Betrachtungen zur Schwulenfrage: „Ein Schwuler lernt zweimal sprechen“

Auch 21 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung ist Didier Eribons Buch „Réflexions sur la question gay“ ein monumentales Werk über Homosexualität, Sprache und ihre Geschichte. Es erschien letztes Jahr erstmals in der deutschen Übersetzung.

„Betrachtungen zur Schwulenfrage“ zeigt auf, wie stark negative oder verzerrte Darstellungen von Homosexualität die Öffentlichkeit und die Sprache über die Epochen hinweg dominierten. (Copyright: Vickson Santos/Pexels)

„Hast du einen Freund?“ Eine Bürokraft sitzt vor ihrem Computer und kaut Kaugummi. „Oder bist du Single?“ Kurze Stille. „Ich habe eine Freundin“, antwortet ihre Arbeitskollegin. „Fuck, tut mir leid, eigentlich achte ich darauf zu fragen ‚Bist du in einer Beziehung?‘. Ich habe lange in Berlin gelebt, ich bin total offen.“ Die Anekdote stammt nicht aus Didier Eribons „Betrachtungen zur Schwulenfrage“. Sie steht aber für das, was den Philosophen und Soziologen darin interessiert: Situationen, in denen Sprache Heteronormativität konstruiert, Homosexualität zur Offenbarung wird, Heterosexuelle sich zu Rechtfertigung und einer Positionierung genötigt fühlen. Eribon sucht sie nicht in Büros. Er findet sie in der Soziologie, der Philosophie, der Psychologie, der Literatur und in der Geschichte.

Am Anfang steht die Beleidigung

„Am Anfang war das Wort“, heißt es im Evangelium nach Johannes im Neuen Testament – und bei Didier Eribon. Nur ist das Wort bei Eribon nicht Gott, sondern eine Beleidigung: „Die, die jeder Schwule irgendwann zu hören bekommt und die Signum seiner psychischen und sozialen Verletzlichkeit ist. ‚Schwuchtel‘, ‚Dreckslesbe‘ – das sind nicht bloß Wörter, die im Vorübergehen fallen. Es sind verbale Aggressionen, die sich ins Bewusstsein eingraben. Und eine der Konsequenzen der Beleidigung besteht darin, die Beziehung zu anderen und zur Welt zu formen. Und folglich die Persönlichkeit, die Subjektivität, das eigentliche Sein eines Individuums.“ Eribon nennt die Beleidigung einen Sprechakt, der denen, gegen die sie gerichtet ist, einen „bestimmten Platz in der Welt“ zuweist. Diese Macht haben Sprache und Diskurse für Eribon im Allgemeinen: Sie zwingen Menschen, sich Normen und sozialen Rollen unterzuordnen. In dem Zuge stilisiert er den öffentlichen Diskurs der letzten Jahrhunderte zur Abschiebung der Homosexuellen ans untere Ende der Gesellschaftsordnung: „Die Welt voller Injurien ist vor ihnen da, sie ergreift Besitz von ihnen, noch ehe sie sich überhaupt bewusst machen können, was sie sind.“

Die Beleidigung muss nicht gegen die eigene Person gerichtet sein, um das Selbstbild nachhaltig zu prägen. Sie kommt nicht nur in Gesprächen zum Ausdruck, sondern im übertragenen Sinne auch durch die öffentliche Abwesenheit von Minderheiten und marginalisierten Menschengruppen sowie durch ihre Verspottung in der Öffentlichkeit. Historisch gesehen, schreibt Eribon an einer Stelle, war die herablassende Darstellung von Homosexuellen lange Zeit die einzige Möglichkeit öffentlicher Sichtbarkeit. Sie zu verspotten, hieß von ihnen zu sprechen „und von ihnen zu sprechen hieß auch, in gewisser Weise ihnen zu erlauben sich selbst zu erkennen, wiederzuerkennen, hieß ihnen ein Mittel an die Hand zu geben, dem von jedem/jeder von ihnen erfahrenen Gefühl zu entkommen, allein auf der Welt zu sein.“ Nur welches Bild ist es, das Homosexuellen jahrhundertelang aufgezwungen wurde? Und wie beeinflusste es ihre Sprache? „Homosexuelles Sprechen konnte nur als ‚Gegen-Diskurs‘, wie Foucault ihn nannte, erfunden werden und zutage treten, das heißt, indem es in großen Teilen die Denkkategorien, die es bekämpfen wollte und von denen es bekämpft wurde, übernahm. Und so hat es häufig genug diese Kategorien, Bilder, Vorstellungen selbst verbreitet und zu deren Perpetuierung beigetragen“, hält Eribon fest.

