Berufseinstieg von Flüchtlingen und Asylbewerber*innen: Der Abgrund zwischen Theorie und Praxis

Der Hochschulzugang für Asylbewerber*innen und Flüchtlinge lässt in Luxemburg zu wünschen übrig. Für arbeitssuchende Flüchtlinge gibt es im Vergleich zwar mehr Maßnahmen, nur gehen die in der Praxis oft nicht auf. Fabienne Colling (Präsidentin und Direktorin von Touchpoints) sowie Martine Neyen (Projektleiterin bei Touchpoints) sehen Handlungsbedarf.

„Menschen ohne universitären Abschluss haben oft gar nicht erst die Möglichkeit, geeignete Berufe zu finden“, bedauert Fabienne Colling. (Fotos: Touchpoints asbl + Privat)

woxx: Wie leicht ist der Berufseinstieg für Flüchtlinge und Asylbewerber*innen in Luxemburg?


Fabienne Colling: Es gibt durchaus Maßnahmen, um die Betroffenen in Arbeit zu bringen. Nur laufen die entsprechenden Schritte dazu in der Praxis nicht reibungslos ab. Es gibt verschiedene Hypothesen, warum dem so ist, wie beispielsweise Sprachbarrieren. Das hat sich bei unserer bisherigen Arbeit zum Teil bestätigt, aber wir stoßen auch auf andere Gründe.

Martine Neyen: In manchen Kulturkreisen erfolgt Bildung durch praktische Erfahrungen. Menschen, die an ein solches Bildungssystem gewöhnt sind, können mit unseren Lernmethoden, wie beispielsweise Sprachkursen, wenig anfangen. Für sie wäre es sinnvoller, erst in die Berufswelt eingeführt zu werden, um dann im Alltag die hiesigen Landessprachen zu lernen. Im handwerklichen Berufsumfeld ist die Sprache in der Praxis oft ohnehin das kleinste Problem.

Was steht der Arbeitsvermittlung aus administrativer Sicht im Weg, außer den Sprachen?


Fabienne Colling: Die Anerkennung der Berufsausbildung und der Zugang zu Qualifikationen sind ein großes Problem. In manchen Ländern werden Handwerksberufe nicht zertifiziert. Man erlernt seine Fähigkeiten im Berufsalltag, in der Praxis. Dadurch, dass die Betroffenen keinen Ausbildungsnachweis vorlegen und damit oft nicht die geforderten Bewerbungsanforderungen erfüllen können, bleiben ihnen Jobangebote in ihrem Berufsfeld verwehrt oder unbekannt. Menschen ohne universitären Abschluss haben oft gar nicht erst die Möglichkeit, geeignete Berufe zu finden.

Ist die Erwachsenenbildung eine Option?


Fabienne Colling: Es gibt die Möglichkeit, einen ‚apprentissage pour adulte‘ zu absolvieren, ja, aber es ist selten, dass Menschen mit Fluchthintergrund die Zulassungsbedingungen erfüllen: Man muss mindestens sechzehn Stunden pro Woche im Jahr, zwölf Monate am Stück, Versicherungsbeiträge beim Centre commun de la sécurité sociale eingezahlt haben. Zwar wird diese Regelung manchmal übergangen, im Grunde gilt jedoch ebendiese Vorgabe. In einem zweiten Schritt muss man dann einen Ausbildungsbetrieb finden, was ohne starkes soziales Netzwerk sehr schwer ist. Diejenigen, die einen Ausbildungsbetrieb finden, pflegen meist enge Kontakte zu Ortsansässigen. Das ist ein Faktor, der die Arbeitssuche maßgeblich beeinflusst.

Spielen Sprachkenntnisse für die Ausbildung eine große Rolle?


Fabienne Colling: Die Ausbildung findet oft entweder in französischer oder deutscher Sprache statt. Bei fehlenden Sprachkompetenzen verringert das die Chancen auf Erfolg im schulischen Teil der Ausbildung erheblich. Der setzt sehr gute Sprachkenntnisse voraus. Wenn sie Glück haben, können Ausbildungsanwärter im Vorfeld in einem Betrieb arbeiten, sich an die Sprache und Umstände gewöhnen, bevor sie ihre Ausbildung formal starten. Das geht aber oft zu Lasten des Betriebs und hängt vom Engagement des Arbeitgebers ab.

