KINDERBETREUUNG: Villa Kunterbunt

In einem Rundtischgespräch zur Qualität in der Kinderbetreuung wurde viel über die Qualifikation der Erzieher, über Finanzen und Zusammenarbeit gesprochen. Fast vergessen wurden dabei die Kinder.

„Um ein Kind zu erziehen, so heißt es in einem afrikanischen Sprichwort, braucht es ein ganzes Dorf“ ? von diesem Ideal der gemeinschaftlichen Fürsorge für die Kinder sieht Vera Spautz, Escher Sozialschöffin und LSAP-Abgeordnete, die Luxemburger Realität weit entfernt. Dass die vor allem in den seit 2005 bestehenden Betreuungseinrichtungen, den so genannten Maisons Relais, oft anders aussieht, offenbarte diese Woche auch das Rundtischgespräch zur Qualität in der Kinderbetreuung, an dem neben diversen Parteienangehörigen die „Ombudsfra fir d’Rechter vum Kand“ (ORK), Vertreter der „Entente des professions éducatives et sociales“ (EPES) sowie Mitglieder der „Association des Educateurs/trices gradué(e)s“ (APEG) teilnahmen, die die Veranstaltung organisiert hatten.

Wie nicht anders zu erwarten, nutzten die Vertreter des Berufsverbandes der Sozialpädagogen die Gelegenheit, eindringlich auf die Bedeutung der Qualifikation des Betreuungspersonals in den Maisons Relais hinzuweisen. „1996 bestand das Personal in den rund 60 konventionierten Foyers de jour zu 90 Prozent aus qualifizierten Erziehern und Sozialpädagogen. Mit den Maisons Relais wurde das qualifizierte Personal auf 40 Prozent herabgesetzt“, stellte der EPES-Vertreter Paul Bressler fest. Auch wenn die durch das großherzogliche Reglement von 2005 begründeten Maisons Relais seitdem wie Pilze aus dem Boden geschossen seien und dadurch die Zahl der Beschäftigten stark zugenommen habe, sehe der Personalschlüssel der Maisons Relais rund 60 Prozent Angestellte vor, die nur über eine Mindestqualifikation von 100 Stunden verfügen müssen – was komplett unzureichend sei.

Dass jedoch die Qualifikation nicht alleine Garant für eine gute Betreuung ist, wurde im Laufe des Abends an vielem deutlich. So haben auch die „éducateurs/trices gradué(e)s“ unter der Überfüllung der Betreuungseinrichtungen zu leiden. „Seit der Einführung der Chèques Services sind die Kindergruppen in den Maisons Relais teilweise so groß geworden, dass auch die Sozialpädagogen Konzepte, die sie in den Schulen gelernt haben, nicht mehr umsetzen können“, erläuterte Marc Pletsch, Vertreter der APEG. Mittlerweile gehe es deshalb vor allem nur noch darum, die Kinderbetreuung administrativ und organisatorisch halbwegs zu bewältigen. „Das kann es nicht gewesen sein“, empörte sich Pletsch. Auch das Ombudscomité fir d’Rechter vum Kand will sich in seinem nächsten Jahresbericht eingehender zu der Frage der Qualität in der Kinderbetreuung äußern. „Teilweise haben wir teure Luxusgebäude für die Unterbringung der Kinder errichtet, dann aber greifen wir wieder auf provisorische Strukturen wie Turnhallen zurück“, klagte die Ombudsfra Marianne Rodesch-Hengesch. Viele Kinder hätten unter den Folgen einer Überbelegung zu leiden. Probleme seien der zu hohe Geräuschpegel, unzureichende Rückzugsräume und die mangelnde Begleitung beim Essen. „Wir haben als ORK schon Klagen von Eltern bekommen, dass sich ein Kind ein Bein gebrochen hat oder dass ein anderes ganz schlimm gebissen wurde – ohne dass diese Vorfälle bemerkt wurden“, berichtete Rodesch-Hengesch. Kritisch sei auch die allzu lange Verweildauer vieler Kinder in den Maisons Relais. „Stundenweise die Kinder in eine Maisons Relais zu geben, ist kein Problem. Viele Eltern haben auch keine andere Wahl, da sie arbeiten müssen,“ so Rodesch. Problematisch werde es, wenn Kinder ganze Tage über in der Betreuungseinrichtung bleiben müssen. Damit werde auch, wie eine Betreuerin aus dem Publikum monierte, die Chancengleichheit, die die Maisons Relais sich ursprünglich auf die Fahne geschrieben hatten, verletzt: „Ich mache mir keine Sorgen um die Kinder die dreimal pro Woche kommen. Diese werden auch durch eine schlechte Struktur keinen Schaden erleiden. Alle anderen jedoch schon“.

