Ein Zeichen gegen „Straightwashing“?

Dem britischen Regisseur und Drehbuchautor Francis Lee wird vorgeworfen, der Paläntologin Mary Anning Homosexualität angedichtet zu haben. Aber ist das wirklich ein Problem?

© Mr. Grey‘ in Crispin Tickell’s book ‚Mary Anning of Lyme Regis‘ (1996); wikipedia.org

Wird das Leben einer historischen Persönlichkeit verfilmt, kommt es nicht selten vor, dass sich an deren Repräsentation gestört wird. Dies kann vor allem dann zum Problem werden, wenn es sich bei den Kritiker*innen um die dargestellte Person selbst, deren Angehörige oder Nachfahr*innen handelt.

Ein solcher Fall spielt sich zurzeit bezüglich des neuen Werks von „God’s Own Country“-Regisseur Francis Lee ab. Der Film mit dem Titel „Ammonite“ handelt von der britischen, professionellen Fossiliensammlerin Mary Anning. Die aus einer Arbeiter*innenfamilie stammende, im Jahr 1847 verstorbene Frau gilt heute als eine der ersten Paläontolog*innen der Welt.

Der Film, der sich zurzeit in der Produktionsphase befindet, wird auf imdb.com wie folgt beschrieben: „1840s England, an infamous fossil hunter and a young woman sent to convalesce by the sea develop an intense relationship, altering both of their lives forever.“ An ebendiesem Aspekt stören sich Teile von Annings Nachfahr*innen. Verständlicherweise, wird doch der Umstand, dass diese Paläontologin war wie eine Hintergrundinformation zu einer lesbischen Liebesromanze dargestellt. Die Kritiker*innen vermuten, dass Annings Wirken von den Filmemacher*innen als nicht interessant genug wahrgenommen wurde. “Do the film-makers have to resort to using unconfirmed aspects to somebody’s sexuality to make an already remarkable story sensational?”, fragte Barbara Anning letzte Woche in einem Interview mit „The Telegraph“.

Beispiele von weiblichen Figuren, die sich küssen, Sex haben oder gar in einer romantischen Beziehung miteinander sind, mit dem alleinigen Ziel, heterosexuelle Männer anzusprechen, gibt es viele. Solchen Darstellungen fehlt es meist an der nötigen emotionalen Tiefe, die entsprechenden Szenen sollen vor allem eine gewisse Schaulust bedienen. Dass die Liebesbeziehung in „Ammonite“ auf eine solche Weise dargestellt werden soll, ist allerdings eher unwahrscheinlich. „As a working class, queer film maker, I continually explore the themes of class, gender, sexuality within my work, treating my truthful characters with utter respect and I hope giving them authentic respectful lives and relationships they deserve“, twitterte der Regisseur und Drehbuchautor des Films diese Woche in Reaktion auf die Kritik. Seine Fähigkeit, eine homosexuelle Liebesbeziehung auf nuancierte Weise darzustellen, stellte er bereits 2017 mit „God’s Own Country“ unter Beweis.

Im Zweifelsfall heterosexuell

Wie in dem von Barabara Anning zitierten Satz bereits herausklingt, wird Lee, neben einer überflüssigen Sensationalisierung zudem vorgeworfen, der Paläontologin zu unterstellen, homosexuell gewesen zu sein. Darauf reagierte Lee, indem er in einem Tweet auf das sogenannte „Straightwashing“ verwies: „After seeing queer history be routinely ‘straightened’ throughout culture, and given a historical figure where there is no evidence whatsoever of a heterosexual relationship, is it not permissible to view that person within another context?“

© Sony Pictures UK

Ein Beispiel für „Straightwashing“  ist der 1946 erschiene Film „Night and Day“, in welchem Cole Porters Homosexualität mit keinem Wort erwähnt wird. Das passiert allerdings nicht nur bei historischen Figuren. Sowohl Mystique aus der X-Men-Reihe als auch Wonder Woman, sind zwar in den Comics bisexuell, in den jeweiligen Verfilmungen aber ausschließlich hetero. Auch ein Werbeplakat für den Film „Call Me by Your Name“ (2017), auf welchem Protagonist Elio mit einer Frau zu sehen ist, ist eine Form von „Straightwashing“. Der entsprechende Tweet von Sony Pictures UK wurde mittlerweile gelöscht.

Auch „cis-washing“ in eine gängige Praxis in Filmen. So finden im Film „Stonewall“ (2015) beispielsweise die trans Frauen Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera keine Erwähnung. Dabei gehörten beide Aktivist*innen bei den Stonewall-Unruhen zu den ersten, die sich gegen die Polizei-Razzia zur Wehr setzen. Dadurch, dass im Film jedoch einzig cis-Personen im Vordergrund stehen, bleiben trans Personen unsichtbar.

Es kommt nicht selten vor, dass wenig über das Privatleben historischer, längst verstorbener Figuren bekannt ist. Falls nichts auf das Gegenteil hindeutet, wird in solchen Fällen meist angenommen, dass die betreffenden Personen heterosexuell waren. Anning hat nie geheiratet und hatte auch keine Kinder. Da sie nicht mehr lebt, wäre die Verfilmung eines Teils ihres Lebens zweifelsohne nicht möglich gewesen, ohne den einen oder anderen Aspekt hinzuzuerfinden. Warum also nicht auch ihre sexuelle Orientierung?

„Imagine the shame and embarrassment this woman would be feeling right now to actually have her private sex life discussed and played out on screen. This adds nothing to her story“, so Barbara Anning ferner im Telegraph-Interview. Doch auch wenn das Liebesleben der Paläontologin nichts mit ihrer Forschungsarbeit zu tun hat, so ermöglicht ein solcher Erzählstrang eine komplexere Charakterisierung des dargestellten Menschen. Ein Beispiel dafür ist „Can You Ever Forgive Me“ (2018), in welchem zwar nicht die sexuelle Orientierung, dafür aber eine von der Protagonistin Angebetete hinzuerfunden wurde. Dadurch lernt das Publikum eine ganz andere Seite der Figur Lee Israel kennen.

Barbara Annings Vermutung, ihre Vorfahrin wäre durch eine solche Darstellung beschämt gewesen, mag mit Blick auf das 19. Jahrhundert vielleicht stimmen. Im Jahr 2019 hat eine solche Behauptung allerdings einen homophoben Beigeschmack. Hätte Barbara Anning wohl genauso reagiert, wenn dem Leben ihrer Vorfahrin eine heterosexuelle Romanze hinzugedichtet worden wäre?

Die Frage, wie viel in fiktionalen Werken vom Privatleben einer historischen Figur erzählt beziehungsweise gezeigt werden soll, ist durchaus berechtigt. Auch die Frage nach dem Unterschied zwischen einem billigen Werbetrick und einer für das Verständnis einer Figur notwendigen Information, stellt sich durchaus. In Bezug auf „Ammonite“ bleibt uns zurzeit nichts anderes übrig, als das fertige Produkt abzuwarten. Das Bestreben Lees, ein Zeichen gegen „straightwashing“ zu setzen, ist an und für sich aber schon mal etwas Positives.


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