BIBLIOTHEKSWESEN: Ein „Guide“, aber kein eindeutiges Ziel

Es tut sich was im Luxemburger Bibliothekswesen, doch in welche Richtung die Entwicklung gehen soll, ist nicht zu erkennen.

In seltener Eintracht präsentierten sich am vergangenen Dienstag die Direktorin der Nationalbibliothek, Monique Kieffer, und der Vorsitzende der Luxemburger Vereinigung der Bibliothekare, Archivisten und Dokumentalisten (Albad), Jean-Marie Reding, der Presse, um ein gemeinsames Produkt vorzustellen: den „Lëtzebuerger Bibliothéiksguide“.

Alle fünf Jahre erscheint der von der Albad herausgegebene und von der Nationalbibliothek finanziell geförderte Führer. Diesmal listet er akribisch genau 145 in Luxemburg existierende Bibliotheken auf. Auf den ersten Blick eine stattliche Zahl, umso mehr, wenn man bedenkt, dass in der Ausgabe von 2005 nur 127 solcher Institutionen verzeichnet waren. Allerdings setzt der Luxemburger Bibliotheksführer, anders als etwa die Unesco, die Mindestkriterien zur Aufnahme eher niedrig an.

Jean-Marie Reding, der die Publikation koordiniert hat, sieht die Entwicklung denn auch mit gemischten Gefühlen. Auch wenn diese Zahlen nach oben zeigen, so bleibt doch so manch strukturelles Defizit bestehen: Echte öffentliche Bibliotheken, die etwa in kommunaler Hand sind, zählt Luxemburg nur 15. Im internationalen Vergleich stellen wir sozusagen ein Entwicklungsland dar, denn eigentlich hätten aufgrund der Einwohnerzahl rund 40 solcher Bibliotheken Platz im Ländchen.

Dass gerade die Nationalbibliothek die Veröffentlichung des Führers finanziert, erklärt deren Direktorin mit der Koordinatorenrolle, die ihrer Institution auf nationaler Ebene zukomme. Dass hier viel im Umbruch ist, begrüßt Monique Kieffer uneingeschränkt und unterstreicht die Notwendigkeit, ein dichtes Netz von Bibliotheken in Luxemburg zu schaffen. In diesem Zusammenhang weist sie auf das neue Gesetz für öffentliche Bibliotheken hin, das sich derzeit auf dem Instanzenweg befindet (siehe woxx 1035 und 1043).

Dass das Bibliothekswesen einen Aufschwung erfährt, wird von den beiden Verantwortlichen also einhellig begrüßt. Wenn es aber darum geht, die Richtung zu bestimmen, die die Entwicklung nehmen soll, sind die beiden ProtagonistInnen, die unter dem gleichen Dach arbeiten, sehr unterschiedlicher Meinung. Gerade in der Einschätzung des neuen Gesetzes liegen Reding und Kieffer weit auseinander. Zwar hat die zuständige Chamber-Kommission wesentliche Unstimmigkeiten aus dem Text entfernt, doch bleibt es für den Albad-Präsidenten ein schlechtes Gesetz. Monique Kieffer dagegen erklärt jedwede Kritik, das Gesetz stehe Neugründungen eher im Wege, für unbegründet. Ziel der Gesetzgebung sei es, die kleineren Bibliotheken zur Zusammenarbeit zu motivieren und Kompetenzen zu bündeln. Dass der Staat als Gegenleistung für seine Fördergelder die Einhaltung von Mindeststandards verlange, sei nur legitim.

Hinsichtlich der größeren Bibliotheksstrukturen denken Albad-Präsident und BNL-Direktorin ebenfalls in unterschiedliche Richtungen. Während Reding eine Fusion der BNL mit der im Aufbau befindlichen Universitätsbibliothek am Standort Esch vorschwebt, setzt sich Kieffer weiterhin für eine eigenständige Nationalbibliothek ein, die allerdings eine neue, funktionellere Bleibe auf Kirchberg erhalten sollte.

Wer über diese doch sehr unterschiedlichen Zukunftsmodelle entscheiden soll, ist ebenfalls unklar. Während Monique Kieffer die Verantwortung hierfür bei der „Politik“ verortet, moniert Jean-Marie Reding den unzureichenden Rückgriff auf professionelle Kompetenz, etwa beim dem im neuen Gesetz geplanten „Conseil supérieur des bibliothèques“.

Vielleicht findet sich bei all dem Streit auch eine Instanz, die das Ganze aus dem Blickwinkel der NutzerInnen angeht. Dass die Nationalbibliothek zur Zeit stark von Studenten besucht wird, deren Fakultäten irgendwann nach Esch verpflanzt werden, ist nicht zu leugnen. Umgekehrt dürfte die Perspektive, die BNL von einer verstaubten Magazinbibliothek endlich in eine moderne Präsenzbibliothek umzuwandeln, neue Entwicklungen möglich machen.

Die Cité-Bibliothek der Stadt hat gezeigt, dass, wenn Standort, Gebäude und Angebot den Anforderungen genügen, Bibliotheken auch, oder gerade, im Zeitalter des Internet eine blühende Zukunft haben. Doch ausgerechnet das kleine Luxemburg tut sich schwer, seine spärlichen Ressourcen zu bündeln, und verpasst so den Anschluss an weltweite Trends.


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