SCHWEINEPEST: Jagd auf die Schuldigen

Tausende von Hausschweinen werden gekeult. Da muss es doch auch erlaubt sein, den Hauptschuldigen, das Wildschwein, zu schießen, so die Jagdbefürworter. Doch ob’s was hilft? Die Ursachen der Misere liegen mit Sicherheit anderswo.

Ich war’s auch nicht …
(Foto: Christian Mosar)

„Für uns ist klar und deutlich: Die Schweinepest ist auf die Wildschweine zurückzuführen. Deshalb begrüßen wir auch die Öffnung der Jagd – diese Entscheidung war notwendig und mutig.“ Für Camille Weiler von der CSV, der bei der Aktuellen Stunde am vergangenen Mittwoch im Parlament als erster das Wort hatte, ist die Sache einfach. Camille Gira (Déi Gréng) sah es genau anders herum: „Die Pest geht immer von den Hausschweinen aus.“ Er stützt sich bei dieser Ansicht auf ein im Auftrag seiner Partei erstelltes Gutachten eines Göttinger Wildbiologen. Dagegen wiederum brachte Landwirtschaftsminister Fernand Boden harte Fakten vor: Das Virus sei vom Typ „Rostock-2-3“, das gleiche, das im Raum Bitburg-Prüm grassiert, und tauche verstärkt auch bei Wildschweinen in Luxemburg auf. Ebenso unbestreitbar ist allerdings, dass nach dem ersten Fall in Colbette die weiteren Ansteckungen zu einem guten Teil zwischen Hausschweinen zustande gekommen sind.

Wer war zuerst infiziert, das Haus- oder das Wildschwein? Einerseits geht selbstverständlich eine Gefahr von infizierten Wildschweinpopulationen aus. Andererseits wird die Verschleppung des Virus schnell und über weite Distanzen eindeutig durch die Massenhaltung und die europaweiten Transporte von Hausschweinen ermöglicht. „Nicht der einzelne Bauer ist schuld“, betonte Camille Gira bei seinen Ausführungen, „sondern das Funktionieren unserer Landwirtschaft.“ Er warf die Frage auf, inwiefern diese vielen Transporte notwendig seien. Dass mitten im Naturpark Obersauer in einer Ortschaft 10.000 Schweine konzentriert seien, zeige, wie weit Luxemburg vom Ideal einer extensiven Landwirtschaft entfernt sei, das doch immer wieder bejaht werde.

Kranke Landwirtschaft

Der Landwirtschaftsminister bestätigte diese Sicht der Dinge indirekt, als er auf die Schwierigkeiten bei der Rückverfolgung des Infektions-Ursprungs sprach: „Heute gibt es ja so viele Bewegungen“. Doch er nimmt die Rentabilitäts-Logik der industriellen Landwirtschaft als gegeben hin. So erläuterte er, die Entlassung von infizierten Schweinen aus der Quarantäne-Station sei kein Fehler gewesen, sondern Pech: „Wir können doch nicht jedes Mal den Handel blockieren, bis die Analysen und die Rückverfolgung abgeschlossen sind.“ Klar, dass in dieser Logik die Wildschweine als alleinige Ursache dastehen.

Neben der Frage nach den Ursachen stellt sich die nach den Gegenmaßnahmen. Seit 1999 gab es in Luxemburg den Verdacht auf Wildschweinpest. Unumstritten ist, dass hohe Wilddichten, wie in Luxemburg, den Ausbruch wahrscheinlicher machen. Ende Oktober 2001 tauchte das erste befallene Tier auf. Daraufhin verschickte die Forstverwaltung ein Rundschreiben an alle Jagdpächter, das neben hygienischen Maßnahmen auch jagdliche Empfehlungen enthielt: Vor allem sollten massiv Jungtiere erlegt werden, doch ohne die Rotten durch den Einsatz weit jagender Hunde zu versprengen und das Virus zu verbreiten. Weder Treibjagden noch das Füttern wurden damals verboten. Auch gab es keine Informationsveranstaltungen oder Kontrollen, darüber ob genügend und richtig gejagt würde.

„In meiner Behörde habe ich gerade einmal zwei Personen, die sich um die Jagd kümmern. Und die sind überbeschäftigt“, erklärt der Direktor der Forstverwaltung Jean-Jacques Erasmy gegenüber der woxx. Der Staat könne nicht alle Details regeln, schließlich seien Jäger erwachsene Leute. Die Rechtfertigung der von seiner Behörde initiierten, umstrittenen Treibjagd Ende Januar im Bambësch – die Reduzierung der Wilddichte – erscheint im Nachhinein als glaubwürdig. Bedenken gegenüber der Methode bleiben: Bei einer Treibjagd können infizierte Tiere in fremde Reviere versprengt werden.

Als Dringlichkeitsmaßnahme hat Umweltminister Charles Goerens angekündigt, die Jagd auf Wildschweine in jeder Form und ohne Gewichtsbegrenzung über den 1. März hinaus zu erlauben. Camille Weiler bemängelte, Charles Goerens habe Zweifel an seiner Entschlossenheit erkennen lassen, den Bestand deutlich zu reduzieren. Camille Gira schloss sich an: „Der Minister hätte hinzufügen können: Auch wenn’s nichts hilft, wir haben etwas getan. Und damit hätte er recht gehabt.“

Wahnwitzige Wilddichte

In der Tat stehen den grimmigen Forderungen der meisten PolitikerInnen, den Wildschweinen zu Leibe zu rücken, die Skepsis der Experten gegenüber. Der Forstverwaltungsdirektor drückt immerhin die Hoffnung aus, dass die Jäger sich an die Empfehlungen halten würden. Roger Schauls vom Mouvement Ecologique sieht darin nichts als eine „Goodwill-Geste“ der Jäger an die Adresse der Landwirte. „Nein, den Bestand kurzfristig verringern, das ist nicht drin“, meint auch der Präsident der Jägerföderation Camille Studer.

Und längerfristig? Woher kommt die hohe Wilddichte?

Die Jäger würden die Tiere zu viel füttern, ja, mästen, behaupten die Landwirte. Bei der Chamber-Debatte schlossen sich die meisten RednerInnen dieser Sicht der Dinge an. Camille Studer sieht das anders: „Gefüttert wird, um die Wildschäden zu vermeiden. Hohe Dichten gibt es überall in Europa. Das liegt an der Veränderung der Lebensräume durch den Maisanbau.“ Doch die Grünen haben ein gesetzliches Fütterungsverbot in ihre Vorschläge für ein neues Jagdgesetz aufgenommen, und der Druck der Agrarlobby könnte eine Mehrheit hierfür zu Stande bringen. Camille Studer glaubt nicht daran: „Das würde ein Fiasko für die Landwirtschaft.“ Sowieso habe das Verhalten der Jäger nur einen sehr begrenzten Einfluss auf die Wilddichte.

Als letzte Lösung wurde in der Chamber von mehreren Rednern die Möglichkeit der Impfung zur Sprache gebracht. Doch Fernand Boden winkte ab: „Das brächte einen jahrelang andauernden Exportstopp seitens der EU mit sich.“ So undenkbar ist die Lösung trotzdem nicht. „Wo ist das Problem?“, fragt Roger Schauls, „schließlich ist Luxemburg beim Schweinefleisch ein Importland.“ Doch in Zeiten der industrialisierten und globalisierten Landwirtschaft hat der gesunde Menschenverstand nichts mehr zu melden.

Raymond Klein


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