Deutscher Buchpreis: Heldin mit Widersprüchen

Für ihr Buch „Annette, ein Heldinnenepos“ hat die Schriftstellerin Anne Weber den Preis für den besten deutschsprachigen Roman des Jahres 2020 erhalten. Über das Porträt einer Kommunistin, die mit all ihren inneren und politischen Konflikten zur Identifikationsfigur taugt.

Zieht ihre Leserschaft mit sprachlicher Leichtigkeit in den Bann: die Autorin Anne Weber bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises am 12. Oktober in Frankfurt am Main. 8Foto: EPA-EFE/Arne Dedert/Pool)

Bedeutungsschwer wirkt der schwarze Titel auf dem roten Einband. „Annette, ein Heldinnenepos“ von Anne Weber, erschienen beim Berliner Verlag Matthes & Seitz, hat vor wenigen Wochen den Deutschen Buchpreis gewonnen. Ungewöhnlich ist diese Wahl nicht nur, weil das Buch gänzlich in Versform geschrieben ist; noch außergewöhnlicher ist, dass sich hinter dem pathosgeladenen Titel ein politisches Buch verbirgt, fast ein Manifest: Mit der Erzählung über das Leben der Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir findet die Stimme einer überzeugten Internationalistin und Kommunistin Gehör, die ihr Leben „der gerechten Sache“ gewidmet hat.

Es waren einige dezidiert politische Titel, die in diesem Jahr auf der Shortlist für den deutschen Buchpreis landeten. Im Vergleich zum Preisträger des letzten Jahres, Saša Stanišic mit seinem Buch „Herkunft“, einer Bilderbuch-Integrationsgeschichte für das rot-grüne Bildungsbürgertum, ist Webers Heldinnenepos eine mutige Wahl. In klaren Sätzen, die stilistisch mitunter an Annie Ernaux erinnern, schildert Weber den Lebensweg Anne Beaumanoirs.

Im Alter von 19 Jahren schloss sich die spätere französische Neurophysiologin Beaumanoir der Résistance an. Weil „Annette“, wie sie gerufen wurde, während des Zweiten Weltkriegs Juden versteckte, erhielt sie gemeinsam mit ihren Eltern von Yad Vashem den Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“. 1959 wurde die militante Kommunistin zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie im Algerienkrieg die Nationale Befreiungsfront (FLN) unterstützt hatte.

Mit sprachlicher Leichtigkeit und einem bisweilen anekdotischen Stil zieht das Buch seine Leser in seinen Bann; geschickt wird die Handlung mit politischen Schlüsselereignissen verwoben: „Mit dreizehn Jahren, 1936, verbringt sie ihren letzten Sommer im Elternhaus am Meer. Mais qu’est que c’est que tout ce monde? Was wollen, lieber Himmel, diese ganzen Leute hier? Die Sozialisten und die Kommunisten haben den bezahlten Urlaub eingeführt, bloß vierzehn Tage, aber immerhin, es lebe die Volksfront, der Front Populaire.“ Unrechtsempfinden hat Annette schon früh. „Annette ist nicht länger interne, seit ihre Eltern das Flussmündungsdasein aufgegeben und sich in Dinan niedergelassen haben, wo sie den geflüchteten Spanierinnen helfen, und außerdem ein Café-Restaurant betreiben, was im Grunde auch nichts wesentlich anderes ist als das Empfangskomitee, in dem sie ehren- oder vielmehr freundlichkeitshalber mitmachen. Annette ist Pazifistin, bis sie mit 15 lieber Terroristin werden will.“

Annettes Vorbild ist Ch’en, eine der Hauptfiguren aus Malraux „So lebt der Mensch“ (La Condition humaine), der 1927 in Shanghai während eines Aufstands von Arbeitern und Kommunisten einen politisch motivierten Mord begeht und dann bei einem missglückten Selbstmordanschlag auf den konterrevolutionären Politiker Chiang Kai-shek zu Tode kommt. „So lebt der Mensch, indem er stirbt. Indem er stirbt für andere? Das Sterben-Wollen rettet ihn vorm Sterben-Müssen und somit vor der condition humaine.“

Doch während Ch’en einen unabwendbaren, ersehnten, nutzlosen, dummen Tod stirbt, wird Annette uralt – „mit diesem oder gar durch diesen Drang, für andere zu leben oder ihr Leben auch zu lassen“.

