Im Kino: The Human Voice

Mit seinem Kurzfilm zeigt Pedro Almodóvar die ganze Palette seines Könnens. Es ist ein Augenschmaus, der bis zur letzten Sekunde unterhält.

Die Protagonistin aus „The Human Voice“ kann noch nicht fassen, dass ihre Beziehung zu Ende ist. (Copyright: Onda Cero)

Eine Frau, isoliert in ihrer Wohnung, ist kurz davor durchzudrehen. Als der spanische Filmemacher Pedro Almodóvar und die US-amerikanische Schauspielerin Tilda Swinton sich für ein gemeinsames Projekt genau dieser inhaltlichen Prämisse entschieden, ahnten sie noch nichts von der Corona-Pandemie. Ob der Film dadurch bedeutungsvoller wurde, wie Almodóvar vergangene Woche in einem Interview mit Vulture meinte, sei dahingestellt. Es ist zumindest ein interessanter Zufall.

Die von Swinton gespielte Protagonistin ist nicht nur isoliert, sie wartet auch: Auf einen Ex-Partner, der möglicherweise nie wieder zurückkommt. Die Trennung war allem Anschein nach abrupt. Seine Sachen hat die Frau in Koffer gepackt, die stehen neben der Wohnungstür. Bereit abgeholt zu werden ist auch der Hund, der immer wieder traurig an den Koffern herumschnüffelt.

So schafft Almodóvar in nur wenigen Einstellungen einen Kontext der Einsamkeit und Rastlosigkeit. Als Vorlage für den Film diente ihm ein 1930 veröffentlichtes Theaterstück des französischen Schriftstellers Jean Cocteau mit demselben Titel. Vor ihm hatten bereits Regisseure wie Roberto Rossellini und Ted Kotcheff den Stoff verfilmt.

Dass der erste Satz dieser Rezension entfernt an Almodóvars „Mujeres al borde de un ataque de nervios“ („Women on the Verge of a Nervous Breakdown“) erinnert, kommt nicht von ungefähr: Auch diesem Film diente Cocteaus Stück als Ausgangsbasis. Im Gegensatz zu „The Human Voice“ war dem Filmemacher damals jedoch weniger an einer getreuen Adaptation gelegen. Auch in „La ley del deseo“ („Law of Desire“) referenzierte Almodóvor „La voix humaine“.

Erst jetzt aber wagte er sich an die Herausforderung, den Einakter in seiner Gänze zu verfilmen. Trotz einiger punktueller Abweichungen geht er nicht über die Handlung des Stücks hinaus, was ihn auf insgesamt 30 Minuten Laufzeit brachte. Während es nicht ungewöhnlich ist, dass Kurzfilme auf Festivals laufen – wie zuletzt etwa auf dem LuxFilmFest –, so sind sie doch eher selten im regulären Kinoprogramm zu sehen. Dass das bei „The Human Voice“ der Fall ist, dürfte darauf hindeuten, wie groß der Hunger nach Auteur-Filmen nach einem Jahr abgespecktem Kinoprogramm ist. Da rücken formale Kriterien schon mal in den Hintergrund.

 Wie Almodóvar im oben erwähnten Interview beschrieb, empfand er die Arbeit an einem Kurzfilm als sehr viel befreiender. Er habe von der Gelegenheit profitiert und „put in everything that I love“. Neben den für seine Filme typischen bunten Farbkompositionen, bezieht sich dies auch auf Kostüme und Dekors. Ihre Auswahl beschreibt Almodóvar in diesem Sinne als willkürlich: Was Swinton anhat und wie ihre Wohnung eingerichtet ist, hat keine über den persönlichen Geschmack des Filmemachers hinausgehende Bedeutung.

Diese für Almodóvars Filme so charakteristische, überhöhte Künstlichkeit äußert sich aber noch in anderer Hinsicht. Recht früh in „The Human Voice“ entpuppt sich die Wohnung als nichts anderes als ein Filmset: Steht die Frau auf ihrem Balkon, befindet sie sich unmittelbar vor der Wand einer großen Lagerhalle. Das Bild soll weit mehr als nur den theatralen Ursprung der Erzählung evozieren: „For me, that image is the absolute categorical picture of what solitude is. The solitude this woman is living in, the absurdity of her life, and the darkness that she’s living in“, begründet Almodóvar seine Entscheidung in Vulture.

Absurdität und Schmerz sowie die visuellen Elemente machen die Handschrift des Filmemachers auch in diesem Werk wieder unverkennbar. Die Protagonistin selbst reiht sich nahtlos in die Liste der komplexen weiblichen Figuren ein, für die Almodóvar bekannt ist: Ohne den Schluss zu verraten, sei lediglich angedeutet, dass sie längst nicht nur als passiv leidend dargestellt wird.

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