National Film and Sound Archive of Australia: Dragqueens im Flip-Flop-Kleid

National Film and Sound Archive of Australia schaut in der Online-Ausstellung „Undressing Priscilla“ in den Kostümschrank des Kultfilms „The Adventures of Priscilla, Queen of the Desert“. Es blendet dabei die scharfe Kritik an dem Film aus, der in den 1990er-Jahren queere Kinogeschichte schrieb.

Der Regisseur Stephan Elliott (links) erschuf mit der Dragqueen Felicia Jollygoodfellow (rechts) eine Kultfigur. Der Schauspieler Guy Pearce wurde in seiner Rolle als Jollygoodfellow in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett in Sydney verewigt. (Copyright: CC BY Eva Rinaldi – SA 2.0)

Pailletten und Boots, ein Kleid aus billigen Flip-Flops – die Kostümdesigner*innen Lizzy Gardiner und Tim Chappel griffen für den Film „The Adventures of Priscilla, Queen of the Desert“ (1994), einer Komödie über Dragqueens auf einem Roadtrip, tief in die Materialkiste und zauberten extravagante Kostüme auf die Leinwand. Ihre Arbeit wurde 1995 mit einem Oscar für das beste Kostümdesign belohnt. Das National Film and Sound Archive of Australia (NFSA) erzählt in der Online-Ausstellung „Undressing Priscilla“ die Geschichte hinter den Pailletten, Strandschuhen und Pompoms.

„How many times do I have to tell you? Green is not your colour!“ Mit diesem Zitat von Felicia Jollygoodfellow und einem Foto von Mitzi Del Bra, zwei der Dragqueens aus dem Film, beginnt die Online-Ausstellung des NFSA. Mitzi Del Bra posiert in einem froschgrünen Kleid mit Pailletten auf einem Felsen. Es ist eines der Kostüme, das die NFSA als Schlüsselbild des Films bezeichnet. Ein kurzer Textbeitrag und ein Mitschnitt aus einem Interview der NFSA mit Tim Chappel, das anlässlich des 20. Jubiläums der Filmpremiere 2014 geführt wurde, geben Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Kostüms. Chappel und der Regisseur Stephan Elliott hatten damals unterschiedliche Vorstellungen: Während der Kostümdesigner mehr auf einen verrückten, frechen Look aus war, schwebten Elliot glamouröse, figurbetonte Kleider vor. Chappel und sein Team fanden einen Kompromiss, indem sie Del Bra grobe Bikerstiefel zu den vielen Pailletten gaben und so mit dem schicken Style brachen.

Das gelang ihm und Gardiner – die wird in der Ausstellung übrigens wenig und meist nur beiläufig als Chappels Kollegin erwähnt – auch mit dem „Thong dress“. Das Kleid besteht komplett aus Flip-Flops, die laut Chappel ein „australischer Nationalschuh“ sind. Ursprünglich wollten die Designer*innen ein Kostüm aus Kreditkartenmustern basteln. Als die Produzent*innen nicht anbissen, wechselten sie zu den Sandalen. Chappels Mutter, die im Warenhaus „Target“ arbeitete, besorgte die Flip-Flops zum Mitarbeiter*innenpreis. Warum billiges Material? Weil es sich bei dem Film um eine Low-Budget-Produktion handelte. Den Kostümdesigner*innen standen insgesamt magere 20.000 Dollar zur Verfügung.

Der Film „The Adventures of Priscilla, Queen of the Desert“ wurde von 2006 bis 2019 auf internationalen Bühnen als Musical aufgeführt. (Copyright: CC BY Andy Roberts – SA 2.0)

Mit dem Budget rechtfertigt Chappel in einem Interview auch die kontrovers diskutierte Tatsache, dass das „Wattle Dress“ von Gefängnisinsass*innen angefertigt wurde. Das Kleid ist reich mit Pompoms bestickt, die an die Blüten der Goldakazie erinnern. Chappel selbst habe für die Anfertigung eines Pompoms anderthalb Stunde gebraucht, weshalb er schnell über billige Arbeitskräfte nachgedacht und sich über die Hilfe der Insass*innen gefreut habe. Angesprochen darauf, ob die Näher*innen überhaupt für ihre Arbeit bezahlt worden seien, lacht Chappel: Sie hätten Brot und Wasser bekommen. Besonders lustig ist das nicht, doch die Ausstellungskuratorin Rebecca Williams geht in „Undressing Priscilla“ nicht weiter auf das Thema ein.

Genauso wenig greift sie die Kritik auf, die der Film damals wie heute im Hinblick auf Sexismus und Rassismus erhielt. Mehrere Medien, unter anderem das queere Lifestyle-Magazin „Out“, weisen auf die despektierliche, teilweise rassistische Frauendarstellung und auf die ausschließlich weißen Hauptdarsteller hin. Die Komödie gilt zwar als bahnbrechend für die positive Darstellung queerer Charaktere und für die Thematisierung queerfeindlicher Attacken in einem von der breiten Öffentlichkeit gefeierten Film – trotzdem sind viele Figuren problematisch dargestellt.

Alles Aspekte, die in der Online-Ausstellung und dem Begleitmaterial (Videos, Bilder, Interviews) verschwiegen werden. „Undressing Priscilla“ ist daher ein äußerst schlecht gewählter Titel, denn wirklich „ausgezogen“ im Sinne von kritisch hinterfragt und bis ins äußerste Detail auseinandergenommen wird die Kultkomödie nicht. Weder im Hinblick auf die Kostüme – hier hätte sich eine kritische Auseinandersetzung mit der Bezahlung der Gefängnisinsass*innen angeboten – noch weiterführend in Bezug auf Rassismus, Sexismus und die ausschließlich weißen queeren Menschen im Film.

Die Online Ausstellung 
„Undressing Priscilla“ ist unter 
nfsa.gov.au/collection/online-exhibition/undressing-priscilla 
auf Englisch aufrufbar.

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