dem Foto seine alte Kraft zurück und das unter anderem aufgrund seiner klassischen Bildkompositionen. Dabei ist seine Kamera auf seinen Streifzügen durch die Welt oft nach unten gerichtet, auf jenen Teil des Lebens, der im Allgemeinen nicht die Hauptrolle spielt: Beine, Hunde oder spielende Kinder. Er inszeniert seine Bilder über die Perspektive, indem er in die Hocke geht. Und schon ist eine bislang übersehene Facette menschlichen Verhaltens auf Film gebannt.

Noch bis zum 22. Juni in der Galerie Clairefontaine.


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