Arbeitsbedingungen auf Filmsets: Noch Job oder schon Ausbeutung?

von | 04.11.2021

Unter Luxemburger Filmtechniker*innen regt sich Protest an ihren Arbeitsbedingungen. Was sind die VorwĂŒrfe? Und was sagen Produzent*innen und Filmfund dazu?

Foto: Creative Commons Zero – CC0

„En tant que rĂ©gisseur, on se retrouve Ă  travailler parfois 15/16h par jour en Ă©tant payĂ© 100€ puisque on ne reçoit pas d’heures supplĂ©mentaires.“,„War Stagiaire an hu misse 17 Stonnen an engem Daag schaffen a gouf mol net bezuelt“, „Working with exhausted runners on set everyday. They get 4 hours of rest between shifts all week long.“

Aussagen wie diese sind seit Kurzem auf dem Instagram-Account btrs_luxembourg zu lesen. Filmtechniker*innen können hier anonym von ihren negativen Arbeitserfahrungen berichten. Eine der Initiator*innen ist Marie Becker (Name von der Redaktion geĂ€ndert). Sie arbeitete in verschiedenen Bereichen an Filmsets, bevor sie vor einem Jahr die Branche wechselte. Aus Frust, wie sie im GesprĂ€ch mit der woxx sagt. Die Ansicht, dass sich die Arbeitsbedingungen an Filmsets Ă€ndern mĂŒssten, sei unter Filmtechniker*innen weit verbreitet, so Becker. Zurzeit mĂŒssten sie den Produzent*innen oftmals wochenlang „hinterherrennen“, damit geleistete Überstunden entlohnt wĂŒrden. Dabei dauere, prĂ€zisiert Becker, ein regulĂ€rer Drehtag bereits um die elf Stunden. Zu diesen kĂ€men dann zum Teil noch zwei, drei Überstunden hinzu.

„Das Problem sind nicht die elfstĂŒndigen Arbeitstage. Ein Problem sehe ich erst dann, wenn es weit ĂŒber diese elf Stunden hinausgeht“, sagt uns Pierre Mayrisch (Name von der Redaktion geĂ€ndert), der seit zwölf Jahren als unabhĂ€ngiger Filmtechniker arbeitet. Er hat zwar nichts mit dem Instagram-Account zu tun, sieht jedoch ebenfalls akuten Handlungsbedarf. FĂŒr ihn geht es bei der Forderung nach besseren Arbeitsbedingungen um weit mehr als Komfort: „Es kommt immer wieder zu UnfĂ€llen, weil Menschen nach einem Dreh ĂŒbermĂŒde nach Hause gefahren sind,.“ Er wĂŒrde Filmtechniker*innen kennen, die in ihrem Auto schliefen, weil sie sich die Heimfahrt nach einem 16-Stunden-Arbeitstag nicht mehr zutrauten. Negative Erfahrungen mit Überstunden hat Mayrisch auch schon gemacht: „Es ist jedes Mal eine Riesendiskussion. Jedes Mal.“ Wenn Produzent*innen ihm frĂŒher im Vorfeld eines Drehs sagten, dass sie keine Überstunden bezahlen könnten, sei er naiverweise davon ausgegangen, dass dann auch keine verlangt wĂŒrden. Dem sei leider nicht so. Manche Produktionen sĂ€hen auch Nachtdrehs vor, obwohl der entsprechende Zuschlag nicht bezahlt werden könne. „Filmtechniker wird man aus Liebe zum Job, nicht, weil man reich werden möchte.“ Das mĂŒsse aber unter zumutbaren Bedingungen ablaufen. „Wenn etwas schieflĂ€uft, fĂŒhlt niemand sich verantwortlich. Zum Teil weiß man auch nicht, wen man auf sein Problem ansprechen kann“, so Mayrisch. Manche Techniker*innen nĂ€hmen ihre Ausbeutung resigniert hin aus Angst, andernfalls keine AuftrĂ€ge mehr zu bekommen.

Becker sieht das Ă€hnlich: „Wenn du nach acht Arbeitsstunden nach Hause gehst, brauchst du am nĂ€chsten Tag gar nicht wiederzukommen.“ Andere wiederum, so Becker, wĂŒrden sich eher gegen ein Filmprojekt entscheiden, als potenziell um eine adĂ€quate Entlohnung betteln zu mĂŒssen. Produzent*innen weigerten sich jedoch die Beschwerden ernst zu nehmen. „Mir war es deshalb wichtig, die Erfahrungsberichte zu sammeln und fĂŒr alle sichtbar zu machen“, so Becker.

