Kulturexport: „Warum muss immer alles politisiert werden?“

Lange wurde darüber diskutiert, jetzt ist es bekannt: Luxemburgs Kulturprogramm zur Weltausstellung in Dubai. Warum die Empörung der Kritiker*innen anhält, was die Kuratoren dazu sagen und worin die Kunst im Kulturexport besteht.

Im Januar wird luxemburgische Kultur im nationalen Pavillon auf der Weltausstellung in Dubai zu sehen sein – eine Tatsache, die gestern wie heute für Diskussionen sorgt. (Copyright: Metaform)

„Wie kann man Kunst in ein Land exportieren, in dem die Kunst nicht frei ist, in dem es keine freie Meinungsäußerung gibt, in dem kritische Stimmen im Gefängnis landen und es eine weitreichende staatliche Diskriminierung von Frauen und Minoritäten gibt?“ Das fragen sich die Künstler*innen von Richtung22 im Gespräch mit der woxx, nach der Vorstellung des luxemburgischen Kulturprogramms zur Weltausstellung in Dubai, die am heutigen 1. Oktober beginnt. Luxemburgs Antwort? Mit einer Sammlung weitgehend unpolitischer Werke des achtköpfigen „Kënschtlerkollektivs“, das 2018 für Luxemburgs Auftritt in Dubai von Vertreter*innen verschiedener Kulturinstitutionen zusammengestellt wurde.

Letzte Woche präsentierten Sam Tanson, Kulturministerin, und Maggy Nagel, Kommissarin des Luxemburger Pavillons in Dubai, das Kunstprojekt. Es wird vom 15. bis zum 31. Januar unter dem Slogan „Mir wëlle bléiwen, wat mir ginn“ im luxemburgischen Pavillon zu sehen sein. Das Gesamtbudget beträgt 900.000 Euro: Die Rechnung teilen sich das Kulturministerium (500.000 Euro), der Fonds culturel national (Focuna, 350.000 Euro) und Partnerinstitutionen (50.000 Euro).

Die Kuratoren Bernard Baumgarten, künstlerischer Leiter des Trois C-L, und Kevin Muhlen, künstlerischer Leiter des Casino Luxembourg, erklären den Slogan wie folgt: „Wir schauen nicht mehr zurück, sondern nach vorne. Die Idee, für eine bessere Zukunft aus der Geschichte zu lernen, ist in dem Projekt auf subtile Weise vertreten. Doch wie können wir behaupten, dass der Weg, den wir jetzt gehen, der richtige ist, und wir diesen einhalten möchten? Die Frage ist vom Kollektiv ausgearbeitet worden.“

Unter den sechs Arbeiten befinden sich eine poetische Anthologie, Performances, audiovisuelle Skulpturen, Installationen und Kurzfilme. Auf den ersten Blick setzen sich nur zwei der Werke explizit mit Menschenrechtsverletzungen auseinander: Karolina Markiewicz’, Pascal Pirons, Patrick Mullers und Adolf El Assals Doku-Fiktion „Spectrum Cinqfontaines“ sowie El Assals Kurzfilm „Full Memory“. In „Spectrum Cinqfontaines“ wird die Rolle des Klosters in Fünfbrunnen während des Zweiten Weltkriegs thematisiert und kontextualisiert. Im Zentrum von „Full Memory“ steht der syrische Kriegsflüchtling Ziad, der durch den Besuch seines Bruders mit seiner dunklen Vergangenheit konfrontiert wird.

Markiewicz und Piron haben sich bereits 2019 in der woxx zu ihrer Teilnahme in Dubai geäußert. „Natürlich kann man sagen, dass man nichts damit zu tun haben möchte. Aber wenn du dich nicht einmischen willst, dann überlässt du den Status quo sich selbst. Man kann sich jedoch auch engagieren und das Verstellen der Nationen hinterfragen“, so Piron damals.

Lëtz ignore human rights?