Problematische Überbelegung

Damit die Betreuungsqualität besser wird, sind auch Investitionen notwendig. Hier kritisieren einige Gemeinden die unzureichende Unterstützung durch den Staat. Zwar übernimmt dieser rund 75 Prozent der Investitionen für die Maisons Relais, doch auch mit dem bei ihnen verbleibenden Rest sehen sich einige Gemeinden überfordert.

Ein weitere Schwierigkeit entsteht durch die Handhabung des Personalschlüssels: „Wenn die Maisons Relais nicht von morgens sieben bis abends sieben voll belegt sind, dann zahlt uns der Staat einen Personalposten nicht komplett aus“, so Vera Spautz. Auch in der Stadt Luxemburg kennt man dieses Problem. „In Luxemburg Stadt ist in der Regel ein Erzieher für 10 Kinder verantwortlich. Die Betreuungseinheiten sind jedoch nicht immer gleichbleibend. Es gibt Spitzenzeiten, aber auch Phasen, in denen ein Erzieher nur für acht Kinder zuständig ist“, erläuterte die Grünen-Abgeordnete und Sozialschöffin Viviane Loschetter. Hochgerechnet auf 21 Maisons Relais komme Luxemburg-Stadt damit auf einen Personalquotienten, den der Staat nur teilweise mittragen würde. Ebenso habe Luxemburg-Stadt in letzter Zeit zwar erheblich in Infrastrukturen und zusätzliche Arbeitskräfte investiert, so dass in den 21 Maisons Relais mittlerweile rund 2.500 Kinder betreut werden ? jedoch: „Wir hätten gerne mehr Kinder aufgenommen – wenn wir mehr Plätze hätten“, so Loschetter. Die neuen Einrichtungen, die noch gebaut werden – z.B. in Beggen, Cents und Bonneweg – reichten nicht aus; die wachsende Nachfrage habe in einigen Stadtteilen nur mit mobilen Containerkomplexen für jeweils rund 1 Million Euro pro Einheit befriedigt werden können. Damit habe zwar der vom Familienministerium empfohlene Rückgriff auf die ? nach Loschetter nicht den Sicherheitsstandards des ASFT-Gesetzes entprechenden ? Turnhallen vermieden, nicht jedoch die Entstehung von Wartelisten verhindert werden können. „Wir haben Wartelisten von bis zu 250 Kindern“, berichtete Loschetter. Grund hierfür sei auch der Zulauf aufgrund der Chèques Service.

Kritisch sei weiter, dass die auf Planung verwendeten Stunden – denn Arbeit mit Kindern bedeute Vorbereitung und Kollaborationsarbeit – finanziell nicht vom Ministerium berücksichtigt würden. „Wir sind der Meinung, dass sich eine Regierung, die sich die Einführung der Chèques Service auf die Fahne schreibt und gegen das Armutsrisiko und für die Chancengleichheit eintreten will, auch die Mittel dazu zur Verfügung stellen muss“, erklärte Loschetter. Diese Mittel seien notwendig, um das Personal für den Zeitaufwand für interne Teamversammlungen, die Zusammenarbeit mit den Eltern und den neuen „Comités d’Ecole“ oder die Vorbereitung von Aktivitäten wie Ausflügen, Ferienkolonien und die Sommeraktion „Kids in the city“, zu entschädigen.

Geht es nach dem DP-Abgeordneten Eugène Berger, so ist die Qualität in der Kinderbetreuung in Luxemburg weniger eine Frage der Mittel als vielmehr der Art, wo und wie Investitionen getätigt werden. „Im internationalen Vergleich stellt Luxemburg den Eltern sehr viel Cash für die Kindererziehung bereit – jedoch nur wenige Dienstleistungen“. Daher sei die DP, die bei den letzten Wahlen sogar eine Gratis-Kinderbetreuung gefordert hatte, gegen Geldleistungen, wie den Kinderbonus oder die Chèques Service, und befürworte stattdessen Investitionen in das Personal und die Infrastruktur.