Er thematisiert in dem Zusammenhang unter anderem Literatur von Marcel Proust, André Gide und Oscar Wilde. Letzterer wanderte für seine Homosexualität zwei Jahre ins Gefängnis. „Dieser Zwang, das Geschlecht der Figuren zu transponieren, war lange Zeit sicher ein charakteristisches Merkmal der von Homosexuellen verfassten Literatur“, schreibt Eribon. „Jeder homosexuelle Schriftsteller musste sich die Frage stellen: Darf der Erzähler offen homosexuell sein? Und wenn ja, wie ist es zu vermeiden, dass der Leser eine physische Beschreibung nicht als Ausdruck des Verlangens des Autors interpretiert?“ Eribon schreibt viel über die Darstellung von Schwulen in der französischen und englischen Literatur, blendet dabei aber leider die literarische (Un)Sichtbarkeit von Lesben und trans Menschen aus. Es sei ihm verziehen, immerhin ließe sich über die problematische Darstellung queerer Buchcharaktere Bände schreiben: Ihre Geschichten werden in der populären Gegenwartsliteratur wenn überhaupt oft entweder mit Pathologien vermischt, auf Coming-out-Geschichten heruntergebrochen oder als Phase abgetan.

Komfort der Normalität

Wenn Eribon über Sprache und Homosexualität schreibt, debattiert er nicht über inklusive Sprache und er greift auch nicht auf Sternchen zurück. Eribon geht in die Tiefe und erörtert, wie sich das homo- und das heterosexuelle Sprechen voneinander unterscheiden. Die Antworten des Autors sind nicht neu – vielleicht waren sie das bei der Erstveröffentlichung der französischen Ausgabe im Jahr 1999 – und Eribon bezieht sich fast ausschließlich auf Schwule, aber sie sind lesenswert.

„Ein Schwuler lernt zweimal sprechen“, schreibt er zum Beispiel. An sich ist das eine Untertreibung. Ein Schwuler, eine Lesbe, trans und intersex Menschen, nicht-binäre Personen – sie alle lernen unaufhörlich zu sprechen, nämlich jedes Mal, wenn sie neue Bekanntschaften knüpfen und der Unsicherheit ausgesetzt sind, ob sie auf Akzeptanz oder Ablehnung treffen, ob sie schweigen müssen oder leben dürfen. Die Beziehung zwischen Sprache und Homosexualität ist toxisch: Sprache ist Macht und Stigmatisierung zugleich. Eribon hält das Sprechen im Leben von Schwulen und Lesben für zentral, weil sie immer wieder vor der Frage stehen, ob sie ihre sexuelle Orientierung enthüllen sollen oder nicht. Anders als Heterosexuelle, die ihr allgemeines Verlangen nicht auszusprechen brauchen, weil es als gegeben angesehen wird.

Für Eribon hat das Sprechen über Homosexualität einen starken Einfluss auf die Selbstwahrnehmung Heterosexueller: „Wenn der Homosexuelle sagt, dass er homosexuell ist, wird der Heterosexuelle gezwungen, sich als Heterosexueller zu reflektieren, während er bis dahin weder seine Identität noch die soziale Ordnung, durch die sie instituiert und perpetuiert wird, in Frage zu stellen hatte. Seine Privilegierung war absolut. Daher empört er sich, wenn er Gefahr läuft, sie zu verlieren, sei es auch nur teilweise, und verlangt von den Schwulen, zur ‚Diskretion‘ zurückzukehren, das heißt ihm zu ermöglichen, den Frieden seiner Gewissheiten, den Komfort seiner Normalität wiederzufinden, die auf dem Schweigen der anderen beruhen.“

