Roadburn Festival: Katharsis trotz Kostendruck

von | 09.04.2026

Wie schafft man es, als Musikfestival die Erwartungen der Fans zu bedienen und trotz steigender Kosten innovativ zu sein? Das Roadburn Festival lotet auch in diesem April den enger werdenden Spielraum aus. Teil des Rezepts ist die wachsende künstlerische Bandbreite.

Auftritt der Metal-Band Inter Arma. Der Sänger stützt sich mit einem Fuß auf den Backline-Monitor. Er hält mit der einen Hand das Mikrofon und gestikuliert mit der anderen. Neben und hinter ihm sind ein Gitarrist und der Schlagzeuger zu sehen.

Ist auch dieses Jahr exklusiv wieder dabei, spielt aber nur einen Song: Die US-Band Inter Arma 2024 auf dem Roadburn Festival. (Foto: Thorsten Fuchshuber)

Mehrtägige Festivals sind eine spezielle Sache. Als Erlebnis gehen sie weit über das Hören von Livemusik hinaus. Das beginnt schon mit der Anfahrt, wenn man im Zug anreist und dabei auf andere – mutmaßliche – Festivalgänger*innen trifft. Dann die Erregung, die überall zu spüren ist. Eintrittsbändchen abholen, darauf warten, dass es losgeht, sich auf dem Gelände orientieren. Vielleicht ein Bier gegen die Aufregung trinken. Manche sind alleine da, andere in Gruppen unterwegs. Aufgekratztes Geschrei und Gekicher wie bei einem Schulausflug. So fängt es an. Zunächst merkt man kaum, wie man aus dem Alltag heraus und in ein Paralleluniversum tritt, in das man in den kommenden Tagen immer tiefer hineingezogen wird. So tief, dass die Rückkehr daraus manchmal richtig anstrengend wird.

Das wird auch beim diesjährigen Roadburn Festival so sein. Vom 16. bis 19. April treffen sich im niederländischen Tilburg wieder Tausende Fans der härteren Klänge. Was um die Jahrtausendwende als Doom-Metal- und Stoner-Rock-Happening begann, ist mittlerweile zu einem der weltweit renommiertesten Festivals für extreme und experimentelle Musik avanciert. Nach einer coronabedingten Zwangspause hat sich das von Walter Hoeijmakers und Becky Laverty gestaltete Event unter zunehmend schwierigeren wirtschaftlichen Bedingungen neu erfunden: „Redefining Heaviness“ lautet seit einigen Jahren das Motto, also neu ausloten, was an Musik „heavy“ ist. Es gebe da nämlich eine ständige Weiterentwicklung, so Hoeijmakers vor drei Jahren im Interview mit der woxx über die zumindest partielle Neuausrichtung. „Es gibt einen Austausch zwischen bestimmten Genres und Stilrichtungen“. „Wir spiegeln einerseits das wider, was im Underground gerade passiert, und andererseits wollen wir auch ganz bewusst bestimmte Elemente herausstreichen, die wir für wichtig halten“ („Wir wollen Grenzen verschieben“; woxx 1727). Und so ist das Roadburn in den vergangenen Jahren unter der Hand längst ein Festival für Indie-Musik im weiteren Sinne geworden. Damit hofft man wohl auch, für eine größere Zielgruppe interessant zu werden.

Wenn es angesichts der großen musikalischen Bandbreite noch etwas gibt, das alle Fans der dort vertretenen Stilrichtungen teilen, dann dürfte es nicht zuletzt die kathartische Wirkung der dortigen Liveshows sein. Eine solche ist auch während der insgesamt drei Konzerte zu erwarten, die die Band „Krallice“ auf dem Roadburn gibt. Sie ist dieses Jahr nämlich „Artist in Residence“. Es ist eines der Alleinstellungsmerkmale des Festivals, sich solche Künstler*innenresidenzen zu leisten. Auch Auftragskompositionen vergibt man jedes Jahr. Hier ist die Extreme-Metal-Band aus New York City ebenfalls mit von der Partie. So wird es neben einem Konzert, das die klassische Black-Metal-Frühphase des Quartetts abdeckt, und einem weiteren, das sich über dessen gegenwärtiges Schaffen erstreckt, noch eine Uraufführung geben, mit der man die künftige musikalische Entwicklung vorwegnehmen will.

Sperrig und zurückgenommen kommt der zeitgenössische Sound der 2008 gegründeten Band daher, mit der voluminösen Wuchtigkeit moderner Metalproduktionen ist er eher nicht zu vergleichen. Der Schlagzeugsound ist klar und differenziert, statt Gitarrenwänden ist es bisweilen auch der Bass, der dominiert. In die grundsätzlich dissonante Songstruktur werden Elemente elektronischer Musik verwoben. Der Schreigesang von Mick Barr erinnert manchmal eher an einen Stil, wie man ihn von Sludge- oder Hardcore-Bands her kennt. „Krallice“, seit mehr als zehn Jahren nicht mehr in Europa auf der Bühne zu erleben und extra für das Festival eingeflogen, stellt musikalisch in vielerlei Hinsicht ein Kondensat dessen dar, was die Idee des Roadburn ist.

