Rassismus ist nicht austauschbar

von | 25.02.2021

„Safe Spaces“ fĂŒr diskriminierte Personengruppen geraten immer wieder ins Fadenkreuz privilegierter Menschen. In Luxemburg sorgte eine Veranstaltung ausschließlich fĂŒr Schwarze fĂŒr Diskussionen, unter anderem bei der ADR. Steckt hinter den Reaktionen mehr Selbstanalyse als Fremdenhass?

Copyright: Marco Allasio/Pexels

Es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten – soweit die Redewendung. Dumm sind weder die parlamentarische Anfrage, die Fred Keup (ADR) der Integrationsministerin Corinne Cahen schickte noch ihre Antworten darauf. Dumm oder ungĂŒnstig ist aber, dass das UnverstĂ€ndnis fĂŒr die strukturelle Diskriminierung von Black, Indigenous and People of Color (BIPOC) so tief sitzt, dass es die kritische Analyse der eigenen Privilegien behindert.

Der Anlass fĂŒr Fred Keups Schreiben ist eine Online-Konferenz der antirassistischen Organisation LĂ«tz Rise Up: Mit dem Webinar „Racisme structurel au Luxembourg: de quoi parle-t-on?“ richtete die sich ausschließlich an ein Publikum, das Rassismus erfĂ€hrt. Die PrĂ€sidentin von LĂ«tz Rise Up, Sandrine Gashonga, erklĂ€rte in einem GesprĂ€ch mit der Tageszeitung l’essentiel, dass man einen sichereren und freien Ort des Austauschs fĂŒr die Betroffenen schaffen wollte. Diese Praxis nennt man gemeinhin „Safe Space“. Bei Fred Keup stieß das auf UnverstĂ€ndnis.

„Ass d’Madamm Minister der Meenung, datt dĂ«sen Akt, bei deem Leit mat wĂ€isser Hautfaarf konkret an onmĂ«ssverstĂ€ndlech vun engem Evenement ausgeschloss ginn, rassistesch ass? (
) WĂ©i d’Madamm Minister dem l’essentiel sot, duerfen Associatiounen ‚hir eege KrittĂ€ren definĂ©ieren‘. Duerfen Associatiounen an dĂ«ser Logik dann och Leit mat schwaarzer oder anerer Hautfaarf ausschlĂ©issen?“, hinterfragt er. Doch in Sachen Rassismus lĂ€sst sich der Spieß nicht einfach umdrehen. Das wĂŒrde nur in einer Welt funktionieren, in der kein struktureller Rassismus besteht. Eine Welt, in der Menschen jeder Herkunft, sexuellen Orientierung und jeden Geschlechts identische LebensrealitĂ€ten hĂ€tten. Eine solche Welt existiert aber nicht. Neben Erfahrungsberichten von Menschen afrikanischer Abstammung, offenbart auch die Studie „Being Black in the EU“ (2020) von der Agentur der EuropĂ€ischen Union fĂŒr Grundrechte (FRA), dass BIPOC in Luxemburg diskriminiert werden. Über die allgemeine Diskriminierung weißer Menschen in Luxemburg ist bisher nichts bekannt.

Dieses Ungleichgewicht muss in jeder Debatte ĂŒber Rassismus mitbedacht werden. Die Umkehrung der VerhĂ€ltnisse, wie sie Keup mit seinem Schreiben andeutet, negiert die systematische UnterdrĂŒckung und Diskriminierung von BIPOC. Sie entlarvt, dass kein VerstĂ€ndnis fĂŒr die Reichweite der bestehenden Ungleichheiten besteht. „Wer der Norm entspricht, kann sich oft [die] Wirkung [der Ungerechtigkeit] nicht vorstellen, weil die eigene Akzeptanz als selbstverstĂ€ndlich angenommen wird“, schreibt die Philosophin und Publizistin Carolin Emcke in ihrem Buch „Gegen den Hass“ (2018) treffend zum Thema. Und es ist genau das, was immer wieder in Debatten ĂŒber „Safe Spaces“ fĂŒr marginalisierte Menschengruppen aufkommt: das UnverstĂ€ndnis der Privilegierten.

Werden sie von einer Konferenz ausgeschlossen, treten sie eine Grundsatzdiskussion ĂŒber Rassismus los. Sind sie in einer Schreibweise mitgemeint, identifizieren sie diese als umstĂ€ndlich und unnötig. Schnell schreien sie „EinschrĂ€nkung der Meinungsfreiheit!“ oder trauern um eine Diskussionskultur, die nur aus ihrer Perspektive offen war. Die eigentlichen Leidtragenden werden zu den Engstirnigen, zu den Verursacher*innen sozialer Ungleichheiten stilisiert. Dabei gerĂ€t in Vergessenheit, was auch Emcke erwĂ€hnt: „Dem Hass ausgesetzt zu sein, wieder und wieder, lĂ€sst Betroffene oft verstummen. Wer [
] sich rechtfertigen soll fĂŒr die eigene Hautfarbe [
], dem oder der geht oft auch die Position verloren, von der aus sich frei und unbeschwert sprechen lĂ€sst.“ Genau diese Position dĂŒrfen die Betroffenen in einem „Safe Space“ ungestört zurĂŒckgewinnen, um sich gegebenenfalls gestĂ€rkt in öffentliche Debatten einzubringen. Die Idee hinter geschĂŒtzten DiskussionsrĂ€umen fĂŒr strukturell diskriminierte Menschen ist es nicht, Hass zu schĂŒren.

In „Die Macht der Gewaltlosigkeit“ (2020) schreibt Judith Butler im Kontext von Gewaltakten ĂŒber Verfolgungsphantasien: „Komme ich zu der Überzeugung, dass ich fĂŒr ein Tun verfolgt werde, ohne zu bemerken, dass die vorgestellte Handlungsweise nach meinem eigenen Wunsch ist, konstruiere ich [
] eine BegrĂŒndung fĂŒr aggressives Handeln gegen eine Aggression, die mir von außen begegnet.“ Umso tragischer sei es „[w]enn mir klar wird, dass es meine eigene Aggression ist, die mir in Form der Handlung des anderen entgegenkommt und derer ich mich nun wiederum mit Aggression zu erwehren suche. Es ist mein Tun, aber ich schreibe es dem anderen zu, und so fehlgeleitet diese Substitution auch sein mag, zumindest zwingt sie mich doch zur Überlegung, dass das, was ich unternehme, auch gegen mich unternommen werden kann.“ Dieser Gedanke lĂ€sst sich auf die Debatte ĂŒber die Veranstaltung von LĂ«tz Rise Up ĂŒbertragen. Die Sichtbarkeit diskriminierter Bevölkerungsgruppen fĂŒhrt bei manchen Menschen zur Gewissheit ihrer eigenen Privilegien und folglich zur Angst, diese abgeben zu mĂŒssen. Corinne Cahen schreibt in ihrer Antwort auf Keups Anfrage darĂŒber hinaus zurecht, dass exklusive Debatten zur Sozialarbeit gehören, genauso wie Diskussionsrunden fĂŒr Alle – das eine schließe das andere nicht aus. FĂŒr den Mehrwert unterschiedlicher Austauschformen blind zu sein, sagt jedenfalls viel ĂŒber eigene Denkmuster und soziale Kompetenzen aus. Ihre Farbe? Schwarzweiß.

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