Das ist eine Attitüde, die Vertreter*innen privilegierter Menschengruppen regelmäßig an den Tag legen. Sei es, wenn es um die Gleichbehandlung von Männern und Frauen, sei es, wenn es um die Anerkennung der Ehe oder des Adoptionsrechts für alle geht. Werden die Stimmen marginalisierter Menschen laut, bricht die Wand hinter der Privilegierte es sich abgeschirmt vom Leid benachteiligter Menschen gemütlich gemacht haben. Eribon bezieht sich auf die Konflikte zwischen queerfeindlichen Heterosexuellen und Homosexuellen, wenn er sagt, dass es die besagten Heteros sind, die über die tolerierbaren Gebärden, Worte und Haltungen von Homosexuellen entscheiden, doch beschreibt dieses Muster jegliches Machtverhältnis: Nicht selten nimmt sich die Mehrheit das Recht heraus marginalisierte Personengruppen sowohl sprachlich als auch gesellschaftlich zu kategorisieren und sich über ihre Auflehnung zu empören. Das lässt sich tatsächlich auch innerhalb marginalisierter Gruppen beobachten, wenn es beispielsweise zu hierarchischen Verhältnissen zwischen weißen und schwarzen Feminist*innen oder Transfeindlichkeit innerhalb queerer Bewegungen kommt.

Macht der Sprache

Eribon führt an mehreren Stellen die gesellschaftliche Deutung und Besprechung von schwulen Beziehungen vor. In manchen Epochen wurden sie im militärischen Kontext der Kameradschaft hochgeschätzt; in anderen als platonische Beziehung zwischen einem erfahrenen Mann und einem wissbegierigen Jungen geduldet. Am Ende des 19. Jahrhunderts wurden sie verstärkt als „Vertauschung des Geschlechts wahrgenommen und angeprangert“. Schwule wurden verweiblicht. Lesben als verfehlte Männer gebrandmarkt. Eribon zählt auf, mit welchen Wörtern Ärzt*innen die vermeintliche Krankheit damals diagnostizierten – „genitale Orientierung pervertiert, Inversion oder Perversion des Sexualinstinkts, konträre Anziehung“.

Gegen Ende des Buches interpretiert Eribon Michel Foucaults Überlegungen zu Sexualität, Macht und Widerstand. Er wiederholt Foucaults grobe Dreiteilung der Geschichte der Homosexualität: Seit dem Mittelalter stand auf Sodomie die Todesstrafe (auf Homosexualität stand sie 2019 in 12 Ländern); in der Mitte des 17. Jahrhunderts drohten Homosexuellen in Frankreich Gefängnisstrafen und Festnahmen durch die Polizei; in der Mitte des 19. Jahrhunderts fand die Homosexualität im großen Stil Eingang in die Medizin und wurde pathologisiert.

Der Begriff Homosexualität selbst stammt, so Eribon, von Karl Maria Kertbeny. Der ungarische Schriftsteller und Journalist führte ihn 1869 ein und machte sich gegen Gefängnisstrafen für homosexuelle Handlungen stark. „So steht außer Zweifel, dass die Erfindung des Worts ‚Homosexualität‘ aus einer den ‚Schwulen‘ wohlwollenden Perspektive erfolgte, bevor Krafft-Ebing es sich anlässlich der zweiten Auflage seiner Psychopathia sexualis 1887 zu eigen machte“, fügt er dem bei. In dem zitierten Buch beschrieb der Arzt Richard Krafft-Ebing Homosexualität als anatomische Anomalie. Der Jurist und Journalist Karl Heinrich Ulrichs nannte Homosexuelle Anfang der 1860er-Jahre „Uranier“ oder „Urninge“. Er befürwortete die Entkriminalisierung homosexueller Handlungen, auch wenn sein Begriff sich auf die problematische Annahme bezog, dass Schwule Männer mit weiblicher Seele seien.

Eribons „Betrachtungen zur Schwulenfrage“ ist ein Brocken von über 500 Seiten – doch er liest sich wie ein Faltblatt. Zwischen den Zeilen steckt so viel Wissen, so viel Wut und Leidenschaft, dass es schwerfällt, es aus der Hand zu legen. Die Exkurse in die Schriften Michel Foucaults, Jean-Paul Sartres, Judith Butlers oder Hannah Arendts sind nie beliebig, nie nur Namedropping. Der Suhrkamp Verlag definiert das Buch im Umschlagtext zurecht als „Werkzeug für all jene, die über Differenz und Emanzipation nachdenken wollen“, so, wie die Kaugummi kauende Arbeitskollegin.


Didier Eribon, Betrachtungen zur Schwulenfrage, Suhrkamp Verlag: 2019, 
aus dem Französischen von Bernd Schwibs und Achim Russer.

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