Auch „Acid Mothers Temple“ (AMT) hat in diesem Jahr eine Künstler*in- nenresidenz. Seit 30 Jahren gehört die japanische Band um Gitarrist Kawabata Makoto zum Beliebtesten, was die Szene der psychedelischen Rockmusik zu bieten hat. Während man sich in den Anfangstagen als Künstlerkollektiv präsentierte, ist dieses mittlerweile längst zu einer festeren Formation geschrumpft. Für die drei Konzerte auf dem Roadburn, in denen AMT die eigene musikalische Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft präsentiert, werden aber auch Mitglieder früherer Schaffensphasen wieder mit auf der Bühne sein, darunter Gründungsmitglied und Sängerin Casino Cotton. Zwar lässt sich die Band stilistisch recht mühelos zwischen Kraut- und Progressive Rock einordnen, und auch der als Urvater der elektronischen Musik geltende Komponist Karlheinz Stockhausen wird nicht zu Unrecht als Referenz genannt; doch was heißt das schon? Die Konzerte von AMT sind jedes ein Trip für sich.

Auch in diesem Jahr rechnet man wieder mit rund 4.500 Besucher*innen pro Tag, wobei Dreiviertel davon aus dem Ausland kommen.

Laura Pleasants, die Sängerin und Gitarristin der Band Kylesa auf der Bühne des Roadburn-Festivals, im Bildhintergrund das Bandlogo.

Im vergangenen April nach neun Jahren Pause fürs Roadburn Festival auf die Bühne zurückgekehrt: die Sludge- Band „Kylesa“. (Foto: Danièle Weber)

Als trippy lässt sich auch der vorwärtstreibende, dezent tanzbare Electro-Synth-Sound der „Bitchin Bajas“ begreifen, der, teils von einem Saxophon begleitet, perfekt funktioniert, auch wenn er sich nicht auf E-Gitarren stützt. Aber ob auch eingefleischte Metalfans sich davon begeistern lassen, wenn eine solche Band auf dem Roadburn die Bühne betritt? Ein kleiner Rettungsanker: Nicht zufällig heißt ein Song des neuen Albums (Inland See, 2025) „Graut“; ein an den Krautrock der 1960er- und 1970er-Jahre angelehntes, hypnotisches 18-Minuten-Stück, von der Band vollständig ins Elektronische transferiert.

Noch weiter weg vom Metal als der „teutonische kosmische Workout“ (so das Online-Magazin Pitchfork) der US-Combo Bitchin Bajas ist das, was Singer/Songwriter Richard Dawson macht. Aber seien wir ehrlich: Wen interessiert es bei so tollen Stücken noch, wie man Heaviness definiert? Melancholie könnte ein verbindender Bestandteil sein; doch kaum jemand schafft es so gut wie Dawson mit seiner Musik, diesen seelischen Zustand in etwas zu verwandeln, über das man schmunzeln oder sogar lachen kann. Und das liegt nicht daran, dass er mitunter kalkuliert hoch und immer höher singt, bis ihm dabei die Stimme bricht. In Tilburg wird der in Newcastle gebürtige Schotte beweisen, dass er ein sehr versierter Entertainer ist.

Das gilt nicht weniger für den Gitarrenhexer „Sir Richard Bishop“, der stilistisch dem „American Primitive“ zuzuordnen ist und in einer Pressemitteilung versprochen hat, auf dem Roadburn „a joyous racket“, also vergnüglichen Krach zu machen. Was Bishop auf seinen Saiten zupft, ist in der Tat zum Teil „harter Stoff“, weil es eine fesselnde Dringlichkeit, Unbedingtheit und zum Teil auch Gehetztheit zum Ausdruck bringt. Der 1965 in Michigan geborene Musiker, der sein letztes Album „Hillbilly Ragas“ taufte, beschreibt, was darauf zu hören ist, selbst als „Ausflug in einen dunklen Wald“. Auf dem Roadburn wird man ihm dabei sicher gerne folgen.

Wer es wie eh und je auf die harte Tour haben will, findet sich auf dem Festival weiterhin gut bedient. Dafür sorgt der rohe, unbändige und schroff-zerstörte Sound von Bands wie „Primitive Man“, „Dead Neanderthals“ oder „Moloch“ – bei ihnen definiert bereits der Name das musikalische Programm. Ungestüme Hardcorebands wie „Portrayal of Guilt“, „Habak“ und „Saetia“ sind ebenfalls dabei.

