ArcelorMittal: Grün und großzügig, aber …

In Spanien will der Konzern bald das erste Null-Emissions-Stahlwerk der Welt betreiben. Was an dem Projekt sinnvoll ist und welche Stolpersteine zu überwinden sind.

Lichtbogenofen.
(Wikimedia; Shymaa Rabea; CC BY-SA 3.0)

„Weil sie viel CO2 ausstößt, kann die Stahlindustrie einen entscheidenden Beitrag leisten, um das Ziel der Netto-Null-Emissionen für 2050 zu erreichen. Dieses Projekt zeigt, was machbar ist.“ Das Projekt, auf das sich Aditya Mittal, Generaldirektor von ArcelorMittal, in einem Pressekommuniqué vom 13. Juli bezieht:  Die Investitionen von einer Milliarde Euro, um die Emissionen der spanischen Stahlproduktion der Firma um die Hälfte zu senken, insbesondere am Standort Gijón (Asturien). Im gleichen Schreiben wird auch angekündigt, bis 2025 durch die Modernisierung am Standort Sestao (Baskenland) weltweit erstmalig ein großes Null-Emissions-Stahlwerk zu betreiben.

„Wir denken, das geht in die richtige Richtung“, heißt es auf der Webseite der NGO „Ecologistas en acción“ aus Asturien. Dass spanische Umweltschützer*innen die Initiative loben, liegt nicht an erster Stelle am angekündigten Klimaziel des Stahlkonzerns. Seit Jahrzehnten mobilisiert die Umweltbewegung gegen die Verschmutzung, die mit Stahlwerken klassischen Stils einhergeht, insbesondere die Belastung durch Feinpartikel. „Ecologistas en acción“ hebt auch den angekündigten Rückgriff auf Alteisen statt Eisenerz hervor, der im Sinne der Kreislaufwirtschaft ist. Die NGO spricht auch – anders als die offiziellen Kommuniqués und die Copy-Paste-Artikel des Medien-Mainstreams – mögliche Arbeitsplatzverluste an, die „hoffentlich durch die mit den neuen Verfahren einhergehenden neuen Aktivitäten kompensiert werden“.

Grün mit Wasserstoff und Strom

So weit aus den ArcelorMittal-Kommuniqués zu den beiden Standorten ersichtlich, werden vor allem in Gijón Umrüstungen vorgenommen. Die bisher mit Koks befeuerten Hochöfen werden durch eine Anlage zur Direktreduktion mit Wasserstoff und ein Elektrostahlwerk mit Lichtbogenofen ersetzt. Die beiden bereits bestehenden Lichtbogenöfen in Sestao werden auf Strom aus erneuerbaren Quellen umgestellt. Weil dort künftig der Input für die Öfen aus Alteisen und nunmehr „grünem“ Roheisen aus Gijón besteht, kann der dort hergestellte Stahl Anspruch auf ein Null-Emissions-Label erheben. Voraussetzung ist natürlich, dass der bei der Direktreduktion eingesetzte Wasserstoff ebenfalls „grün“ ist.

Beim genauen Lesen  wird klar, dass die Milliarde Euro nicht vom Konzern allein investiert wird. Im am 13. Juli unterzeichnete Memorandum of understanding verpflichtet sich der spanischen Staat zur Förderung der Vorhaben, insbesondere durch eine „maximale finanzielle Unterstützung“ im Rahmen der EU-Regeln. Das Kommuniqué drückt sogar die Erwartung aus, „dass diese Unterstützung mindestens die Hälfte der zusätzlichen Kosten abdeckt“.

Netto-Null-Emissionen und Realität

Das ist nicht der einzige Schönheitsfehler bei ArcelorMittals Schritt „in die richtige Richtung“. So ist der Transport des Roheisens von Gijón nach Sestao (250 Kilometer) ökologisch nicht optimal. Auch sind Alteisen verarbeitende Elektrostahlwerke nachhaltiger und sauberer als die klassischen Produktionsmethoden, doch viel hängt von der eingesetzten Filtertechnik ab, wie die langjährige Diskussion über Dioxin-Belastung in Luxemburg gezeigt hat.

Wie „Ecologistas en acción“ zu Recht anmerkt, ist die „Umstellung“ auf „grünen“ Strom durch den Kauf von Zertifikaten in erster Linie ein Rechentrick, dessen Wert für Klimaschutz umstritten bleibt. Und nicht zuletzt haftet dem Rückgriff auf Wasserstoff der Makel an, dass er von der Industrie als „grüner Energieträger“ beworben wird, in Wirklichkeit aber kaum auf nachhaltige Weise erzeugt wird (online-woxx: Stoff der Träume). Als ob das nicht ausreichen würde, findet sich im ArcelorMittal-Kommuniqué zu Sestao noch eine Fußnote, die erklärt, dass der „grüne Wasserstoff“ möglicherweise bis 2025 nicht zu erschwinglichen Preisen verfügbar sei. In dem Fall werde man bei der Direktreduktion Erdgas einsetzen. Das entspreche immer noch einer Senkung des CO2-Ausstoßes um 45 Prozent, merkt der Konzern tröstend an.

 


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