Eine kritische Auseinandersetzung mit den Vereinten Arabischen Emiraten (VAE) fehlt im Programm. Darauf angesprochen, inwiefern die Werke zumindest eine differenzierte Sicht auf Luxemburg ermöglichen, reagieren Bernard Baumgarten und Kevin Muhlen mit klaren Worten: „Warum muss immer alles unbedingt kritisch gesehen und politisiert werden? Es gibt Künstler*innen, die einfach nur gute Kunst machen wollen, ohne dabei eine politische oder kritische Position einzunehmen. Die einzelnen Werke treten im Pavillon in den Dialog mit der offiziellen Ausstellung und auch mit der Weltausstellung. Dies ermöglicht dem Publikum verschiedene Lesarten und Interpretationen.“

Warum die Weltausstellung in Dubai Anlass gibt, politisch und gesellschaftskritisch Position zu beziehen, machte Mitte September das Europäische Parlament deutlich. In einer Entschließung zum Fall des Menschenrechtsverteidigers Ahmad Mansur in den VAE, rief das Parlament internationale Sponsor*innen und alle Mitgliedsstaaten zum Boykott der Weltausstellung auf, um ihre Missbilligung der Menschenrechtsverletzungen zu signalisieren. Bisher scheint kein EU-Staat dem Aufruf gefolgt zu sein.

Mansur war 2018 vom Berufungsgericht in Abu Dhabi wegen seines Einsatzes für Menschenrechte verurteilt worden. Der letzten Inhaftierung ging eine jahrelange psychische und körperliche Tortur voraus, unter anderem durch staatliche Instanzen. Mansur sitzt in Einzelhaft, die Grundversorgung wird ihm vorenthalten.

In der Entschließung des EU-Parlaments ist außerdem die Rede von der Entführung und Geiselnahme saudischer Frauen und Frauenrechtsaktivistinnen aus den VAE, von einem Mangel an Ermittlungen und Rechenschaftspflicht bei mutmaßlichen Verbrechen gegen Frauen sowie von unmenschlichem Umgang mit ausländischen Arbeiter*innen, die 80 Prozent der Landesbevölkerung ausmachen.

Copyright: Expo 2020 Dubai

In diesem Zusammenhang fällt in der Entschließung auch nochmal das Stichwort „Weltausstellung in Dubai“: „Unternehmen und Baufirmen [haben] in Vorbereitung auf die bevorstehende Weltausstellung Expo 2020 in Dubai (…) Arbeitnehmer dazu [gezwungen], nicht übersetzte Dokumente zu unterzeichnen, ihre Pässe konfiszier[t], sie extremen Arbeitszeiten unter unsicheren Wetterbedingungen aus[gesetzt] und sie in unhygienischen Unterkünften unter[gebracht].“

Das Künstler*innenkollektiv Richtung22 hat wegen all dieser Umstände in der Vergangenheit mehrfach gegen die Beteiligung des Kultursektors an der Weltausstellung protestiert: mit einer Aktion auf der Stäreplaz, einem offenen Brief an den Focuna und das Kulturministerium sowie einem satirischen Theaterstück. Zuletzt errichtete das Kollektiv 2019 zu Ehren eines fiktiven Kultursektors, der sich nicht für Wirtschaftsmissionen bei autoritären Regimen vor den Wagen spannen lässt, ein Monument vor dem Kulturministerium.

„Wéi ech dat de Moie gesinn hunn, do hun ech dat ganz sympathesch fonnt an dofir hunn ech dann och decidéiert, mir géifen dat Monument eranhuelen an et steet lo am Hall vum Kulturministère“, kommentierte die zuständige Ministerin Sam Tanson die Aktion damals auf dem Radiosender 100,7 und freute sich über die subversive Mitteilung. Mehr als diese überaus ironische Situation bewirkte die Aktion von Richtung22 im Kulturministerium allerdings nicht. Auf die anhaltende Kritik folgte kein Rückzug, sondern ein Rechtfertigungsversuch von Tanson: „Et huet een d‘Optioun, mat Länner, déi zemools a punkto Mënscherechter wierklech net konform sinn mat den internationale Konventiounen: Ignoréiert een déi, oder ignoréiert ee se net? (…) Ech sinn der Meenung, datt zemools d‘Kultur ëmmer kann dozou genotzt ginn, fir awer Brécken oprechtzeerhalen (…) an och de kulturellen Echange mat deene Länner wichteg ass. Dat ass meng fundamental Iwwerzeegung.“

