HOCHRECHNUNGEN: Trend erkannt, Ziel knapp verfehlt

Die erste nationale Hochrechnung am Wahlabend entsprach (fast) dem Endresultat.

Die diesjährige Hitparade der von den WählerInnen subjektiv empfundenen Wahlthemen. Obwohl die DP hier richtig zu liegen schien, konnte sie der CSV ihre Kompetenz in diesen Fragen nicht streitig machen.

„Ein Verlierer der Wahl steht fest: Die Umfragen!“ So oder so ähnlich tönte es aus mehreren Ecken, als sich am Sonntagabend nach und nach das endgültige Wahlresultat abzeichnete. Tatsächlich hatten die letzten vom Tageblatt veröffentlichten Umfragen etwas gänzlich anderes erwarten lassen – zumindest was das Ergebnis von ADR und CSV anging. Doch lag die TNS-Ilres wirklich so falsch? Oder hat die Stimmung sich innerhalb eines Monats tatsächlich so sehr gewandelt?

In Luxemburg verbietet das Gesetz die Veröffentlichung von Umfragen während des Monats vor den Wahlen. Damit soll verhindert werden, dass bis kurz vor dem Wahltermin die WählerInnen in ihrer Entscheidung durch ein vermeintlich schon bestehendes Endresultat beeinflusst werden. Ein Nachteil dieses Verbots ist natürlich, dass die Öffentlichkeit und die Medien sich einen Monat lang mit nicht mehr sehr frischen Umfragen herumschlagen müssen und auf’s Kaffeesatzlesen beschränkt sind. Aber dass Umfragen nicht veröffentlicht werden dürfen, heißt keineswegs, dass nicht doch welche gemacht werden.

Nach eigenem Bekunden hatte TNS-Ilres nach ihren letzten Umfrageserien den Zuwachs bei der CSV und das „Schwächeln“ des ADR durchaus vorausgesehen. Nur öffentlich sagen durfte das Meinungsforschungsinstitut das nicht. Was auch hier wieder auffiel: Die Schwankungen bei den Umfragen im Vorfeld der Wahlen sind teilweise um ein Vielfaches höher als die Verschiebungen, die von einem Wahlgang zum anderen gemessen werden. Auch die Chamber-Wahl 2009 war in dieser Hinsicht einigermassen uneindeutig: Die Veränderung bei den einzelnen Parteien lagen im Bereich von ein oder maximal zwei Prozent. Zudem fanden die Verschiebungen zu einem großen Teil innerhalb der politischen Familien links/bürgerlich statt. Erdrutschsiege sehen anders aus.

Das Problem für die Demoskopen: Umfragen beeinflussen nicht nur, wie vom Gesetzgeber befürchtet, das Wahlverhalten der BürgerInnen, sie üben eine Wirkung auch auf die jeweils folgende Umfrage aus. Ist ein Trend einmal vorhanden, so kann dies leicht dazu führen, dass er in einer nächsten Runde noch einmal verstärkt wird. In Wallonien, zum Beispiel, hatten die Umfragen die Verluste der Sozialisten und die Zugewinne der Grünen richtig erkannt, doch fanden diese in weit geringerem Maße statt als vorausgesagt.

In Luxemburg kommt erschwerend hinzu, dass unser Wahlsystem das Panaschieren über mehrere Listen hinweg zulässt. Da von Wahl zu Wahl das Panaschieren immer mehr zugenommen hat und infolgedessen immer weniger Listenstimmen vergeben werden, gestaltet sich die Gewichtung der Parteien zunehmend komplizierter. Dennoch bleibt die Frage, ob das Veröffentlichungsverbot wirklich sinnvoll ist, denn schließlich sind die Zahlen ja vorhanden und werden in den Parteizentralen, die es sich leisten können, bis zur letzten Minute mit schweißnassen Händen in Empfang genommen. Das Veröffentlichungsverbot reicht ja nur bis zur Staatsgrenze, und das Internet ist bekanntlich universell.