Was aber war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte? Was letztlich der Grund, besagten Instagram-Account einzurichten? Eine Diskussion zwischen ihr und der befreundeten Produktionsleiterin Karoline Maes, erklĂ€rt uns Becker. Konkret ging es dabei um ein Youtube-Video der US-amerikanischen Social-Justice-Initiative A More Perfect Union, das die schlechten Arbeitsbedingungen auf den Filmsets von Netflix-, Amazon-, Apple- und Hulu-Produktionen thematisierte. In dem Video wird behauptet, amerikanische Filmcrews hĂ€tten keine Sozialversicherung, mĂŒssten Monate am StĂŒck 16 Stunden am Tag arbeiten, hĂ€tten keine Mittagspause, Überstunden wĂŒrden nicht bezahlt. Als Becker Maes besagtes Video zeigte, sei letztere zwar schockiert gewesen, habe aber andererseits ihre Erleichterung darĂŒber ausgedrĂŒckt, dass hierzulande keine solche ZustĂ€nde herrschten – eine Sichtweise, die in Beckers Augen zu optimistisch ist.

Auf unsere Nachfrage hin erklĂ€rt Maes, worin sich US-amerikanische Filmdrehs ihrer Meinung nach von ‹luxemburgischen unterscheiden. „Hier ‹gelten Gesetze, die ein solches Ausmaß an Ausbeutung verhindern.“ In Luxemburg dauere ein Drehtag elf Stunden inklusive Mittagspause, komme es zu Überstunden, gebe es dafĂŒr einen erhöhten Lohn, wer arbeitslos werde, habe Anrecht auf Arbeitslosengeld. Zu behaupten, die Arbeitsbedingungen an luxemburgischen Filmsets seien mit denjenigen in den USA vergleichbar, bezeichnet Maes als anmaßend. „Ich sage damit nicht, dass hier alles genial ist. Nur, dass es nicht ist wie in Amerika.“ Wem bei einem Dreh die Anzahl der Pausen nicht ausreiche, mĂŒsse dies der zustĂ€ndigen Produktion mitteilen, damit eine Lösung gefunden werden könne. „Bei langen Drehtagen setze ich mich als Produktionsleiterin jedenfalls immer dafĂŒr ein, dass die, die besonders frĂŒh da sein mĂŒssen, eventuell frĂŒher gehen können.“ Seien Überstunden fĂ€llig, wĂŒrde stets das EinverstĂ€ndnis der gesamten Filmcrew eingeholt. „Wenn dann jemand sagt, ‚ich wĂŒrde jetzt gerne nach Hause fahren’, dann suchen wir nach einer Lösung, um die entsprechende Arbeit von einer anderen Person im Team ĂŒbernehmen zu lassen.“ Produktionen, bei denen ein ungeplanter Drehtag hinzukomme, gebe es ihrer Erfahrung nach nur selten. In der Regel sei dies auf die Unerfahrenheit der Regie oder Regieassistenz zurĂŒckzufĂŒhren. „Meiner Erfahrung nach sind die meisten Filmdrehs sehr angenehm und die Stimmung ist gut.“

Marie Becker kann sich diese unterschiedlichen Sichtweisen leicht erklĂ€ren: „Karoline hat nie als Technikerin auf einem Set gearbeitet und kann sich deshalb wahrscheinlich nur schwer in deren Haut hineinversetzen.“ Genauso gebe es auch Produzent*innen, die nur selten einen Fuß ĂŒber die Schwelle eines Filmsets setzten. „Die sehen nur auf dem Papier, dass das Team ein paar Überstunden einlegen musste. Sie waren nicht dabei beim Nachtdreh im strömenden Regen oder im Sommer bei 40 Grad.“ Becker habe mit dem Instagram-Account die Bedingungen in Luxemburg keineswegs mit jenen in den Vereinigten Staaten vergleichen wollen. „Es wĂ€re aber eine Frechheit zu sagen, dass hier alles gut lĂ€uft“, so Becker.

Im Gegensatz zu Maes hat Becker beide Arbeitsbereiche erlebt. Zwei Jahre lang arbeitete sie als Production Coordinator. „Ich habe mitbekommen, dass es in den meisten FĂ€llen wirklich nicht auf ein paar hundert Euro ankommt.“ Bei einem Tontechniker aus Metz sei es selbstverstĂ€ndlich gewesen, dass man ihm das Hotelzimmer bezahlt, damit ihm die zweistĂŒndige Heimfahrt erspart bleibe. „Die paar Euro mĂŒssen mir als Production Coordinator sein Leben wert sein.“

„Gebrannte Kanner“

Inspiriert hat sich Becker am US-amerikanischen Instagram-Account IATSE Stories. Diesen hatte der Beleuchter Ben Gottlieb im August 2021 eingerichtet, mit dem Aufruf an Filmtechniker*innen, ihre problematischen Erfahrungen mit anderen Betroffenen zu teilen. Die Seite hat mittlerweile 167.000 Follower; 1.270 Posts wurden veröffentlicht.