Auch die Adem bietet Weiterbildungskurse und Beschäftigungsmaßnahmen an.


Fabienne Colling: Die Adem stellt aber in der Regel keine formal qualifizierenden Diplome aus und verlangt oft ebenfalls ein fortgeschrittenes Sprachniveau. Ähnlich verhält es sich mit Ausbildungsmöglichkeiten innerhalb eines Betriebs: Ohne formelles Diplom mit anerkannter Qualifizierung ist die Verhandlungsposition der Beschäftigten begrenzt, wenn sie sich später bei anderen Firmen bewerben wollen.

Asylberwerber*innen können theoretisch schon während des Asylverfahrens einen Beruf ausüben. Wie ist das von Arbeitgeberseite machbar ?


Fabienne Colling: Man kann als Betrieb eine Autorisation d’occupation temporaire (AOT) beantragen. Die Arbeitgeber sollten allerdings eine Wartefrist von drei bis vier Monaten einplanen, wenn sie einen Asylbewerber beschäftigen wollen.

Warum?


Fabienne Colling: Zunächst muss die Stelle, wie jede andere auch, offiziell bei der Adem eingetragen werden. Die schlägt Arbeitssuchende mit passendem Profil aus dem eigenen Kandidatenpool vor. Erst wenn dieser erschöpft ist – jeder Bewerber muss eine begründete, schriftliche Absage erhalten – darf das Unternehmen die AOT über ein Formular, samt Motivationsschreiben, beantragen.

Und dann?


Fabienne Colling: Das Dossier wandert dann weiter zur Einwanderungsbehörde des Ministeriums für auswärtige und europäische Angelegenheiten, die die Anfrage bewilligt oder ablehnt. Die Dauer der Prozedur variiert von Fall zu Fall. Wird die AOT bewilligt, gilt sie nur für diese eine Arbeitsstelle bei einem Unternehmen und ist auf ein halbes Jahr begrenzt – mit Möglichkeit auf Verlängerung von bis zu zwölf Monaten.

„Die Gesetze sind auf dem Papier für alle dieselben, aber in der Praxis werden sie oft unterschiedlich ausgelegt“, beobachtet Martine Neyen. „Das bezieht sich nicht nur auf Flüchtlinge, sondern auf alle, die aus irgendeinem Grund nicht ins gängige Schema passen.“

Ist es also die Regel, dass sich die einzelnen Prozesse zum Berufseinstieg so hinziehen?


Martine Neyen: Ich sage es mal so: Vieles steht und fällt mit den Betreuern, auf die man trifft. Generell wirkt sich das Engagement der Arbeitssuchenden auf die Dauer der Prozesse aus. Jemand, der sich über die Grundinformationen hinaus um Kontakte und Lösungen bemüht, dem scheint man auf den Ämtern anders zu begegnen.

Wie meinen Sie das?


Martine Neyen: In Luxemburg wird oft cas-par-cas entschieden. Das sorgt für Frust bei den Betroffenen. Die Systeme sind extrem willkürlich. Mit Beginn der einzelnen Prozeduren öffnet sich ein schwarzes Loch: Es lässt sich nur erahnen, wie lange sie dauern und was dabei herauskommt. Die Gesetze sind auf dem Papier für alle dieselben, aber in der Praxis werden sie oft unterschiedlich ausgelegt. Das bezieht sich nicht nur auf Flüchtlinge, sondern auf alle, die aus irgendeinem Grund nicht ins gängige Schema passen.

Fabienne Colling: Man ist oft auf die positive Gesinnung und Kooperation der Firmen angewiesen, wenn es um die Integration von Menschen ohne linearen oder traditionellen Bildungsweg geht.

Wird auf innenpolitischer Ebene 
genug getan, um dem entgegen-
zuwirken?


