Jugendbuch zu Europa: Informativ, aber chaotisch

von | 06.05.2019

60 Jugendliche fragten, 60 Fachleute antworteten. Das Thema: Europa. Das Kinder- und Jugendbuch „Fragen an Europa“ ist informativ und hat ein Auge für Details. Das Layout ist überladen.

Schädlich und Grotrian wollen keine Werbung für Europa machen oder einem Erziehungsauftrag folgen, sie preisen und rühmen Europa daher nicht, sondern verfahren leidenschaftlich sachlich und mitunter aufreizend lapidar“, urteilt radiobremen über das Sachbuch „Fragen an Europa“. Der deutsche Radiosender und die ZEIT haben das Buch im März 2019 mit dem monatlichen Luchs-Preis für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet. Die Kritik der Jury trifft größtenteils zu, doch das Buch sackt Minuspunkte ein.

Die Fragen der Jugendlichen, die von den Autorinnen ausgewählt wurden, reichen von Trivialitäten („Welche Tiere lieben wir?“, „Wer isst am meisten Schokolade?“) über Politik und Soziales („Was tun gegen Jugendarbeitslosigkeit?“, „Was bedeutet Armut in der EU?“) bis hin zu Absurditäten („Sind Fußballprofis auch nur Menschen?“). Die Antworten enthalten meist einen direkten Vergleich zwischen ausgewählten oder allen Ländern Europas. Manchmal dienen die Fragen nur als Aufhänger: So beleuchtet die Antwort auf die kuriose Frage nach dem Menschsein der Fußballprofis den Einsatz der EU für die Arbeitnehmerrechte im Sport. „Fun facts“ zum Lohnunterschied zwischen Fußballern und Fußballer*innen der Bundesliga – das Lachen bleibt einem im Halse stecken – ergänzen das Kapitel. Generell überrascht das Buch mit der Hervorhebung der Missstände in Europa, die Minoritäten betreffen, wie etwa Frauen oder queere Menschen. Die Basisinformationen zur Entstehungsgeschichte, zu historischen Ereignissen und zur Funktionsweise der EU sowie die statistischen Inhalte sind zudem so aufgearbeitet, dass sie durchaus auch für ältere Zielgruppen (das Buch wird ab 12 Jahren empfohlen) einen Mehrwert haben. Besonders vor den EU-Wahlen am 26. Mai, zur Auffrischung. Das Buch führt vor Augen, wie das politische Europa entstand, was es ist – und fragt, was es sein könnte.

Was stört: Das „wir“, das im Vorwort, den Übertiteln und den einzelnen Fragen immer wieder auftaucht. Wer dieses „wir“ sein soll, bleibt offen. Die unkommentierte Postulierung einer gemeinsamen Identität ist deshalb problematisch, weil sie eine Differenzierung zwischen einem „uns“ und „den anderen“ unterstützt. Und ist das nicht doch irgendwo Werbung für Europa, die die Jury des Luchs-Preises dem Buch abspricht?

Bedauerlich ist auch, dass nur wenig Konkretes zur Zusammenarbeit mit den Jugendlichen oder über ihr Feedback gesagt wird. Die Leser*innen erfahren nur, dass sie die Autorinnen beim „Buch-Machen“ begleitet haben und die Fragen aus gemeinsamen Gesprächen hervorgingen. Die jungen Menschen hinter den Fragen und den Sorgen bleiben unsichtbar, was dem Buch die persönliche Note raubt: Es ist letztendlich eine bunte Ansammlung unpersönlicher Fakten und Daten.

Einen weiteren Minuspunkt gibt es dafür, dass man für weiterführende Details bis zum Ende blättern muss. Das stört den Lesefluss. Immerhin wird man fürs Weiterblättern belohnt: Auf den letzten Seiten gibt es kompakte, differenzierte Zusatzinformationen zu den einzelnen Themenfeldern. Die Informationen stammen unter anderem aus wissenschaftlichen Publikationen und von Eurostat.

Erst im hinteren Teil des Buches wird es übersichtlich und schwarzweiß. Der vorangehende Hauptteil arbeitet hingegen mit auffälligen Grafiken und Piktogrammen, variierenden Schriftmustern und grellen Farben, die teilweise vom eigentlichen Inhalt ablenken. Das Inhaltsverzeichnis ist nicht chronologisch, sondern thematisch geordnet. Ein Detail, das einen gleich zu Beginn durcheinander bringt und die Orientierung erschwert. Beim Lesen muss man das Buch drehen und wenden, um die Überschriften und weiterführenden Randnotizen lesen zu können. Zwischen den Buchdeckeln geht es demnach etwas chaotisch zu. Böse Zungen könnten behaupten, dass das dem derzeitigen Zustand Europas entspricht.

Susan Schädlich und Gesine Grotrian: „Fragen an Europa. Was lieben wir?“, Beltz & Gelberg Verlag, 140 Seiten, 16,95 Euro, ab 12 Jahren.

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