#dichterdran: Schiller hatte die schönsten Locken

von | 08.08.2019

Unter #dichterdran parodieren Twitter-User*innen den sexualisierten Blick männlicher Literaturkritiker auf Autorinnen. Der ist Ausdruck eines strukturellen Problems der Literaturkritik.

Foto: CC BY nefasth SA 2.0

„Solche Rezension sind so dermaßen peinlich, dass ich mich eigentlich gar nicht darüber aufregen möchte“, twitterte die Journalistin Nadia Brügger vor wenigen Tagen und verwies dabei auf Martin Ebels Buchbesprechung zu Sally Rooneys Debütroman „Gespräche unter Freunden“ im Schweizer Tages-Anzeiger. „Kann bitte ich das nächste Mal eine schreiben – und zwar ohne die Autorin unnötig zu sexualisieren und ihre Leistung großväterlich zu schmälern?“ Ebel schreibt in seiner Rezension über Rooneys sinnliche Lippen, über ihre vermeintliche Ähnlichkeit zu einem verschreckten Reh – und er behauptet, manche Romanszenen könnten von Marivaux abgeschrieben sein.

Brügger traf mit ihrem Tweet ins Schwarze – viele Menschen aus der Szene applaudierten virtuell. Brüggers Kritik mündete im Rollentausch, der von ihr selbst, der Journalistin und Romanautorin Simone Meier und der Regisseurin, Drehbuchautorin und Kolumnistin Güzin Kar mit dem Hashtag „#dichterdran“ versehen wurde. Die Frauen schlugen mit Kommentaren zurück, in denen Autoren so beschrieben wurden wie sonst Autorinnen. Weitere User*innen nahmen die Vorlage dankend an und legten nach:

 

https://twitter.com/Guzinkar/status/1157931089698140160

Sexualisierte Literaturkritik ist jedoch nur die vielbeschworene Spitze des Eisbergs. Aktuelle Studien aus dem deutschsprachigen Raum zeigen, dass die Literaturkritik generell an einem strukturellen Sexismus-Problem leidet. Nicht nur gibt es genügend Beispiele, in denen Autorinnen und Autoren sowie ihre Werke geschlechtsspezifisch bewertet und besprochen werden, es herrscht gleichzeitig ein großes Ungleichgewicht, was das Geschlecht der Kritiker*innen und der Medienpräsenz der Autor*innen betrifft.

Das bestätigen Daten aus der Sondernummer der Reihe „Literaturkritik in Zahlen“, die die Literaturwissenschaftlerin Veronika Schuchter in ihrem Artikel „Geschlechterverhältnisse in der Literaturkritik“ in Auszügen präsentiert. Es wurden zwölf Zeitungen aus dem deutschsprachigen Raum analysiert. 2018 wurden dort insgesamt 3.420 Belletristik-Rezensionen publiziert. 66 Prozent davon wurden von Männern, knapp 32 Prozent von Frauen verfasst. Die Monatsergebnisse variieren laut Schuchter stark. In den zentralen Buchmessemonaten (unter anderem Mai und Oktober) seien Rezensionen von Literaturkritikerinnen deutlich unterrepräsentiert, während sie die Literaturseiten zu Sommerloch-Zeiten dominieren würden.

Was ebenfalls auffällt: Die männlichen Kritiker besprechen zu 76 Prozent Literatur von Männern, während Kritikerinnen Werken von Männern und Frauen gleichermaßen Beachtung schenken.* Hinter den Büchern, die vergangenes Jahr rezensiert wurden, steckten derweil zu 68 Prozent Autoren und nur zu 31 Prozent Autorinnen. Dass das mit den Neuerscheinungen zu tun hat, widerlegt Schuchter mit dem Argument, dass es nicht die Aufgabe der Literaturkritik sei „als repräsentative Kommentatorin des Marktes zu fungieren“. Würde das, was besprochen wird, in Relation zu den Neuerscheinungen stehen, würden vorwiegend Fantasy-Bücher und triviale Liebesromane besprochen. In einem Interview mit dem Radiosender „Deutschlandfunk“ sprach Schuchter letztes Jahr über weitere interessante Aspekte zu Gender und Literaturkritik.

*Die Erhebungen folgten einem binären Geschlechtersystem, nachdem keine weitere Kategorie zur Anwendung kam. Die Trennung sei nicht affirmativ, sondern als abbildend und nicht wertend erachtet werden, merkt Schuchter in ihrem Artikel an.

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