In Luxemburg wĂŒrden viele Linke gerne Bernie Sanders wĂ€hlen, doch nur wenige dĂŒrfen. Ein Feature ĂŒber die Vorwahlen der âDemocratic Partyâ im GroĂherzogtum und anderswo.

Die Luxemburger Democrats kommen aus allen Ecken des groĂen Landes … vor allem aus den Ecken. (Fotos: lm)
DrauĂen ein Schild mit weiĂer Schrift auf blauem Grund. Drinnen ein paar Tische, darauf Prospekte, Sticker, eine Karte der USA, eine Wahlurne. Das WahlbĂŒro der âGlobal Presidential Primaryâ in der riesigen Eingangshalle der Victor-Hugo-Halle ist wie ein Sinnbild des Amerikas der GrĂŒnderzeit: ein weiter Raum, in dem die Tische und Personen fast verloren gehen. Auch auf der Karte, auf der die WĂ€hler*innen markieren, woher sie kommen, drĂ€ngen sich die Post-its an der OstkĂŒste, ein paar in Kalifornien, die Mitte fast leer. Ein groĂes weites Land, das im November dieses Jahres eine*n neue*n PrĂ€sident*in wĂ€hlt.
Auf Limpertsberg ging es aber an den vergangenen beiden Wahldienstagen erst einmal darum, eine*n demokratische*n Kandidat*in zu nominieren, die oder der im November gegen Donald Trump antreten soll. Neben den Primaries, die von Februar bis Juni in allen Bundesstaaten stattfinden, gibt es auch eine Vorwahl der Democrats Abroad, also der ĂŒber die Welt verstreuten Mitglieder der Demokratischen Partei: Dieses Jahr vom 3. bis zum 10. MĂ€rz.
Polling station âVictor Hugoâ
Dabei geht es in erster Linie darum, die Expats fĂŒr die Wahl im November zu sensibilisieren, doch auch 13 Mandate werden so zwischen den Bewerber*innen fĂŒr die Nominierung verteilt. Ein Bruchteil der ĂŒber 1.700, die in den vergangenen beiden Wochen in 21 Bundesstaaten zu gewinnen waren. Insbesondere der Super Tuesday am 3. MĂ€rz hat die KrĂ€fteverhĂ€ltnisse zwischen den Bewerber*innen drastisch verĂ€ndert.
Doch am ersten Wahltag in der Victor-Hugo-Halle erschien der Wettlauf noch viel offener. âIch wĂŒnsche mir, dass die Leute sich aufgrund der Programme entscheidenâ, sagt Natalie Bachiri im GesprĂ€ch mit der woxx. Die PrĂ€sidentin der hiesigen Democrats Abroad, die seit ein paar Jahren in Luxemburg lebt, beklagt die Entwicklungen in ihrem Heimatland. Die Politik polarisiere die Gesellschaft und in den Institutionen gebe es kaum mehr die traditionelle âbipartisaneâ Zusammenarbeit zwischen republikanischer und demokratischer Partei. âDie Gesetzesvorlagen, die nicht vorankommen, stapeln sich und die Probleme werden gröĂerâ, so Bachiri.
Neben den sozialen Ungleichheiten bedauert sie den Blick auf die Einwanderung. âIn meiner Jugend war das etwas Positives, Spannendes.â Bachiri bezieht sich auf die Tatsache, dass der gröĂte Teil der US-Bevölkerung eigentlich von Migrant*innen abstammt. âDoch heute gibt es eine starke Ablehnung der Immigration, bis hin zu Kindern, die schreien âGeht doch zurĂŒck in euer Land!ââ Die Integrationsprobleme lösen, eine universelle Krankenversicherung einfĂŒhren, das findet die PrĂ€sidentin gut. âWir wollten das schon vorher machen, doch jetzt haben wir verstanden, dass wir das als PrioritĂ€t ansehen mĂŒssen.â
Ob diese Wahl besonders ist, mit so vielen verschiedenen Persönlichkeiten, die sich beworben haben? âJa, das ist gut, wir sollten das alles zusammenbringenâ, sagt Bachiri. âWie 2018, bei den Senatswahlen, da waren wir mit neuen Leuten und neuen Ideen erfolgreich.â Sie erinnert auch an 2008, als mit Barack Obama ein relativ unbekannter Kandidat mit einem innovativen Politikstil antrat. âDemgegenĂŒber ist die Demokratische Partei 2016 eher traditionell an die PrĂ€sidentschaftswahl herangegangenâ, merkt sie an.