Martine Neyen: Die Politik unternimmt in dieser Hinsicht nichts. Es ist keine Priorität der Regierung. Dabei ist Arbeit ein Kernelement der Integration. Es wird viel über die ‚cohésion sociale‘ gesprochen, aber es wird wenig in diesem Sinn unternommen. Die Regierung trägt die Verantwortung für eine funktionierende Gesellschaft mit – und kommt dieser nicht nach. Die sozioökonomischen Differenzen werden durch die gegenwärtige politische Praxis sogar größer.

Fabienne Colling: Es fehlt Luxemburg grundsätzlich an einem System, um Menschen in die Arbeitswelt und in die Gesellschaft zu integrieren, die sich am Rand der Gesellschaft befinden. Sie sind in unserem Alltag und in der Innenpolitik unsichtbar. Eine Überarbeitung des Systems würde allen sozialen Randgruppen, darunter auch junge Schulabbrecher, und der Gesellschaft als Ganzes zugutekommen.

Es wäre also insgesamt nötig, die gängige Praxis in Sachen Berufschancen zu reformieren?


Fabienne Colling: Was der Basis der Bevölkerung hilft, hilft allen. Ein Beispiel: Die Vereinfachung der administrativen Sprache oder ein Grundrecht auf Arbeit und Wohnraum. Wir sollten keine weiteren gesonderten Maßnahmen für Flüchtlinge schaffen, sondern Leute mit vergleichbaren Problemen aller Kulturkreise zusammenbringen.

Martine Neyen: Wir haben alle großes Interesse daran, dass es den Menschen, die durch die Maschen des Systems fallen, gut geht. Andernfalls wächst der allgemeine Frust, was sich wiederum auf alle Gesellschaftsschichten negativ auswirkt. Die Probleme, die wir bei arbeitssuchenden Flüchtlingen beobachten, betreffen viele Menschen in Luxemburg – und wir vermissen eine kohärente, engagierte Vorgehensweise, um Lösungen zu schaffen.


Touchpoints

Die NGO „Touchpoints“ bereitet Asylbewerber*innen und Flüchtlinge durch diverse Projekte auf das Berufsleben in Luxemburg vor und unterstützt sie beratend bei ihren beruflichen Vorhaben. Das Projekt „Sleeves Up“ läuft noch bis Ende 2020 und konzentriert sich beispielsweise auf die Selbstständigkeit im Handel und dem „artisanat de proximité“. Im Rahmen des Pilot-Projekts INTER-C (10/2018 – 09/2019) bietet Touchpoints, zusammen mit der Fondation EPI, interkulturelles Coaching in Betrieben an. Die Organisation schließt damit eine Lücke: Abgesehen von einem Projekt der Caritas gibt es momentan keine lokale Initiative, die Flüchtlinge auch nach der Berufsfindung bei der Integration im neuen Arbeitsumfeld unterstützt und gleichzeitig die Arbeitgeber*innen zu interkulturellen Fragen berät. Darunter fallen unter anderem Fortbildungsmöglichkeiten zur Stärkung interkultureller Kompetenzen. Martine Neyen leitet das Projekt als Coach interculturelle.


Adem: Stand der Dinge

Seit Februar 2017 betreut die Cellule BPI (Anm.d.R.: bénéficiaire d’une protection internationale) – in Diekirch, Esch und Luxemburg – arbeitssuchende Flüchtlinge aktiv bei der Berufsfindung. Sie agiert neben den üblichen Adem-Betreuer*innen und hilft beim „Matching“ zwischen Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen. Sie bereitet die Arbeitssuchenden zusätzlich durch Training für Vorstellungsgespräche auf die Bewerbungsprozeduren in Luxemburg vor. Bei der Adem sind momentan (Stand: 27. Februar 2019) 748 Arbeitssuchende mit Fluchthintergrund registriert. Davon sind 553 sofort einsatzbereit, 195 nehmen an Beschäftigungsmaßnahmen teil. Ab 2019/2020 bietet die Adem tätigkeitsspezifische Intensiv-Sprachkurse in Französisch an (FSE Project Word4Work), die auf den Handels-, Bau-, Handwerks-, und Gastronomie-Sektor ausgerichtet sind.


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