EU: Autonom gegen die TĂŒrkei?

von | 03.08.2020

Der jĂŒngst von Luxemburg finanzierte A330 MRTT soll zur strategischen Autonomie beitragen. Was ist damit gemeint und was kann ein Tankflugzeug zur Lösung des griechisch-tĂŒrkischen Konflikts beitragen?

Tanker verschaffen mehr Autonomie – aber gegen wen?
(Wikimedia; US Pacific Air Forces; CC BY-SA 2.0)

Was die Spannungen zwischen den beiden Nato-LĂ€ndern Griechenland und TĂŒrkei fĂŒr die Diskussionen ĂŒber die strategische Autonomie der EU bedeuteten, wollte StĂ©phanie Empain (DĂ©i GrĂ©ng) in einer Question parlementaire wissen. Strategische Autonomie steht fĂŒr die FĂ€higkeit, im Bereich der Sicherheitspolitik eigene Entscheidungen zu treffen und ĂŒber die Mittel zu verfĂŒgen, sie umzusetzen.

Es ist kein Zufall, dass der Ausdruck ebenfalls im Zusammenhang mit der Luxemburger Beteiligung am Ausbau der A330-MRTT-Flotte gefallen ist. Wie wir in unserer Serie zu diesem Thema dargelegt haben, sind Tankflugzeuge notwendig, um weltweit militĂ€risch intervenieren zu können. In der Vergangenheit waren europĂ€ische LĂ€nder hĂ€ufig auf die UnterstĂŒtzung durch amerikanische Tanker angewiesen, wie die Friddensplattform fĂŒr den Fall Libyen in Erinnerung gerufen hat (siehe Teil 2: „Teuer und kriegerisch“).

EU-Sicherheitspolitik ohne Nato?

Zwar gehört besagter Pool von neun Tankflugzeugen, den sich sechs LĂ€nder teilen, formal der Nato. Außerdem ist der entscheidende Grund, sich zu beteiligen, fĂŒr Luxemburg eindeutig darin zu suchen, das sich das Land gegenĂŒber diesem BĂŒndnis verpflichtet hat, seine MilitĂ€rausgaben zu erhöhen. Dennoch sehen manche Akteur*innen in solchen Anschaffungen eine StĂ€rkung der HandlungsfĂ€higkeit der EU auch außerhalb des Nato-Rahmens.

StĂ©phanie Empain scheint diese Sicht der Dinge zu teilen, sie hat jedenfalls die strategische Autonomie der EU in ihrem Bericht zum Gesetz zur Erhöhung des Engagements am A330-MRTT-Pool angefĂŒhrt. Dabei unterstreicht sie den Wegfall von 14 solcher Flugzeuge infolge des Brexit – Flugzeuge, die fĂŒr die EU, nicht aber fĂŒr die Nato verloren sind. Die Frage, wozu eine solche strategische Autonomie benötigt wird, beantwortet der Bericht allerdings nicht. Die oben erwĂ€hnte Question parlementaire dagegen lĂ€sst erahnen, worum es geht.

Frankreich Kiel an Kiel mit Griechenland

In den vergangenen Monaten ist es im östlichen Mittelmeer zu ZwischenfĂ€llen zwischen tĂŒrkischen und griechischen StreitkrĂ€ften gekommen. Dabei geht es um territoriale AnsprĂŒche der TĂŒrkei, die von der EU unter Hinweis auf das Internationale Recht abgelehnt werden. Frankreich hat sich deutlich auf die Seite und Griechenlands geschlagen. Am 10. Juni war es beinahe zu einem Schusswechsel zwischen einem französischen und einem tĂŒrkischen Schiff gekommen – dies allerdings im Rahmen des Libyen-Waffenembargos, einem weiteren Konfliktpunkt zwischen EU und TĂŒrkei.

