Doñana: Luchs und Wiesenraute

Ein Urteil des EuGH mahnt einen besseren Schutz des Doñana-Feuchtgebiets an. Es geht um eines der wertvollsten Schutzgebiete Europas.

Pardelluchs. (Wikimedia; www.lynxexsitu.es; CC BY 3.0)

Viele Spanier*innen sind stolz auf ihr Land, insbesondere auf seine gastronomische Vielfalt und seine Natur – immerhin ist es europäische Nummer eins bei der Biodiversität. Umso peinlicher ist das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) vom 24. Juni: Durch Versäumnisse bei der Wasserpolitik hat Spanien wertvolle Ökosysteme innerhalb des Doñana-Nationalparks gefährdet (online-woxx: Erdbeeren und Tourist*innen statt Nationalpark).

Der Park liegt an der Atlantikküste im Südwesten Spaniens und ist einer der größten Europas. Bekannt ist er insbesondere als Rückzugsgebiet des Pardelluchses, den es nur noch im Süden der iberischen Halbinsel gibt. Die meisten Pardelluchse leben in unbewohnten Gebieten entlang des Tals des Guadalquivir, zwischen der Sierra Morena (Binnenprovinz Jaén) und dem Flussdelta, in dem der Doñana-Park liegt. Der Bestand galt als vom Aussterben bedroht, hat sich wieder erholt, wird aber mit weniger als tausend Exemplaren immer noch als „gefährdet“ eingestuft.

Flussdelta wie die Camargue

Ein anderes Symboltier des Parks ist der Spanische Kaiseradler. Wie der Luchs ist er ein „Kaninchenjäger“ und als gefährdet eingestuft. Allerdings erstreckt sich sein Verbreitungsgebiet über das Guadalquivirtal hinaus weiter nach Norden, bis in die Sierra de Guadarrama nordwestlich von Madrid. Von den vom EuGH beanstandeten Problemen im Doñana-Park ist keine der beiden Tierarten betroffen.

Doch beim Doñana-Schutzgebiet, wie bei anderen einzigartigen Ökosystemen, geht es sowieso nicht um den Schutz dieser oder jener Tierart, sondern um den Erhalt eines Gesamtsystems, in dem voneinander abhängige Tiere und Pflanzen mit spezifischen Lebensräumen interagieren. . Eines der wichtigsten Biotope im Flussdelta sind die Salzwiesen, also bewachsene Zonen, die häufig überflutet werden. In manchem ähnelt das Doñana-Feuchtgebiet der Camargue, allerdings liegt es am Atlantik, wo die Wirkung des Gezeitenwechsels ausgeprägter ist.

Neben Raubkatze und -vogel ist der Park vor allem als Zwischenstation für Zugvögel bekannt, die zwischen Europa und Afrika hin und her pendeln. Manche Zugvögel nutzen ihn auch als Brutgebiet – im Winter können sich dort über 100.000 Vögel aufhalten. Die vom EuGH kritisierte Senkung des Grundwasserspiegels wirkt sich natürlich auf die Eigenschaften des Feuchtgebiets aus, die von den Zugvögeln benötigt werden. Weil es keinen vergleichbaren Lebensraum in dieser geografischen Zone gibt, der als Zwischenstopp dienen könnte, ist der Schutz der Doñana-Zone auch von interkontinentaler Bedeutung.

Ramsar oder Matalascañas?

Blaugrüne Wiesenraute. (Wikimedia; Kurt Stueber; CC BY-SA 3.0)

Für Naturschützer*innen ist aber auch der Erhalt einer lokalen, einzigartigen Flora und Fauna Grund genug dafür, den Schutz zu verstärken – davon abgesehen, dass die lokalen und interkontinentalen Funktionen des Ökosystems nicht getrennt betrachtet werden können. Und Spezialist*innen freuen sich, in solchen Gebieten Arten zu finden, die es anderswo kaum gibt, zum Beispiel die (wild lebende) Blaugrüne Wiesenraute (Thalictrum speciosissimum).

Die Übernutzung des Grundwassers, die das Feuchtgebiet gefährdet, ist sowohl auf Bewässerung als auch auf die Wasserversorgung der nahe gelegenen Badeorte zurückzuführen (siehe: Erdbeeren und Tourist*innen statt Nationalpark). Das Problem der touristischen Erschließung ist nicht neu: Bereits in den 1960er Jahren riskierte das gesamte Feuchtgebiet dem Massentourismus in Matalascañas (auch: Torre de la Higuera) geopfert zu werden. Eine Kampagne des World Wide Fund for Nature (WWF) ermöglichte es, Teile des Gebiets in öffentliche Hand zu bringen. 1969 wurde der Nationalpark Doñana ins Leben gerufen. 1982 wurde der Park als zu schützendes Feuchtgebiet nach der Ramsar-Konvention klassiert und 1994 als Unesco-Weltnaturerbe.

Giftschlamm, Waldbrand, Stabilitätspakt

Es gibt auch eine Chronik der Gefährdungen: 1998 gelangten durch einen Dammbruch an einer Zink- und Bleimine in Aznalcóllar giftige Schlämme in einen Nebenfluss des Guadalquivir. Die Kontaminierung des Doñana-Parks konnte nur knapp abgewendet werden. 2017 schließlich kam es zu Bränden in der Nähe der bewaldeten Zonen des Parks – und auch da ging es glimpflich aus.

Klar ist, dass der Klimawandel die Trockenheit und die Gefahr von Waldbränden erhöht und dadurch die feuchten und die bewaldeten Zonen des Parks gefährdet. Klar ist auch, dass die spanische Regierung sich in einem Dilemma befindet: Zwar dürften die meisten Politiker*innen den Erhalt des Schutzgebiets wünschen, doch in Zeiten knapper Kassen werden die Argumente der Plantagen- und Hotelbesitzer*innen auch gehört werden.

Nach der durchaus berechtigten Belehrung des spanischen Staats durch das EU-Urteil wünscht man sich eigentlich eine Geste der europäischen Solidarität, wenn es darum geht, den Erhalt des Doñana-Park zu finanzieren. Derzeit ist leider das Gegenteil der Fall: Spanien, eines der am stärksten von der Covidkrise betroffenen Länder, wird auf EU-Ebene wegen seines Haushaltsdefizits zum Sparen angehalten.

 


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