Vielfalt der Kandidaturen
Wenig spĂ€ter kommt eine bekannte Aktivistin ins WahlbĂŒro, um ihre Stimme abzugeben und ein wenig zu plaudern: Vicki Hansen, ehemalige VizeprĂ€sidentin des internationalen Democrats-Abroad-Netzwerks. FĂŒr wen sie gewĂ€hlt hat, will sie fĂŒr sich behalten. âMein Favorit war Andrew Yang, der ja schon ausgeschieden istâ, sagt Hansen, âund im November werde ich fĂŒr die Person wĂ€hlen, die nominiert wird.â
Auch sie sieht das breite Spektrum von Bewerber*innen positiv: âWenn man alle zusammenbrĂ€chte, mit denen könnte man eine richtig gute Regierung bilden.â Und fĂ€ngt an, eine Regierung zusammenzustellen: Sanders als PrĂ€sident, Yang als Vize, Elizabeth Warren fĂŒr die Gesundheit, Michael Bloomberg Finanzminister. âAch ja, und Biden als AuĂenminister âŠâ Ob diese Persönlichkeiten, bis hin zu Bloomberg, denn wirklich alle fĂŒr gemeinsame Werte stehen? Hansen bejaht: âDoch, Bloomberg auch, wenn man mit dem jetzigen PrĂ€sidenten vergleicht.â

VergnĂŒgte Stimmabgabe in der improvisierten Wahlkabine.
United we stand!
Befragt nach dem fĂŒr Vorwahlen ungewöhnlichen politischen Gewicht der beiden AuĂenseiterkandidaten Bloomberg und Sanders, bezieht Hansen eine zentristische Position: âWir wollen am Ende nicht mit einem Kandidaten mit extremem linken oder rechten Ausschlag dastehen. Das wĂŒrde uns im amerikanischen Zwei-Parteien-System Schwierigkeiten bereitenâ, erklĂ€rt sie. Bis hin zu einem Auseinanderbrechen der Partei? Das nicht, meint die Demokratin: âAlle werden am Ende fĂŒr die nominierte Persönlichkeit stimmen.â
10. MĂ€rz, zweiter Wahldienstag in der Victor-Hugo-Halle, gegen sieben Uhr abends â letzte Chance, seine Stimme abzugeben. Ein junger Mann kommt herein, am ersten Tisch ĂŒberprĂŒft Natalie Bachiri, ob sein Name auf der Mitgliederliste steht. Er erhĂ€lt einen Wahlzettel, geht zum zweiten Tisch, der âWahlkabineâ. Hinter einem Sichtschutz fĂŒllt er alles aus: ZusĂ€tzlich zum Kreuzchen bei einer der Kandidaturen muss er Angaben zur Identifizierung seiner Person ausfĂŒllen. Als er fertig ist, begleitet ihn Dan, einer der Wahlhelfer*innen zur Wahlurne. Der Stimmzettel soll so gefaltet sein, dass Dan die Daten ĂŒberprĂŒfen kann, ohne zu sehen, fĂŒr wen sich die Person entschieden hat. Bachiri, die an der StimmzĂ€hlung beteiligt ist, findet es nicht ungewöhnlich, dass sie wissen kann, wer fĂŒr wen gewĂ€hlt hat. âDafĂŒr unterschreiben wir ja eine Vertrauensvereinbarungâ, erklĂ€rt sie. Die Identifizierbarkeit sei wichtig, um zu verhindern, dass jemand zweimal wĂ€hlt.
Eingewanderte Vorfahr*innen und wÀhlende Kinder
Eine Frau, die gerade angekommen ist, trĂ€gt sich derweil als erstes auf der Karte der Vereinigten Staaten ein. Auf das Post-it schreibt sie âPlacer County, Tahoe Cityâ und klebt es in den Staat Kalifornien, gleich an die Grenze zu Nevada. Sie kommt ins GesprĂ€ch mit einem der Wahlhelfer*innen, der auch aus Kalifornien kommt. Sie unterhalten sich darĂŒber, dass ihre Familien zur Zeit des Gold Rushs nach Amerika gekommen sind, und ĂŒber ihre irischen oder schottischen Wurzeln …
Eine weitere Frau kommt an, fragt, ob sie ihren Sohn als Mitglied eintragen kann, damit er an der Primary teilnehmen kann. Sie geht wieder nach drauĂen, wo sie besseren G4-Empfang hat: Die BeitrittserklĂ€rung muss sie ĂŒber das Internet machen. Zusammen mit Natalie, ihrem Sohn und dessen Freund versuchen sie, im Internet die alte Adresse in den USA herauszufinden. Die benötigt man nĂ€mlich, wenn man ein Democrat Abroad sein will â von denen es in Luxemburg ĂŒber 300 gibt.