Emanzipation in Etappen

Ihr konsequentes Wirken im Widerstand gegen Unrecht ist Ergebnis einer politischen Emanzipation in Etappen. „Halbherzig fängt sie in Rennes ein Studium an, während sie ganztägig von einem Schicksal träumt, von Opfern und von Heldentaten.“ Ihr kommunistisches Weltbild formt sich mit Malraux und der Sicht auf die Gräuel der Nazi-Okkupation: „Der Gegner ist nur nebenbei ein deutscher Nazi und im Hauptberuf Imperial-, Kapital- und Nationalist.“

An manchen Stellen ist die Erzählung arg pädagogisch oder zu gewollt lässig – etwa, wenn politische Begriffe erklärt werden. Als Annette ihre erste politische Heimstätte im „PC“ findet, heißt es über den damaligen Parti communiste (PC-SFIC): „Der ist weder der personal computer noch die political correctness, die er heute meint, sondern eine Partei, die seit September 1939 verboten ist“. Besonders stark ist der Roman hingegen immer dann, wenn der Erzählerin angesichts der Ungeheuerlichkeit der Geschehnisse die Worte zu fehlen scheinen und sie an die vielen Namenlosen, die deportiert oder massakriert wurden, erinnert. Die Erzählerin hält dann inne.

„So gibt es hunderte kleinere und größere Aktionen. Die meiste Zeit aber verbringt Annette auf Straßen, Schienen oder Wegen, zu Fuß, in Bussen oder Zügen. Es ist, als ob die ganze Résistance für ihresgleichen, also die vielen kleinen Steinchen im Okkupationsgetriebe, nichts andres wäre als eine einzige lange, mühevolle Reise“. Wiederholt wählt Weber die Metapher des Sisyphos, um Annettes Lebensweg und ihren Kampf gegen Ungerechtigkeit zu beschreiben: Das Bild eines Menschen, der einen schweren Stein schleppt und immer wieder von vorne beginnen muss.

Zweifel an der über allem stehenden Kommunistischen Partei stellen sich bei Annette bereits nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein. Sie merkt, wie altbacken das Frauenbild dort ist. Als ihr die Partei in Paris anbietet, in ihrer Zeitschrift „Filles de France“ die 1944 frisch mit dem Wahlrecht ausgestattete weibliche Anhängerschaft darüber aufzuklären, wie man auch ohne Zutaten kocht oder aus einem alten Pullover neue Handschuhe strickt, lehnt sie entschieden ab – „Frauenzeitschrift? Haben wir nicht Gleichberechtigung bezweckt?“ – worauf man sie für des Kommunismus unwürdig erklärt. „Ärztin, Neurophysiologin, Mutter von zwei Söhnen wird Annette nebenbei“, wie man erfährt: „Sie arbeitet in einer Klinik in Marseille, verbringt aber viel Zeit woanders und mit anderem. Reden, debattieren, ja, okay, aber für sie ist Politik ein Machen.“

Als wohltuend erweist sich Webers Beschreibung der Widersprüchlichkeit Annettes in Bezug auf ihre eigenen Ideale. So macht sie aus ihrer Verehrung für de Gaulle keinen Hehl: „Aus ihrer U-Boot-Position sieht sie ihn mit Titanenschritten, Frankreich im Schlepptau, weitereilen und kann nicht anders, Klassenkampf hin oder her, als diesen gigantisch-frommen Bourgeois zu vergöttern oder sich immerhin vor ihm zu verneigen, natürlich insgeheim“.

Aus der Erzählperspektive und wohl mit dem Willen, ein wahres Heldinnenepos zu erzählen, beschreibt Anne Weber, wie ihre Heroin gegenüber einigen politischen Verwicklungen des FLN, die ihr eigentlich zuwiderlaufen müssten, die Augen verschließt. So etwa angesichts der 42 Millionen Francs, die Mohammed Khider, einer der FLN-Gründer, im Herbst 1962 in Genf deponierte. Das Geld war vor allem von algerischen Arbeitern in Frankreich während des Unabhängigkeitskriegs gespendet worden. „Unter den vielen Dingen, die Annette in diesem Zusammenhang nicht weiß und die die Wenigsten wissen, ist auch die Tatsache, dass die Millionen in der Schweiz auf Konten der Banque commerciale arabe oder BCA gelangen, deren Gründer und Administrator der Hitler-Verehrer, Nazi-Helfer und Goebbels-Verleger François Genoud ist. Dafür, dass dieser Mann nun auch Muslimen hilft, gibt’s ein Motiv, man nennt es: Judenhass.“

Plädoyer für Courage

Verrat an den eigenen Idealen wittert sie beim FNL nur langsam. Ein erstes Unbehagen stellt sich ein, als sie die neureichen Allüren der Gruppe um Francis Jeanson erlebt: Braucht er als Dienstwagen wirklich einen Mercedes? Muss er der Putzfrau mit einem dicken Schein winken, damit diese ihm eine Flasche Scotch serviert?

