WERTEUNTERRICHT: Kleine Unterschiede

„Wahlfreiheit“ fordert der Bischof, „Weg mit den Pfaffen“ rufen die Ultra-Laizisten. Die woxx hat bei den Sekundarlehrern des Ethik- und Religionsunterrichts nachgefragt. Ein Kulturkampf scheint keineswegs unausweichlich.

Ein „neutraler und harmonisierter“ Werteunterricht soll laut Regierungsprogramm die beiden jetzigen Fächer „Formation / Education morale et sociale“ und „Instruction religieuse et morale“ ersetzen. Bereits vor den Wahlen schlug die Vereinigung der Ethiklehrer (Alpe) vor, im Sekundarunterricht einfach das Programm der „Praktischen Philosophie“ – so nennen sie selber ihr Fach – zu übernehmen. Das sehen auch große Teile der laizistischen Linken so. In den Augen vieler Antiklerikaler ist Religionsunterricht das exakte Gegenteil eines neutralen Fachs und dient nur dazu, wehrlose Jugendliche zu indoktrinieren.

„Das Fach heißt zwar `Instruction religieuse et morale`, aber eine Katechese betreiben wir nicht mehr“, erläutert Laurent Karels, Vizepräsident der Vereinigung der Religionslehrer im Sekundarunterricht, gegenüber der woxx. Katechese bedeutet eine theoretische und praktische Einführung in den christlichen Glauben. „In moralischen Fragen gehen wir vom christlichen Standpunkt aus, doch man muss nicht Ja und Amen sagen zu allen kirchlichen Positionen“, ergänzt Karels. „Das ist ein Unterschied zum Unterricht, wie er früher war.“ Ob auch für die Kirche peinliche oder kontroverse Themen angesprochen werden können? „Die Kreuzzüge stehen im zweiten Jahr auf dem Programm, die Sexualität im dritten“, so Karels. Da gebe es oft herausfordernde Fragen von Schülern, zum Beispiel zur Homosexualität. Die Klasse sei dann überrascht, wenn der Religionslehrer hierüber auch anders denke als der Papst. Auch im Konkurrenzfach wird Religion thematisiert. „Beim Thema Nummer 7, der Frage nach Ursprung und Sinn, wird vermittelt, was Religion ist“, so ein Vertreter der Alpe gegenüber der woxx. Außerdem werde bei den anderen Themen die ideengeschichtliche Perspektive dargelegt, zu der auch die Religionen gehörten. Anders als der offizielle Name des Fachs suggeriere, gehe es nicht darum, Moral zu predigen, sondern die Schüler zum autonomen Denken anzuregen. „Der Ethiklehrer sollte seine eigene Meinung vor der Tür des Klassenzimmers ablegen, wie er seinen Mantel ablegt“, sagt unser Gesprächspartner.

Denken statt glauben

Wenn beide Fächer Meinungsvielfalt erlauben und beide Religion behandeln, gibt es da überhaupt noch Unterschiede? „Bei jeder ethischen Frage, die behandelt wird, legen wir die katholische Position dar – ohne uns auf sie zu beschränken“, erklärt Laurent Karels. Sollte ein Einheitskurs eingeführt werden, so müsste der Religion bei jedem Thema genug Raum gegeben werden. „Das für unsere Gesellschaft prägende jüdisch-christliche Erbe hat dabei eine größere Wichtigkeit als andere Religionen“, findet Karels, denn: „Im Musikunterricht liegt der Schwerpunkt ja auch auf der abendländischen Musik und nicht auf der chinesischen.“

Auf Seiten der Alde sieht man das anders: „Der große Unterschied zwischen den beiden Fächern ist, dass wir eine Äquidistanz gegenüber den Religionen einhalten“, so ein Ethiklehrer gegenüber der woxx. Außerdem sei es nicht so, dass alle Religionslehrer ihren Unterricht gleichermaßen weltoffen gestalteten. Vom Einheitskurs verspricht man sich eine Aufwertung des Fachs bei den Versetzungskriterien – es sei sonst schwierig, alle Schüler zur Mitarbeit zu motivieren. Wie der Einheitskurs umgesetzt werden soll, ist allerdings noch unklar. In den vergangenen Jahren gab es erste Vorarbeiten in einer vom Ministerium eingesetzten Arbeitsgruppe, in der Ethik- und Religionslehrer zusammengearbeitet haben. Die Initiative der neuen Regierung muss also nicht unbedingt zu einem Kulturkampf führen, sondern kann möglicherweise den Dialog zwischen den beiden „Kulturen“ voranbringen.


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