Eine Überzeugung, die Baumgarten und Muhlen teilen. Sie bringen ähnliche Argumente hervor, wenn es um die Beteiligung des Kultursektors an der Weltausstellung geht: „Was ist besser – gar keinen Kontakt mit problematischen Ländern und Regionen aufrechtzuerhalten oder im Gegensatz durch Kultur und Kunst einen Weg zu finden, damit der Dialog weitergeführt und vielleicht ein anderes Bild von Gesellschaft und Kultur vermittelt wird? Wir haben auch in Europa Länder und Regionen, die problematisch sind, und wir geben trotzdem die Hoffnung nicht auf, dass wir durch Kunst und Kultur etwas verändern können. Bestimmt nicht von heute auf morgen, aber schrittweise.“ Ungeachtet der Tatsache, dass Künstler*innen frei entscheiden, ob sie mit ihrer Arbeit politische Statements setzen oder nicht: Es ist doch eher unwahrscheinlich, dass beispielsweise „Artefacts“ von der Designerin Julie Conrad und dem Soundkünstler Patrick Muller – eine Installation, die sich an den Nospelter Péckvillercher orientiert – Menschenrechtsfeinde umstimmt, auch nicht schrittweise.

Die Kuratoren sind trotz aller Einwände überzeugt, dass die Teilnahme der Künstler*innen an der Weltausstellung eine einmalige Gelegenheit ist, sich einem internationalen Publikum zu präsentieren. Man habe selten die Chance, so viele nationale Künstler*innen aus verschiedenen Bereichen zusammen auf einem internationalen Event zu präsentieren. Das Bewusstsein für das eigentliche Problem – dass nämlich all das in Dubai auf Kosten anderer Menschen und unter einem repressiven Regime geschieht – scheint nicht vorhanden zu sein.

„Wir haben das Potenzial einer kontroversen Diskussion rund um die Ausstellung falsch eingeschätzt – was wahrscheinlich auch daran liegt, dass zu dem Zeitpunkt schon viele Institutionen aus der Kulturszene sowie viele Pressehäuser direkt oder indirekt mit im Boot saßen“, sagt Richtung22 rückblickend. Das kürzlich vorgestellte Kulturprogramm widerspreche in keinster Weise ihren Befürchtungen: „Es geht im kulturellen Programm im luxemburgischen Pavillon zu keinem Moment wirklich um den künstlerischen Austausch und auch nicht – was die eigentliche Idee des Kulturexports wäre – um die Erschließung eines neuen Publikums oder Marktes für Kunst aus Luxemburg. Es geht einzig und allein um die Dekoration einer Wirtschaftsmission, genauso wie auch Köch*innen eingeladen wurden, im luxemburgischen Pavillon zu kochen.“

Copyright: Expo 2020 Dubai

Grenze zum Nation Branding

Baumgarten und Muhlen streiten diese Vorwürfe ab, räumen jedoch ein: „Dass ein nationaler Pavillon auf einer Weltausstellung wirtschaftlich motiviert ist, ist ganz klar. Wenn der Wirtschafts- und der Tourismussektor in Dubai zeigen wollen, was Luxemburg zu bieten hat, dann ist es auch sinnvoll, dem kulturellen Sektor eine Plattform zu bieten.“ Um eine ähnliche Verknüpfung von Wirtschaft, Tourismus und Kultur zu beobachten, muss man übrigens nicht gleich in den nächsten Flieger nach Dubai steigen – es reicht eine Fahrt nach Esch und in die Südgemeinden.