Dass Umfragen nötig sind, hat der Verlauf des Wahlabends gezeigt. Ohne die im Vorfeld der Wahlen beziehungsweise am Wahltag selber von TNS-Ilres durchgeführten Erhebungen hätte es keine „Elefantenrunde“ im Fernsehen gegeben: Die endgültigen Resultate standen erst zu nachtschlafender Zeit zur Verfügung. Dafür gab es kurz nach 19 Uhr eine Hochrechnung der Meinungsforscher, die dem tatsächlichen Endresultat sehr nahe kam: CSV 26 Sitze, LSAP 14 oder 13 Sitze, DP 9 oder 8 Sitze, Grüne 7 Sitze, ADR 4 oder 3 Sitze, Déi Lénk 1 oder 2 Sitze. Auch wenn die Verantwortlichen sich bei vier der sechs im Parlament vertretenen Parteien nicht eindeutig auf eine Sitzzahl festlegen wollten, konnte man doch das Endergebnis aus diesen Zahlen deutlich herauslesen.

Am ungenauesten waren die Vorhersagen wohl im Falle der Lénk, denn der Hoffnung dieser Partei, einen Sitz im Zentrum zu erringen ? von TNS-Ilres allerdings als wenig wahrscheinlich angesehen ? blieb die Realisierung versagt. Die Daten aus dem Bezirk Zentrum ließen lange auf sich warten, und so musste hier die Bandbreite relativ hoch angesetzt werden. Am Ende war der Sitz im Zentrum weiter entfernt, als die ersten Ergebnisse es erahnen ließen: Es fehlten der Lénk 7.900 Stimmen, um den dritten Restsitz zu ergattern (zum Vergleich: die KPL erreichte 11.034 Stimmen). Sogar die DP war um 6.000 Stimmen näher am Erhalt ihres dann doch verlorenen fünften Sitzes als die Lénk an ihrem ersten.

Umgekehrte Vorzeichen wies die Situation im Südbezirk auf. Dort war der „linke“ Sitz irgendwann um Mitternacht wieder aus der auf elections.lu veröffentlichten Sitzvergabe verschwunden. Dagegen hielt die TNS-Ilres an ihrem Resultat fest, denn die schließlich erreichten 62.435 Stimmen machten den ersten Restsitz für déi Lénk sicher. Sogar mit 8.700 Stimmen weniger hätte sie sich den dritten Restsitz noch gesichert.

Den „Wackler“ im Norden, der zwischen DP und LSAP hin und her pendelte, hatte Ilres ebenfalls richtig erkannt: Am Ende trennten knapp 1.100 Stimmen die Sozialisten von einem Sitzgewinn auf Kosten der DP, weniger als 0,4 Prozent des gesamten Stimmvolumens des Nord-Bezirkes.

Wagemutig, aber im Endeffekt richtig, war die Vorhersage des Sitzverlustes für die ADR im Osten. Robert Mehlen fehlten zum Schluss knapp 1.500 Stimmen, um der CSV den einzigen Restsitz des Bezirks wegzuschnappen – fast 0,9 Prozent der Gesamtstimmen des Ostbezirks.

Komplizierter als hier stellte sich die Situation im größten der vier Bezirke, dem Süden, dar. Dort stand der zweite Sitz des ADR eine Zeit lang auf der Kippe. Sie schnappten sich den vierten und damit letzten Sitz am Ende mit einem Vorsprung von 6.100 Stimmen vor der CSV – die demnach um 0,4 Prozent an einem dritten Sitzgewinn vorbeischrammte. Diese Möglichkeit hatte die TNS-Ilres Hochrechnung allerdings nicht eingeplant. Aber auch im Süden tröpfelten die endgültigen Resultate, die eine Überprüfung und Präzisierung der von TNS-Ilres erhobenen Umfragen erlaubt hätten, nur sehr spärlich ein.

Die Qualität der TNS-Ilres-Hochrechnung wird deutlich, wenn man die errechneten Prozentwerte der einzelnen Parteien mit dem Endresultat vergleicht. Die größte Abweichung entstand bei der DP: Statt der errechneten 15,8 Prozent erreichte sie auf Landesebene „nur“ 14,98 Prozent. Bei allen anderen Parteien wurde der Endwert mit einer Abweichung von 0,4 Prozent oder weniger angegeben. Zwar sagen diese nationalen Zahlen wenig aus, weil die Sitze und Restsitze ja in den einzelnen Bezirken erstritten werden, doch ihre Genauigkeit steht jenen, die in anderen Ländern – mit teilweise weniger komplizierten Wahlverfahren – erreicht werden, in nichts nach.


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