Davon ist das luxemburgische Pendant zurzeit noch weit weg. Dennoch stĂ¶ĂŸt es bei den kritisierten Berufsgruppen auf wenig Begeisterung. Von uns um ein Interview gebeten, antwortete Filmproduzent Paul Thiltges: „Eng Stellungnam dozou ass schwĂ©ier, aus ville GrĂ«nn. A mir Produzente si gebrannte Kanner, et ass esou vill an deene leschte Jore geschriwwe ginn iwer eis, pauschal Accusatiounen goufen erhuewen, Frust gouf un eis ausgelooss, an an alle FĂ€ll (bis elo) hunn all dĂ©i UschĂ«llegungen sech als net haltbar erwisen.“

Eine Stellungnahme enthielt Tihltges‘ E-Mail dann doch. In der Filmbranche seien andere BemĂŒhungen gefordert als in anderen Berufssparten „an dofir sinn och d’Paien mĂ©i hĂ©ich wĂ©i an anere Beruffer“. Die Arbeit an Filmsets sei klar geregelt. Techniker*innen stehe zudem zu, Überstunden zu verweigern. Gleichzeitig vergleicht er einige Abschnitte spĂ€ter Filmdrehs mit einem Uhrwerk, in dem alle ZahnrĂ€der perfekt ineinandergreifen mĂŒssten, „a wann eent stoe bleift, da steet de ganzen Tournage“.

Die Instagram-Posts, so Thiltges, vermittelten eine einseitige Sicht auf das Ganze. Da sei offenbar auch viel Frust mit im Spiel. Vor allem Praktikant*innen seien seiner Erfahrung nach oft frustriert, wenn sie fĂŒr ihre Arbeit am Set nicht entlohnt wĂŒrden. Falls die auf Instagram erhobenen VorwĂŒrfe aber stimmten, so Thiltges weiter, „dann ass dat sĂ©cher an enger Rei FĂ€ll net an der Rei a misst och dĂ©noncĂ©iert ginn“. Der Produzent rĂ€umte ein, dass die Arbeitsbedingungen von Aufnahmeleiter*innen „nicht optimal“ seien, „mee dat ass net onbedingt esou, well d‘Produktioun dat vun hinne verlaangt, mee well si moies de Set preparĂ©ieren an owes mussen ofbauen (…)“. Dennoch seien anonyme Posts auf Instagram nicht das richtige Mittel, um auf MissstĂ€nde aufmerksam zu machen.

Was an Thiltges Reaktion stutzig macht: Wir hatten um ein Interview mit ihm in seiner Funktion als PrĂ€sident der Union Luxembourgeoise de la production audiovisuelle (Ulpa) ‹gebeten. Ein Teil seiner Antwort beschrĂ€nkt sich jedoch auf seine ‹Person: Er selbst habe noch nie Praktikant*innen beauftragt, Kaffee zu machen oder seine privaten EinkĂ€ufe zu erledigen. „Kee vun dĂ«sen 10 Statements betrĂ«fft ee vu menge Filmer, do sinn ech iwwerzeegt, an ech gĂ©if och fir meng Kolleegen aus der ULPA meng Hand an d’Feier leeĂ«n.“

Illu: CC0

Auch Guy Daleiden, Direktor vom Filmfund, fĂ€llt es schwer, die VorwĂŒrfe ernst zu nehmen. Der Filmfund habe noch nie von offizieller Seite erfahren, dass auf einem Filmdreh die Gesetzgebung missachtet worden sei. „Mir si jo och keng Instanz wĂ©i d’ITM zum Beispill, dĂ©i kontrollĂ©ire geet op Tournagen. Mir sinn eng Instanz, dĂ©i Sue gĂ«tt fir Projeten, dĂ©i am Respekt mam Droit de Travail oflafen.“ Von ArbeitsvertrĂ€gen, die acht Arbeitsstunden vorsehen, obwohl ein Drehtag in der Regel zehn Stunden dauert, will Daleiden nichts wissen. „Ech fannen dat schwiereg. Mir kĂ«nne jo net einfach Ă«nnerstellen, et gĂ©if mĂ©i geschafft ginn, wĂ©i virgesinn ass.“ Der Filmfund könne ĂŒberprĂŒfen, ob alle ihr vertraglich vorgesehenes Gehalt erhalten hĂ€tten. Ob aber jemand auf dem Dreh eine Stunde lĂ€nger gearbeitet habe als sein Vertrag es vorsieht, davon erfahre der Filmfund nichts. WĂŒrden ArbeitskrĂ€fte dem Filmfund aber nachweislich von Problemen berichten, hĂ€tte dies entsprechende Konsequenzen. „Mir kĂ«nnen allerdĂ©ngs net vun engem Gefill ausgoen, fir Aktiounen ze Ă«nnerhuelen.“

