Kulturzentrum „Bâtiment 4“: Besetzung, Prozess oder gar Räumung?

von | 07.05.2025

Spätestens Ende April sollte das Künstler*innenkollektiv „Richtung 22“ nach dem Willen der Escher Gemeindeverwaltung das „Bâtiment 4“ verlassen. Doch das Kollektiv ist geblieben – und will sich notfalls räumen lassen.

(© Richtung 22)

Seit dem 1. Mai ist in Kraft getreten, was bereits vor einem Jahr für große Diskussionen in der Escher Kulturpolitik gesorgt hatte: Das Kollektiv „Richtung 22“ (R22) ist offiziell nicht mehr im sogenannten „Bâtiment 4“ (B4) geduldet. Die Künstler*innen wollen ungeachtet dessen in dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der „Arcelormittal“, das seit 2022 als „tiers-lieu culturel“ genutzt wird, bleiben. Mittlerweile zieren drei Protestbanner die Fassade: „Mir bleiwen hei“ steht auf einem, in großen weißen Lettern auf rotem Grund. Und zwei kleinere: eins mit „batiment4.lu“ und eins, auf dem „Squatiment 4“ steht, wobei das „n“ durch das Symbol der Hausbesetzer*innenszene ersetzt wurde.

Nach viel Kritik und Protest auf die Kündigung hatte der Escher Kulturschöffe Pim Knaff (DP) am 17. Mai 2024 im Escher Gemeinderat eine Mediation zwischen „frEsch“ und R22 anberaumt. Der Verein „frEsch“, der das B4 verwaltet, hatte den Nutzungsvertrag mit dem Kunstkollektiv nicht verlängert. Diese Mediation begann jedoch erst im Oktober 2024 und drehte sich vor allem um die Frage, wann ein „friedlicher Auszug“ aus dem B4 stattfinden könnte. Andere Optionen waren nicht vorgesehen. Dies bestätigte auch der Generaldirektor von frEsch, Loïc Clairet, gegenüber der woxx. Aus einem Mailverkehr, der der woxx vorliegt, geht hervor, dass R22 sehr bemüht war, ein Treffen mit dem Vorstand von frEsch zu arrangieren.

Am 12. März 2025 fand dieses endlich statt. Es dauerte knappe 45 Minuten. Diskutiert wurde vor allem über Vorwürfe, die schon seit über einem Jahr im Raum gestanden waren, wie aus einem der woxx vorliegenden, von R22 angefertigten Protokoll hervorgeht: frEsch behauptete, die Künstler*innen hätten Schlösser ausgetauscht und Türen zugenagelt, R22 stellt dem entgegen, man habe lediglich kaputte Schlösser ersetzt. Die neuen Ersatzschlüssel seien dem frEsch-Haustechniker übergeben worden. Auch über angeblich nicht gemachten Abwasch wurde diskutiert – die wichtige Frage jedoch, ob die Stadt Esch dem Kunstkollektiv eine Alternative anbieten kann, wurde ausgespart. Darüber diskutierten die Künstler*innen wenige Tage später bei einem Treffen mit Josée Hansen, Kulturkoordinatorin der Stadt Esch. Die fand danach, R22 habe viel verlangt, wollte die Wünsche aber an den Kulturschöffen Knaff weiterleiten. Zehn Tage später entschied der frEsch-Aufsichtsrat, die Mediation zu beenden und das Kollektiv aufzufordern, das B4 bis Ende April zu verlassen. Dies, so Clairet, weil man „trotz Ausschöpfung aller möglichen Diskussionsformate“ keine Einigung gefunden habe.

Das Bâtiment 4 in einen Albtraum des Vorstandes verwandeln

„Richtung 22 hat die Regeln des B4 nicht eingehalten und verfügt nicht mehr über eine rechtliche Vereinbarung mit frEsch; das Kollektiv besetzt die Räumlichkeiten daher seit einem Jahr unrechtmäßig“, so ein Sprecher der Stadt Esch. Er betonte auch, dass es eine „lange Warteliste“ von Künstler*innen und Vereinen gebe, die Räume suchten. Daher sei das Vorgehen von frEsch „nur fair“. Für den Großteil der Fragen verwies man auf frEsch, fügte aber noch hinzu: „Richtung 22 kann ein Verfahren vermeiden, indem sie der Aufforderung zum Verlassen des B4 nachkommt.“

Kurzfristig habe man den Strom abgedreht bekommen, hatten die Künstler*innen von R22 bereits zuvor berichtet. Das habe man sich allerdings nicht gefallen lassen: „Wir machten Druck auf frEsch-Mitarbeiter*innen und ließen auch Josée Hansen wissen, dass das, was sie tun, illegal ist.“ Erst ein Gericht könne entscheiden, was jetzt passiere. Die elektronischen Schlüssel des Kollektivs, mit denen man Zugang zum Gebäude bekomme, funktionieren nicht mehr. Laut Clairet habe es nur einen fehlerbedingten, kurzen Stromausfall gegeben, das Abschalten der Schlüssel sei eine „gewöhnliche Maßnahme“.

Ende Mai will R22 ein Theaterstück, das den Rundfunksender „RTL“ zum Thema hat, wiederaufführen. Da man die Proberäume im B4 nicht nutzen darf, ist man für die Proben auf die „MJC“ im französischen Audin-le-Tiche ausgewichen. Das Kollektiv gibt sich entschlossen: Man wolle „bis zum Schluss“ weitermachen, auch wenn man die juristische Auseinandersetzung verliere. Auf eine Räumung sei man ebenfalls vorbereitet: „Wenn frEsch jetzt wirklich blind auf Repression setzt und jeden Gesprächskanal mit uns abbricht, sind wir auf jeden Fall bereit, das Bâtiment 4 noch mehr in einen Albtraum der Vorstandsmitglieder von frEsch zu verwandeln.“

Alle woxx-Artikel zum Drama um das „Bâtiment 4“

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