Die drei Neuankömmlinge wĂ€hlen, die beiden Jugendlichen sind knapp wahlberechtigt, sie unterziehen sich der Wahlprozedur mit einer Mischung aus Ernst und VergnĂŒgtheit. Nach der Stimmabgabe kommt âder schönste Teilâ, wie Wahlhelferin Molly es formuliert: Man erhĂ€lt einen Aufkleber âI votedâ mit Stars-and-Stripes-Muster. Das soll die WĂ€hlenden auch motivieren, an der Wahl im November teilzunehmen. Wer sich im letzten Bundesstaat, in dem sie oder er gelebt hat, registrieren lĂ€sst, kann per Briefwahl teilnehmen. Man könne helfen, wenn es dabei Probleme gebe, erlĂ€utern die Luxemburger Democrats Abroad â dafĂŒr steht ein gesonderter Tisch ganz links in der Victor-Hugo-Halle.
Zwei verflixte Dienstage
Zehn Namen standen bei der âDemocrats Abroad Primaryâ zur Auswahl â obwohl am 10. MĂ€rz bereits sieben davon ihre Kampagne eingestellt hatten. Klar, die Stimmzettel waren lange vorher erstellt worden und bis zum 29. Februar galt das Rennen als noch ziemlich offen. In den ersten drei Primaries hatte allerdings Bernie Sanders, der Bewerber der Parteilinken, die besten Ergebnisse eingefahren. Ein Trend, der am 29. in South Carolina gestoppt wurde: Dort war es der Zentrist und ehemalige Obama-Vize Joe Biden, der mit fast der HĂ€lfte der Stimmen gewann (siehe âUn Tuesday pas si super…â). In der Folge zogen sich zwei bis dahin durchaus erfolgreiche Mitbewerber*innen â Pete Buttigieg und Amy Klobuchar â aus dem Wettkampf zurĂŒck und riefen dazu auf, Joe Biden zu unterstĂŒtzen.
Dass der Wind wirklich am Drehen war, zeigte sich erst am Super Tuesday: Am 3. MĂ€rz gewann Biden in zehn von vierzehn Staaten. Auch wenn in ein paar Staaten die AuszĂ€hlung noch anzudauern scheint, es war klar, dass Biden bei der Anzahl der Delegierten ein gutes StĂŒck vor Sanders lag. Ein Trend, der sich am 10. MĂ€rz in fĂŒnf von sechs weiteren Staaten bestĂ€tigte. Zwar ist der Spitzenreiter mit geschĂ€tzten 850 Mandaten noch weit entfernt von den 1.991 Mandaten, die er fĂŒr eine automatische Nominierung benötigt, doch Sanders liegt bereits um 150 Mandate zurĂŒck.

Wahlhelfer*innen warten âšauf WĂ€hler*innen.
Expats gegen Bush und âšfĂŒr Sanders
Hat Biden also schon so gut wie gewonnen? So stellen es manche Medien und die Parteihierarchie dar, nicht ohne Hintergedanken, wĂŒrden die Bernie-AnhĂ€nger*innen sagen (siehe âBernie, et ensuite ?â). Doch Sanders selber hat nach den jĂŒngsten Niederlagen andere Töne angeschlagen: Er stelle fest, dass er Stimmen verliere, weil viele auf Biden setzten, um Trump zu schlagen. Aber seine âfortschrittliche Bewegungâ sei dabei, die ideologische Debatte zu gewinnen. Er werde sich jetzt nicht zurĂŒckziehen, sondern die fĂŒr Sonntag vorgesehene Fernsehdebatte mit Biden nutzen, um seinen Konkurrenten ins Kreuzverhör zu nehmen, so Sanders. âJoe, was wirst du tun?â, werde er fragen, mit Bezug auf so kruziale Themen wie die universelle Krankenversicherung und den Klimawandel.
