Im Kino
: Lynn + Lucy

Boulifas Drama weiß in der ersten Hälfte zu begeistern, kann das Niveau jedoch leider nicht bis zum Ende halten.

Die wenigen Heiglights im Leben von Lynn und Lucy beschränken sich auf die gemeinsamen Kneipenabende. (© BBC Films)

„Lynn + Lucy“ – entgegen dem ersten Eindruck sind Lynn (Roxanne Scrimshaw) und Lucy (Nichola Burley), die beiden Protagonistinnen des so betitelten Films, kein Paar. Vor allem in ihrer Jugend wurden sie aber immer wieder für eines gehalten. Das mag zum einen daran gelegen haben, dass die beiden stets unzertrennlich waren, zum anderen aber auch daran, dass sie nicht den gängigen Weiblichkeitsidealen entsprechen.

Fyzal Boulifas Film setzt etwa zehn Jahre nach der Schulzeit der beiden Frauen an. Während Lynn mittlerweile mit dem Mann (Shaq B. Grant) zusammenlebt, von dem sie mit 16 ungeplant schwanger wurde, wohnt Lucy samt Partner Clark (Samson Cox-Vinell) und neugeborenem Sohn im Haus direkt gegenüber. An ihrer Unzertrennlichkeit hat sich dem Anschein nach auch nach all diesen Jahren nichts geändert.

Ihre Beziehung steht im Zentrum des Films, in dem in der ersten Hälfte nur wenig passiert. In dokumentarisch anmutenden Bildern tauchen wir ein in den Lebensalltag dieser beiden in bescheidenen Verhältnissen lebenden Frauen. Mit jedem Detail, von der Kleidung und den Haaren bis hin zu Wohnzimmereinrichtung und Dialekt, vermittelt Boulifa Lynn und Lucys sozio-ökonomischen Hintergrund. Die naturalistischen Schauspieldarstellungen tun ihr übriges, um ein möglichst immersives Filmerlebnis zu gewährleisten.

Keine der beiden Frauen scheint sich bewusst für das Leben entschieden zu haben, das sie jetzt füht. Ihr Alltag ist recht monoton, zu den wenigen Freuden zählen die gemeinsamen Spaziergänge und Kneipenbesuche. Was bringt es, sich zu beklagen, wenn sich doch eh nichts ändern wird?

Doch dann bringt ein tragisches Ereignis alles aus dem Gleichgewicht: Lucys Baby stirbt, ihr Freund wird wegen Mordverdachts verhaftet und Lucy selbst zieht vorübergehend bei Lynn und ihrer Familie ein. Was wohl als Erzählung über Verlust, Vertrauen und die schädlichen Auswirkungen von Kleinstadtgetratsche intendiert war, will in „Lynn + Lucy“ nicht so recht aufgehen. Während in der ersten Hälfte des Films der Eindruck einer losen Struktur gekonnt umgesetzt war, hängt er in der zweiten sowohl auf schauspielerischer als auch auf inszenatorischer Ebene durch, so als habe Boulifa plötzlich nicht mehr gewusst, worauf er mit seinem Film hinauswolle. Häusliche Gewalt, kollektive Beschämung, psychische Leiden – alles Themen, die zwar gestreift, aber nicht richtig vertieft werden. Möglicherweise ging Boulifa davon aus, dass die sich entfaltende Tragödie im Zentrum des Films ganz von allein die Spannung aufrecht halten würde – was leider nicht der Fall ist.

Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei „Lynn + Lucy“ um eine beeindruckende Leistung handelt. Auch wenn Boulifa der Übergang vom Kurz- hin zu Langspielfilm nicht gänzlich gelungen ist, lässt der Film keinen Zweifel am handwerklichen Talent des britischen Regisseurs. Besonders beachtlich ist die Atmosphäre, die er ganz ohne non-diegetische (also nicht in der Filmwelt selbst vorkommende Musik) geschaffen hat. Umso bedauerlicher, dass er das Niveau nicht bis zum Ende aufrechterhalten konnte.

Im Ciné Utopia.

 


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