Die woxx berichtete in den letzten Jahren wiederholt über das Projekt Kulturhauptstadt Esch2022 und arbeitete in verschiedenen Artikeln heraus, wie stark wirtschaftliche Interessen und strukturelle Machtkämpfe das Projekt bisher beeinflusst haben. Dass dabei ausgerechnet kulturelle Initiativen auf der Strecke geblieben sind, wie der ehemalige woxx-Journalist Luc Caregari im Podcast „Am Bistro mat der woxx“ (Folge #086) zu berichten wusste, beweist einmal mehr, wie „groß“ Kultur bei solchen Veranstaltungen tatsächlich geschrieben wird.

„Beim Export luxemburgischer Kulturgüter geht es nicht um relevante Summen, die für das Finanz- oder Wirtschaftsministerium interessant wären. Der wirtschaftliche Mehrwert wird eher in der Förderung anderer Aktivitäten gesehen: dem Tourismus, zum Beispiel. Es ist kein Wunder, dass Esch2022 zur einen Hälfte wie eine Tourismus-Kampagne und zur anderen Hälfte wie Nation Branding wirkt. Es geht um Standort-Politik, wie auch in Dubai“, bewertet Richtung22 entsprechende Projekte. „Dasselbe trifft auf den Pavillion von Luxemburg auf der Biennale in Venedig oder die Präsenz der Filmindustrie in Cannes zu: Geht es um die Sichtbarkeit der Kunst oder um die Sichtbarkeit des Landes? Nutzt Nationalismus der Kunst? In seinen Grundzügen hat das nationalistische Promoten bestenfalls etwas touristisches, schlimmstenfalls etwas neo-kolonialitisches.“

Die Kulturpolitik solle Kulturschaffende und Kulturinstitutionen unterstützen und dazu gehöre zweifelsfrei auch die Förderung der Mobilität und die Subventionierung von internationalen Auftritten. Es sei jedoch wichtig, dass die Kulturpolitik die Kunstschaffenden auf ihrem Weg begleite statt ihnen diesen vorzugeben und „Bestellungen zur Erfüllung staatlicher Ziele“ aufzudrücken.

Baumgartner und Muhlen versichern ihrerseits, dass man sich von Anfang an bemüht habe, den kulturellen und künstlerischen Auftritt in Dubai nicht als Unterhaltung oder Dekoration zu handhaben. „Es war uns wichtig, Kultur als professionellen Sektor aus Luxemburg zu präsentieren, in dem sich Künstler*innen frei ausdrücken können, und zu zeigen, dass die Talente, die wir in Luxemburg haben, die richtige Unterstützung bekommen“, beteuern sie der woxx.

In Sachen internationale Vernetzung erhalten die Künstler*innen diese seit Kurzem unter anderem von kultur | lx – Arts Council Luxembourg: Die Agentur wurde im Juli 2020 auf Initiative des Kulturministeriums und im Zuge des Kulturentwicklungsplans (2018 – 2028) zur nationalen sowie internationalen Förderung der luxemburgischen Kulturszene entwickelt. Sie nahm ihre Arbeit offiziell im Juli 2021 auf. Die Exportbüros music:LX und Reading Luxembourg wurden der Agentur einverleibt. Eine Information am Rande: Sekretär des Aufsichtsrats ist Tom Théobald – Direktor für die Entwicklung und Förderung des Finanzplatzes.

Was heißt es also am Ende, Kultur zu exportieren und sie einem internationalen Publikum zugänglich zu machen? Geht das ohne Nation Branding? Und was für eine Rolle spielt die Wirtschaft allgemein für die Professionalisierung der luxemburgischen Kulturszene? Diese und andere Fragen hat die woxx den Vertreter*innen von kultur | lx gestellt, alle wurden ignoriert und blieben bis Redaktionsschluss unbeantwortet.


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