Was nach Konfrontation klingt, beinhaltet auch die Möglichkeit eines Dialogs und eines spĂ€teren Schulterschlusses. Das könnte eine Reaktion auf die versöhnliche Geste Bidens sein, der Sanders und seiner AnhĂ€ngerschaft fĂŒr ihre âunermĂŒdliche Leidenschaftâ gedankt hatte. Der ehemalige VizeprĂ€sident verdankt seine Siege unter anderem der schwachen Wahlbeteiligung der Jugendlichen, die eher Sanders zuneigen â ein Vorteil, der bei den Wahlen im November zum Nachteil werden dĂŒrfte. Der Zentrist Biden muss auf glaubwĂŒrdige Weise die Jugend und die Parteilinke mobilisieren, um Trump zu schlagen. Und das, darin sind sich die beiden verbliebenen demokratischen Bewerber einig, ist das gemeinsame Ziel.
Dass Demokrat*innen und Republikaner*innen sich geschlossen gegenĂŒberstehen, war nicht immer so â und schon gar nicht in Luxemburg. WĂ€hrend des Wartens auf die spĂ€rlich eintreffenden WĂ€hler*innen erzĂ€hlt Dan, der dienstĂ€lteste Demokrat im WahlbĂŒro, von der Zeit vorher, von den Partys in der US-Botschaft zum âFourth of Julyâ: âBei der Gelegenheit saĂen Larry und Bob, zwei Ă€ltere Gentlemen, Seite an Seite und lieĂen ihre Landsleute sich fĂŒr die PrĂ€sidentschaftswahlen eintragen. Welcher Partei die Personen zuneigten, war damals nicht so wichtig, obwohl der eine Gentleman Demokrat war und der andere Republikaner.â
Das alles Ă€nderte sich, als George W. Bush entschied, den Irak anzugreifen. âIch sagte zu Larry, wir mĂŒssen unsere Leute zusammenbringen, klarmachen, dass wir nicht mit dieser Politik einverstanden sindâ, erinnert sich Dan. Seit jener Zeit sind die Demokrat*innen â und mittlerweile auch die Republikaner*innen â in Luxemburg richtig organisiert.
Weltoffen wÀhlen
Generell gelten die Democrats Abroad als âlinkerâ als ihre in der Heimat verbliebenen Genoss*innen. 2016 hatten sich von 110 WĂ€hler*innen in Luxemburg 60 Prozent sich fĂŒr Bernie Sanders entschieden, wohingegen in den USA Hillary Clinton das Rennen machte. Auch diesmal erhielt Sanders am 3. MĂ€rz 14 von 33 abgegebenen Stimmen, nur 10 gingen an Biden und 9 an die â ebenfalls linke, aber mittlerweile ausgeschiedene â Bewerberin Elizabeth Warren. Die Ergebnisse vom 10. waren bei Redaktionsschluss nicht bekannt.
Natalie Bachiri erklĂ€rt sich die gröĂere Sympathie fĂŒr linke Ideen damit, dass Expats â zumindest die, die sich gut einleben â allgemein weltoffener sind als die in den USA lebende Bevölkerung. âWir sind vertraut mit sozialen Errungenschaften wie universelle Krankenversicherung und fĂŒnf bezahlten Urlaubswochenâ, so Bachiri. Wer das als Kommunismus darstelle, sei auĂerhalb der USA wenig glaubwĂŒrdig.
Bachiri hĂ€lt es nicht fĂŒr unmöglich, dass die Primary noch anders ausgeht, als es jetzt aussieht, obwohl Biden jetzt viel UnterstĂŒtzung gewonnen hat. Und was, wenn es knapp wird? Wird, wie die Sanders-AnhĂ€nger*innen befĂŒrchten, das Establishment sie um den Sieg betrĂŒgen? Die PrĂ€sidentin der Luxemburger Democrats Abroad hĂ€lt das fĂŒr Rhetorik: âIch denke, dann wĂŒrden sich alle zusammensetzen und versuchen, sich zu einigen.â Bachiri will gar nicht an ein Auseinanderbrechen des fortschrittlichen Lagers denken. âDieses Jahr geht es um eine groĂe Sache. Wer auch immer die Primary gewinnt, wir sollten alle hinter der Person stehen.â