Später wird sie in Algerien leben, Vertraute des ersten algerischen Staatspräsidenten Ahmed Ben Bella werden, in dem sie einen Menschen sieht, der die Verhältnisse verändern will mit seinem „dritten Weg für eine dritte Welt“: Verstaatlichung des Grundbesitzes, Sozialismus, Selbstverwaltung. Am 1. Juli 1962 entscheiden 99,7 Prozent der algerischen Bevölkerung, dass sie ihren eigenen Staat möchten. „Es ist das erste Mal seit hundertdreißig Jahren, dass man sie überhaupt etwas fragt.“ Und sie, Annette, ist ein Stück weit stolz, Teil der ersten unabhängigen Regierung Algeriens zu sein.

Mit dem Nimbus einer Heldin und in einer Zwitterrolle als Ärztin und Politikerin lebt sie in Algerien als jemand, der an den echten Sozialismus glauben will und bekommt im Gesundheitsministerium einen hohen Posten. Was tun, als man ihr für ihre Verdienste die algerische Staatsbürgerschaft anträgt? Sie ist für Sozialismus und für Internationalismus und akzeptiert das Geschenk. Doch irgendwann merkt sie, dass auch beim FNL gefoltert wird. „Keiner kämpft nur für Unabhängigkeit, es kämpfen alle auch um Macht. Gefoltert werden Abweichler, Rivalen, aber auch einfache Soldaten, die nicht so ohne weiteres dazu zu bewegen sind zu kämpfen“.

Als sich die Ernüchterung einstellt, wird sie sich eine Weile mit den Worten des Pariser Kommunarden Auguste Blanqui trösten, laut dem es nach Revolutionen zunächst einmal zehn Jahre Diktatur brauche, weil Unterjochte das Freisein und das Denken erst noch lernen müssten. Noch unbehaglicher wird es jedoch, als die einstigen Helden in die Regierung einer sich als fortschrittlich wähnenden Fünften Republik einziehen. So wird ausgerechnet André Malraux, Annettes Jugendheld und Schöpfer der Figur des jungen Terroristen Ch’en, 1958 Minister der de-Gaulle-Regierung.

Die Desillusionierung angesichts der Entwicklungen in Frankreich verstärkt sich noch, als sich herausstellt, dass sich hinter den Attentätern der „Main Rouge“, die Mordanschläge auf Unterstützer und Mitglieder des FLN vor allem in Europa verüben, keine ultrarechte Gruppe wahnwitziger Kolonialisten verbirgt, wie es immer geheißen hatte und wie es sie auch gab. Vielmehr ist es der Geheimdienst des französischen Staats. „Die Hand, die da vollkommen ungestraft verschwinden ließ, wen immer sie auch wollte, war die getarnte der französischen Geheimdienste. Es gab sie also doch, diese ultrarechte Gruppe wahnwitziger Kolonialisten, die Andersdenkende ermordete. Ihr Deckname war Rote Hand, ihr eigentlicher Name: Frankreich.“

Anne Webers Heldinnenepos liest sich wie ein sehnsuchtsvolles Plädoyer für Courage und echte Überzeugungen. Anne Beaumanoirs mutiger Lebensweg zeigt nicht zuletzt, dass der Mensch auch in finsteren Zeiten die Wahl hat einzugreifen. Am Ende steht die einfache Konsequenz, ein politisches und gerechtes Leben geführt zu haben. An jenem Rückgrat, um sich aufzulehnen gegen das Unrecht in der Welt, wie es schon Bertolt Brecht in seinen „Maßnahmen gegen die Gewalt“ beschreibt, fehlt es freilich den Meisten. Vielleicht liegt darin die Faszination von Annettes Person – in der Sehnsucht nach wahren Heldinnen.

Anne Weber: Annette, ein Heldinnenepos. Matthes und Seitz, Berlin 2020.

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