Fehlende Netzwerkarbeit

Dass die Qualität der Kinderbetreuung jedoch nicht nur gute Rahmenstrukturen, sondern auch ein inhaltliches, pädagogisch begründetes Konzept voraussetzt, wurde an diesem Abend ebenfalls klar. „Vieles in der Kinderbetreuung wurde mit Verspätung und unter Druck eingeführt. Und wenn nur reagiert wird, dann ist die Gefahr einer chaotischen Desorganisation groß“, so Loschetter. Es seien deshalb regelmäßige Weiterbildungen des Personals und Supervisionen vonnöten und Zeit, die eigene Arbeit zu evaluieren ? eine wesentliche Forderung angesichts der wachsenden Schwierigkeit der Arbeit. Denn das Betreuungspersonal sei zunehmend mit Kindern konfrontiert, die Probleme irgendwelcher Art, etwa massive Lernstörungen, aufwiesen. Anderswo ist man besser hierauf eingestellt, wie Thessy Didier, Vertreterin der APEG, berichtete: „Ich komme aus dem Heimsektor. Hier funktioniert das pluridisziplinäre Arbeiten im Team. Auch wird jedes Kind nach sechs Monaten evaluiert. Anhand der Ergebnisse schätzen wir ab, ob wir uns erzieherisch in die richtige Richtung bewegen“. In den Maisons Relais dagegen werde eine derartige Evaluation kaum praktiziert. „Hier herrscht eher Chaos“. Zum Chaos trage auch bei, dass sich zwei Ministerien, das Familien- und Erziehungsministerium, in die Verantwortung für die Maisons Relais teilen.

„Wenn wir die Chancengleichheit jedes Kindes fördern wollen, dann müssen wir überall die gleichen Chancen bieten“, betonte Loschetter. Diese Bedingung sei jedoch nicht erfüllt, die Betreuungsstrukturen in den Gemeinden wiesen keineswegs überall die gleiche Qualität auf. Deshalb müssten Kooperationen die Netzwerkarbeit unter den Trägern, mit den Schulen und den Vereinen einer Gemeinde gefördert werden. Der Forderung, die Chancen der Kinder zu verbessern, werden die Maisons Relais aber auch aus rein organisatorischen Gründen nur mangelhaft gerecht. Eltern beispielsweise, die Nachtschichten absolvieren, können die Maisons Relais nicht nutzen, und Begünstigungen wie die Chèques Services sind für sie wertlos. Sie sind gezwungen, die Dienste teurer Pflegefamilien in Anspruch zu nehmen. „Die Chancengleichheit der Kinder hört schon bei der Geburt auf – entsprechend dem Beruf eines Elternteiles“, konstatierte die Ombuds-fra Rodesch-Hengesch. So muss eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern, die mit ihrem Nachtdienst 1.670 Euro im Monat verdient, 315 Euro an eine Pflegefamilie bezahlen. „Könnte sie von den Chèques Service profitieren, wären es nur 43 Euro“.

Noch weiteren Schaden werden Flexibilität und Zugänglichkeit der Maisons Relais wohl nehmen, wenn die Absichten einiger Referenten Realität werden, die sich bei der Planung der Infrastruktur weniger an den Bedürfnissen der Kinder als an Leistungsprinzipien und einem abstrakten Rentabilitätsprinzip orientieren. „Durch eine hochwertige Betreuung können massiv Gelder eingespart werden“, gibt sich der Abgeordnete Berger überzeugt: Eine OECD-Studie habe bewiesen, dass Luxemburg 2,2 Milliarden Euro pro Jahr vergeude, um Nachsitzer und Schulabbrecher wieder zu integrieren.

Damit die Betreuung lebendig bleibt, muss sie an den Bedürfnissen der Kinder orientiert sein. „Ich finde, dass diesem Umstand nicht genug Rechnung getragen wird“, meint der Familientherapeut Gilbert Pregno. Sorgen bereite ihm der Umstand, dass es immer mehr Kinder in den Maisons Relais offensichtlich schlecht gehe. „Muss erst etwas passieren, damit die Politik reagiert?“, fragt der Therapeut. Nie wurden so viele Kinder von Fremden betreut. Viele würden als Kleinkinder im ersten Lebensjahr zu lange in eine Betreuung gegeben – noch bevor sich eine Bindung zu den Eltern habe bilden können. Eine gute Kinderbetreuung ist also unabdingbar, wenn die Kinder nicht auf der Strecke bleiben sollen. Sie ist jedoch nicht das Allheilmittel. Wichtig ist auch, dass die Lebensumstände in der Gesellschaft der Familie wieder mehr Zeit und Platz zugestehen.


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