Nutri-Score: Wer braucht schon Kalorien?

Die Informationskampagne zum Nutri-Score klammert die Schwächen des Systems nicht aus. Dennoch wird verschleiert, dass es undurchsichtig ist und eine gefährliche Botschaft für Menschen mit Essstörungen reproduziert.

© Marco Verch / flickr

Seit wenigen Wochen dürfen luxemburgische Unternehmen das Kennzeichensystem Nutri-Score verwenden. Dieses gibt Konsument*innen Aufschluss über die Nährwertqualität verarbeiteter Lebensmittelprodukte. So lautet jedenfalls die offizielle Beschreibung der Regierung. Das Verbraucherschutzministerium startete am 5. Juli seine aus Flyern und Videos bestehende Aufklärungskampagne über den Nutri-Score. Kurz und knapp wird den Konsument*innen erklärt, worum es sich bei der Kennzeichnung handelt: Ein fünfstufiges Ampelsystem, das Produkte anhand von Buchstaben und Farben einordnet. Ein dunkelgrünes A markiert Produkte, die „günstig für eine gesunde Ernährung“ sind, ein rotes E dagegen solche, die „ungünstig für eine gesunde Ernährung“ sind. Die Stoffe, die in die Berechnung einbezogen werden reichen von Kalorien, Zucker, gesättigte Fettsäuren, Salz, Obst und Gemüse, über Hülsenfrüchte, Nüsse, Raps-, Nuss- und Olivenöle bis hin zu Ballaststoffe und Proteine. Der Nutri-Score, heißt es auf dem Flyer, zeige „ein Gesamtergebnis für jeweils 100g/100ml des Produktes“ an.

Wie im Flyer beschrieben, soll die Kennzeichnung aber nicht nur die Nährwertqualität angeben: Auch Vergleiche innerhalb einer Produktkategorie sollen durch das Logo möglich werden. Eine weitere Stärke, die aufgelistet wird: „Der Nutri-Score kann Sie dabei unterstützen, sich ausgewogener zu ernähren.“

Mehr Schwächen als Stärken

Gleichzeitig werden die Konsument*innen auf dem Informationsblatt auf zwei Schwachstellen des Systems aufmerksam gemacht. Weil es sich um eine freiwillige Angabe handele, sei das Logo „nicht unbedingt auf allen Produkten“ zu finden. Zudem gebe der Nutri-Score „keine Auskunft über die genaue Menge der einzelnen Zutaten und Nährstoffe“.

Wer weitere Informationen sucht, wird auf der Internetseite www.nutri-score.public.lu fündig. In einem FAQ wird darüber aufgeklärt, dass Geschmacksverstärker, Farb- und Konservierungsstoffe nicht in die Berehnung des Werts einfließen. Außerdem gebe der Nutri-Score keine Angaben bezüglich der endgültigen Vorbereitung. Will heißen: Eine Packung Pommes kann eine positive Bewertung erhalten, obwohl diese nach einer Zubereitung in der Fritteuse deutlich negativer ausfallen würde.

Abb. 1

Im FAQ wird des Weiteren erklärt, dass es durchaus vorkommen könne, dass Orangensaft schlechter bewertet wird als Limonade. Der Grund: Das Vorhandensein von Süßstoff werde für die Berechnung nicht berücksichtigt. Was im FAQ jedoch nicht erläutert wird: Das Süßungsmittel Isoglukose, unter anderem aus Getreidesirup bestehend und oft süßen Getränken beigemischt,wird nicht vom Körper gespeichert und erhöht das Krankheitsrisiko stärker als herkömmlicher Zucker. Dass Süßstoff nicht in die Berechnung einfließt, riskiert ein Anreiz für Konzerne zu werden, diese verstärkt zu verwenden, um ihren Nutri-score zu verbessern.

Eine zentrale Information, die sowohl auf dem Flyer als auch auf der Website fehlt: Der Nutri-Score eignet sich nicht nur für Vergleiche innerhalb einer Produktkategorie – das ist schlichtweg seine einzige Funktion. Wie im FAQ nämlich erklärt wird, ist die Kennzeichnung ausdrücklich nicht dazu geeignet, die Nährwertqualität von Produkten aus unterschiedlichen Kategorien zu vergleichen.

Wenn man all dies in Betracht zieht, wirkt die Behauptung auf dem Flyer, der Nutri-Score sei leicht verständlich, schon fast sarkastisch. Nicht nur ist das Lesen des elf Fragen und Antworten umfassenden FAQs zum Verständnis unentbehrlich: Aus welchen konkreten Berechnungen sich der Wert des Nutri-Scores letztendlich ergibt, bleibt ein Mysterium (mehr dazu in diesem woxx-Artikel). Der größte Nachteil ist jedoch, dass der Nutri-Score sich stets nur auf ein einziges Produkt bezieht. Ob die eigene Ernährung ausgewogen ist oder nicht, kann jedoch immer nur an der Gesamtheit der verzehrten Produkte festgemacht werden.

Es ist zu befürchten, dass dieses Kennzeichensystem nur Menschen erreicht, die viel Zeit haben, um sich ausführlich mit ihrer Ernährung zu befassen. Der Flyer reproduziert zudem die Falschinformation, dass die Kalorieneinnahme für eine gesunde Ernährung auf ein Minimum reduziert werden sollte. Kalorien sind nämlich in der Sparte „Energiegehalt und Nährstoffe, die eher ungünstig sind“ aufgelistet. Essstörungen vorzubeugen, ist demnach scheinbar nicht das Ziel dieser Informationskampagne und des Nutri-Scores.


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