Auf Amazon Prime: Time

von | 26.11.2020

Mit einer Mischung aus Heimvideos und Dokumentaraufnahmen zeichnet Regisseurin Garrett Bradley eindringlich nach, was es für eine Familie bedeuten kann, wenn der Familienvater jahrzehntelang im Gefängnis sitzt.

20 Jahre lang musste Sibil Richardson ihre Kinder alleine erziehen. (Foto: Amazon)

Sibil und Robert sind bereits seit ihrer Schulzeit ein Paar, sie haben sechs Kinder. Der Haken an der Sache? Robert sitzt im Gefängnis. Ende der 1990er-Jahre hatten die beiden versucht, eine Bank auszurauben. Sie, die im Fluchtauto gewartet hatte, wurde zu zwölf Jahren Haft verurteilt, er zu sechzig.

Der Dokumentarfilm „Time“ setzt in dem Moment an, als Sibil nach drei Jahren wieder auf freiem Fuß ist. Mit „Doing Time“ wird im Englischen umgangssprachlich das Absitzen einer Gefängnisstrafe bezeichnet. In „Time“ geht es allerdings nicht um Robert, um genau zu sein, taucht dieser erst am Ende des Films auf. Im Mittelpunkt steht Sibil: ihr Alltag mit den Kindern, ihre unermüdlichen Anrufe beim Richter, die Vorträge, die sie hält, um anderen Betroffenen Mut zu machen, ihr Aktivismus. So zieht der Film eine Parallele zu Roberts Inhaftierung: Theoretisch ist Sibil zwar frei, doch ihr Leben ist in jedem Moment von dem ihres Ehemannes geprägt.

Mit Heimvideos hat Sibil die zwei Jahrzehnte ohne ihren Mann dokumentiert. Wir sehen sie und ihre Kinder älter werden, wir sehen, wie sie stets zwischen kämpferischer Entschlossenheit, Verzweiflung und Abgestumpftheit hin- und herpendelt. Als die Kinder älter sind, sehen wir auch deren Perspektive. „Time is what you make of it. Time is unbiased. Time is lost. Time flies. This situation has just been a long time, a really long time.“ Diese Aussage des jüngsten Sohnes Justus verdeutlicht, dass die Situation, von der er spricht, im Grunde sein ganzes Leben ist. Seit er geboren wurde, warten er und seine Familie darauf, dass der Vater wieder nach Hause kommen darf.

Robert selbst kommt nur vor, wenn er und seine Ehefrau telefonieren. „Was machst du als Erstes, wenn du rauskommst?“ „Disney World?“ Das Hoffen auf eine frühzeitige Entlassung wirkt sich zugleich motivierend und lähmend aus. Wie viele Rückschläge kann ein Mensch verkraften? Wann ist die Reserve an Optimismus aufgebraucht? Wie kann eine Ehe mit einem Inhaftierten aufrechterhalten werden? Robert und Sibil dürfen sich nur zweimal im Monat für maximal zwei Stunden sehen und wissen davon abgesehen nicht, wie lange dieser Zustand anhalten wird. Ob jemals wieder ein reguläres Familienleben möglich sein wird, liegt nicht in ihrer Hand. Umso erstaunlicher, dass Sibil in all den Jahren nie aufgegeben hat.

Auch wenn sie nur vereinzelt explizit thematisiert wird, so schwingt doch immer die Ungerechtigkeit mit, die dieser Familie widerfahren ist. Während Filme wie Sam Pollards „Slavery by Another Name“ (2012) und Ava DuVernays „13th“ (2016) auf den politischen und historischen Aspekt strukturell bedingter Masseninhaftierungen Schwarzer Menschen fokussiert sind, nimmt „Time“ am Beispiel der Familie Richardson die persönlichen Konsequenzen in den Blick.

Eine fast lebenslange Bestrafung wegen eines bewaffneten Überfalls, dürfte auch Laien unverhältnismäßig erscheinen. Die mit Abstand größte Ungerechtigkeit ist jedoch, dass in Fällen wie diesen nicht nur die Erwachsenen, sondern letztendlich vor allem auch ihre Kinder bestraft werden.

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