Ob andere Mitgliedstaaten Griechenland ebenfalls ihre UnterstĂŒtzung zugesagt hĂ€tten, wollte Empain unter Anderem vom Armeeminister wissen. Mit anderen Worten: Die strategische Autonomie soll dazu dienen, Mitgliedstaaten zu verteidigen, Und das auch, wenn sich die USA, wie in diesem Fall, scheuen, Partei zu ergreifen. Das Problem bei diesem Szenario: Die TĂŒrkei ist, wie auch Griechenland, Nato-Mitglied, wĂŒrde sie angegriffen, so mĂŒsste sie von 22 der 27 EU-LĂ€ndern verteidigt werden.

Nicht, dass ein solches Dilemma neu wĂ€re: 1974 war es, im Rahmen der Teilung Zyperns, fast zu einem Krieg zwischen den beiden Nato-Mitgliedern gekommen. Weil sich Griechenland (damals noch nicht EU-Mitglied) nicht genug unterstĂŒtzt fĂŒhlte, hatte es aus Protest die Nato-Kommandostruktur verlassen (bis 1980). Schon damals hatte es innerhalb der Nato gekriselt, und heute, nach Trumps zahlreichen AlleingĂ€ngen, ist nicht damit zu rechnen, dass das Schwergewicht im BĂŒndnis sich um eine Schlichtung kĂŒmmert.

Sich selber den Krieg erklÀren?

Soll die EU also der TĂŒrkei den Krieg erklĂ€ren? Die Tankflugzeuge wĂŒrden die Reichweite europĂ€ischer Kampfflugzeuge genĂŒgend erhöhen, um zum Beispiel Ankara bombardieren zu können. Das könnte allerdings den Artikel 5 des Nato-Vertrags aktivieren, und dann mĂŒssten die Staaten, die sowohl bei der EU als auch bei der Nato Mitglied sind, theoretisch sich selber den Krieg erklĂ€ren. Ganz klar, die strategische Autonomie bringt in diesem Konflikt keine Lösung, sondern nur neue Probleme.

In seiner Antwort geht der Armeeminister nicht auf die abenteuerliche Idee ein, militĂ€risch Front gegen die TĂŒrkei zu machen. „Die Nato-Mitglieder möchten, dass die jetzigen Meinungsverschiedenheiten [ĂŒber den tĂŒrkisch-französischen Zusammenstoß] im Dialog gelöst werden, um daraus Lehren zu ziehen und solche ZwischenfĂ€lle in Zukunft zu vermeiden“, fasst Empains Parteikollege François Bausch das Ergebnis des Nato-Ministertreffens von Mitte Juni zusammen.

Diplomatie ist wichtiger als Kanonen

Was die EU und Griechenland angeht, so werde der Begriff „strategische Autonomie“ zwar hĂ€ufig benutzt, ĂŒber seine Bedeutung gebe es aber noch „zahlreiche Diskussionen“. Bausch verweist auch auf den EU-Außenministerrat, der sich am 13. Juli seine „ganze SolidaritĂ€t“ mit Griechenland und Zypern erklĂ€rt habe. Auch sei der Hoher Vertreter fĂŒr Außen- und Sicherheitspolitik fĂŒr GesprĂ€che nach Ankara gereist.

Man sieht: Die FĂ€higkeit, diplomatische Mittel einzusetzen und Kompromisse auszuhandeln steht im Vordergrund. Dabei können militĂ€rische Mittel eine Rolle spielen, zum Beispiel beim Schutz von Seezonen oder der Durchsetzung eines Waffenembargos. Die FĂ€higkeit, einen richtigen Krieg zu fĂŒhren, ist dagegen kaum sinnvoll anzuwenden und lenkt nur von den diplomatischen Optionen ab. In diesem Sinne könnte ein kleines Land Luxemburg, Ă€hnlich wie Norwegen, öfter eine Vermittlerrolle ĂŒbernehmen. Doch dafĂŒr mĂŒsste es seinen diplomatischen Dienst ausbauen, statt militĂ€rischen Mittel anzuhĂ€ufen.

Link: der A330 MRTT in der woxx.

 

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