Auch Albumsets wird es wieder geben, also Konzerte, bei denen eine Band eine ihrer Platten, oft auch eine ältere, komplett und in der dortigen Reihenfolge der Songs präsentiert. Bei „Inter Arma“ aus dem US-Bundesstaat Georgia („Trost in der Trostlosigkeit“; woxx 1780), einer Band, die bereits vor zwei Jahren auf dem Roadburn mit ihren Auftritten für offene Münder und haltlose Begeisterung sorgte („Fifty Shades of Heaviness“; woxx-online), besteht da indes wenig Verwechslungsgefahr: Die von ihnen präsentierte Platte „The Cavern“ (2014) besteht aus nur einem einzigen, 45 Minuten langen Track. Auch die schwer gehypte Black-Metal-Band „Agriculture“ aus Los Angeles wird ihr im vergangenen Jahr erschienenes Album „The Spiritual Sound“ an einem Stück präsentieren. Des Weiteren sind in dieser Sparte unter anderem die Japaner „Boris“, die Bands „Slow Crush“ und „Unsane“, sowie die extra für das Roadburn wiedervereinigten Belgier „Oathbreaker“ (mit ihrem 2016er-Album „Rheia“) dabei.

Wem das viel zu vorhersehbar ist: Seit einigen Jahren stellt man für den Tilburger Club „Paradox“ als Teil des Roadburn ein dem Jazz zugeneigtes Programm zusammen. Dort werden neben den italienischen Brachial-Jazzern „Zu“ unter anderem die Belgier „Kameel“ ihren sexy-jazzy Fuzz Rock präsentieren, und ebenso wird man das „Steamboat Switzerland“ auf eine Reise schicken. Das letztgenannte Trio, das auch schon auf den renommierten Donaueschinger Musiktagen für zeitgenössische Musik gastierte, ist nur ein weiteres Beispiel dafür, wie groß die musikalische Bandbreite auf dem Roadburn Festival inzwischen ist.

Ein Konzept, das insgesamt aufzugehen scheint; auch wenn man auf ein von einzelnen einflussreichen Musiker*innen kuratiertes Teilprogramm, das in früheren Jahren immer viel Beachtung fand, wie schon im vergangenen Jahr wieder verzichtet. Laut Auskunft der Festivalleitung wird es ein solches Kuratorium wohl auch künftig nicht mehr geben, weil die Vorstellungen der beauftragten Künstler*innen (in früheren Jahren beispielsweise die Bands „Neurosis“, Sunn O))) oder der im vergangenen Jahr verstorbene Tomas „Tompa“ Lindberg von „At the Gates“) wegen den nach der Pandemie so viel kostspieliger gewordenen organisatorischen Bedingungen schlicht nicht mehr realisierbar sind.

Immerhin: Die Größe des gesamten Line-ups musste man trotz steigender Kosten nicht zusammenstreichen, so Jaimy Weijenberg, der für das Festival die Pressearbeit macht, gegenüber der woxx. Auch in diesem Jahr rechne man wieder mit rund 4.500 Besucher*innen pro Tag, wobei Dreiviertel davon aus dem Ausland kommen. Das ist beachtlich, wenn man die zunehmende Konkurrenz bedenkt, da sich ein immer größerer Teil der extremen Musik live auf ein- oder mehrtägigen (Indoor-)Events abspielt. Dennoch ist klar: Der Spielraum für ein innovatives Festival dieser Größenordnung wird durch die Kostenentwicklung in nahezu allen Bereichen, die die Organisation solcher Großevents betreffen, immer enger. Ohne bekannte Namen als Zugpferd kommt man nicht aus, und viele der berühmteren Bands haben ihre Rezeptur bereits gefunden. Ihr Status als Pioniere bezieht sich eher auf die Vergangenheit als auf die gegenwärtige musikalische Entwicklung.

Trotz all dieser Schwierigkeiten hat sich das Roadburn inzwischen als fester Treffpunkt der Musikbranche etabliert. Von den am Rande stattfindenden Businessmeetings bekommen die Musikfans selbst nur wenig mit. Einen kleinen Einblick geben auch in diesem Jahr wieder die täglichen Podiumsdiskussionen, die jeweils vor Beginn des musikalischen Programms stattfinden, darunter laut Weijenberg auch eine „über die Vorteile und Fallstricke, wenn man als Künstler in der Musikindustrie gegen den Strom schwimmt“.

Die meisten Besucher*innen dürften solche strategischen Überlegungen während des Festivals eher weniger interessieren. Für sie zählt eher die schiere Menge an außergewöhnlichen Undergroundbands, die es in diesen vier Tagen zu erleben und zu entdecken gilt. Und natürlich die kathartische Wirkung von deren Musik.

Das Roadburn Festival findet vom 16. bis 19. April im niederländischen Tilburg statt.

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