In puncto Überstunden stellt sich die Frage, wie diese finanziert werden. Das anfangs festgesetzte Budget, erklĂ€rt uns Daleiden, sei nur vorlĂ€ufig und der Filmfund strecke keinesfalls den Gesamtbetrag vor: „Mir ginn d’Suen au fur et Ă  mesure esou wĂ©i si se ausginn a mir kontrollĂ©ieren, ob d’Suen, dĂ©i si eis froen, och fir dee Filmpjojet ausgi goufen.“ Das Budget sei in dem Sinne relativ flexibel. Daleiden gibt jedoch zu bedenken, dass der Filmfund bei jeder Co-Produktion nur einen kleinen Teil der Finanzierung beisteuere und auch nur ĂŒber diesen Betrag eine Übersicht habe.

Besserung in Sicht?

Wo also ansetzen, um das Ausbeutungsrisiko zu verringern? FĂŒr Marie Becker ist die Antwort klar: „Bei den Produktionen. Bei der Berechnung des Budgets gehen sie immer vom Minimum aus. Das muss sich Ă€ndern.“ Eine andere Möglichkeit wĂ€re das Aufstocken des Personals, sodass in Schichten gearbeitet werden könne und niemand mehr als acht Stunden am Set bleiben mĂŒsse. Das absolute Minimum wĂ€re in Beckers Augen die Abschaffung von Überstunden. „Ein Drehtag, der auf zwölf Stunden angesetzt ist, sollte in keinem Fall darĂŒber hinausgehen.“ Sie hoffe, dass es hierzulande nicht zu einem Streik kommen mĂŒsse. „Ich glaube fest daran, dass ein konstruktiver Dialog möglich ist.“

Dem pflichtet auch Maes im GesprĂ€ch mit uns bei. „Ich erachte die Diskussion ĂŒber Arbeitsbedingungen als sehr wichtig. Ich stelle nicht in Frage, dass Vereinzelte sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben.“ Sie sei davon ausgegangen, dass sich die Association des techniciens de l’audiovisuel (Alta) fĂŒr die Rechte von unrechtmĂ€ĂŸig behandelten Filmtechniker*innen einsetze. Dem sei, aus ihr unbekannten GrĂŒnden, jedoch scheinbar nicht so. Die SchwĂ€che des hiesigen Systems sieht Maes vor allem darin, dass sich das Arbeitsrecht nicht eins zu eins auf den Filmsektor anwenden lasse.

Auch Becker ist der Ansicht, dass bei der Gesetzeslage nachgebessert werden muss. „Dann hĂ€tten wir eine Basis, um uns zu wehren. Es ist unmöglich, gegen eine juristische Grauzone anzukĂ€mpfen, wie sie die Filmbranche zurzeit darstellt.“ Auf mögliche gesetzliche Anpassungen angesprochen antwortete uns das Arbeitsministerium, dass zurzeit im Filmsektor die gleichen Regelungen gelten, wie in allen anderen Branchen auch. Auf unsere Nachfrage hin schreibt das Arbeitsministerium, dass die Inspection du travail et des mines (ITM) erst dann Maßnahmen ergreift, wenn eine Arbeitskraft einen Verstoß gegen das Arbeitsrecht bei ihr meldet. Dies sei im Filmsektor bisher noch nicht passiert. „Konkret MesurĂ« sinn aktuell net geplangt, wann awer natierlech festgestallt gĂ«tt, dass aus dĂ«sem spezifesche Secteur op eemol besonnech vill PlaintĂ« gemaach ginn, da kĂ«nne spezifesch CampagnĂ« lancĂ©iert ginn“, heißt es in der Stellungnahme abschließend.

In der Zwischenzeit hofft Marie Becker, dass sie mit dem Instagram-Account etwas bewegen kann.

Die Alta hatte bei Redaktionsschluss noch nicht auf unsere Interviewanfrage von vor zwei Wochen reagiert.

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