UNTERWEGS: Auf in die Walachei!

Eine grandiose Roadnovel, nicht nur für Vierzehnjährige: In Wolfgang Herrndorfs neuestem Buch entdecken zwei Jungs die Welt. Deren Bewohner sind gar nicht so feindselig wie befürchtet ? dafür aber ziemlich seltsam.

Wenn man keinen Spitznamen hat, kann es zwei Gründe dafür geben: Entweder man hat keine Freunde oder man ist langweilig. So sieht das zumindest Maik Klingenberg, vierzehnjähriger Schüler eines Gymnasiums in Berlin-Marzahn. In seinem Fall, so fürchtet er, trifft leider beides zu. Die Dinge verändern sich für ihn erst, als der aus Russland kommende Tschick in der Klasse aufkreuzt. In vier Jahren hat er es von der Förderschule bis aufs Gymnasium geschafft. Mit seinen assigen Klamotten, gelegentlichen Alkoholfahnen und Russenmafia-Image kann aber auch er nicht punkten. So verwundert es nicht, dass er und Maik quasi die einzigen aus der Klasse sind, die keine Einladung zu Tatjanas Geburtstagsparty bekommen haben, die zu Beginn der Sommerferien steigen wird.

Für Maik ist das die größtmögliche Katastrophe, denn er ist unsterblich in Tatjana verliebt. Deshalb kommt es ihm gerade recht, dass sich seine Mutter mal wieder „auf Beautyfarm“ (familiärer Jargon für Entziehungskur) verabschiedet und sein Vater mit Assistentin auf „Geschäftsreise“ geht. Am Pool der elterlichen Villa gedenkt er, seine Wunden zu lecken. Doch daraus wird nichts. Denn schon bald steht Tschick mit einem geklauten blauen Lada in der Hofeinfahrt und reißt ihn aus seinem Blues: Warum nicht Urlaub machen „wie ganz normale Leute“? Nach einer Stippvisite bei Tatjanas Party brechen die beiden schließlich mit dem Lada gen Südosten auf, in die Walachei, zu Tschicks Großvater.

Was nun folgt, ist eine grandiose Roadnovel, gleichermaßen spritzig, witzig, grotesk und melancholisch erzählt. Ohne Karte fahren die beiden einfach drauf los und lassen sich treiben von ihren Begegnungen. Von einer weltfremden Familie mit Superhirnen werden sie zu Risi Pisi eingeladen, auf einer Müllkippe treffen sie das Mädchen Isa, das mit einem Holzkästchen auf Wanderschaft ist, und in einem verlassenen Dorf am Tagebaurand weiß der Schütze Fricke zu erzählen, dass alles sinnlos ist, auch die Liebe. Nicht böse Menschen, vor denen man sich in Acht nehmen muss, bevölkern die Welt, wie man Maik jahrelang eingebläut hat, sondern allerhand seltsame.

„Tschick“ ist ein rasanter Abenteuerroman, eine Hymne auf die Freundschaft, die Liebe und das Leben, in der bei allem Witz auch immer ein trauriger Unterton mitschwingt.

Wolfgang Herrndorf erzählt seine Geschichte ganz aus der Perspektive von Maik, mit allem Wissen und Unwissen eines Vierzehnjährigen. Da steht man zum Beispiel plötzlich mit den beiden Jungs vor einer Mondlandschaft, die natürlich ganz anders betrachtet wird, wenn man nicht weiß, dass es sich um die Hinterlassenschaften des Tagebaus handelt. Nie stellt sich Herrndorf dabei über seine Helden. Deshalb liebt man auch Dialoge wie den folgenden: „‚Das Buch hieß, glaube ich, Der Seebär. Oder Der Seewolf.` – ,Du meinst Steppenwolf. Da geht es auch um Drogen. So was liest mein Bruder.` – ,Steppenwolf ist zufällig eine Band`, sagte ich.“ Auch in der Sprache trifft Herrndorf den richtigen Ton zwischen altersgerechter Pose, Witz und Empfindsamkeit, und Jugendslang wie „alter Finne“ oder „endbescheuert“ taucht sparsam, aber an den richtigen Stellen auf.

„Tschick“ ist ein rasanter Abenteuerroman, eine Hymne auf die Freundschaft, die Liebe und das Leben, in der bei allem Witz auch immer ein trauriger Unterton mitschwingt. Genial geschrieben mit einer Zärtlichkeit, die manchmal fast wehtut. Ein tolles Buch, das man getrost auch schon Vierzehnjährigen in die Hand geben kann. Schade nur, dass es so schnell ausgelesen ist. Aber Maik und Tschick vergisst man nicht.

Wolfgang Herrndorf – Tschick. Rowohlt Verlag, 254 Seiten.


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