Spieglein, Spieglein an der Wand…

Pünktlich zum Jahresanfang erinnert uns der Journal daran, dass wir gut daran täten, abzunehmen. Dabei gibt es sinnvollere Vorsätze.

© Pixabay

„Ran an die Pfunde. Nach den Feiertagen: Wie wär’s mit einer Diät?“. Spätestens beim Lesen der Titelstory des Journals vom letzten Samstag wurden wir alle daran erinnert, dass es wieder einmal an der Zeit wäre, ein wenig abzuspecken. Im entsprechenden Artikel ruft uns die Autorin, Simone Molitor, in Erinnerung, dass „Übergewicht zu einem immer größeren Problem wird“ und wir den Grund für Übergewicht und Fettleibigkeit „alle nur zu gut kennen: zu wenig Bewegung, zu viel Ungesundes auf dem Tisch“.

Dass wir den Grund alle kennen ist eher unwahrscheinlich. Einerseits wird unser Gewicht von wesentlich mehr Faktoren beeinflusst als es uns die Autorin glauben lässt. Zu diesen gehören unter anderem der Stoffwechsel, die Gene, Stress, Allergien, Kindheitstraumata, Essstörungen und der sozio-ökonomische Hintergrund. Andererseits gibt es dermaßen viele „normal-“ oder „untergewichtige“ Menschen, die keinen Sport treiben und sich ungesund ernähren, dass kein Kausalzusammenhang zwischen diesen Faktoren und dem Körpergewicht hergestellt werden kann.

Die Autorin ist der Ansicht, dass, wer gesund und dauerhaft abnehmen wolle, nicht umhin komme „seine Gewohnheiten zu überdenken und auf eine Kombination aus ausgewogener Ernährung und ausreichender Bewegung zu setzen“. Wenn sie dann dazu rät, sich von professionellen Erziehungsberater*innen helfen zu lassen wird deutlich, dass sie eine bestimmte Bevölkerungsgruppe vor Augen hat: eine mit Zeit und Geld. Gewohnheiten zu überdenken, regelmäßig Sport zu treiben, sich bewusst und ausgewogen zu ernähren und professionell beraten zu lassen erfordert nämlich beides, was aber viele Menschen einfach nicht haben.

Davon abgesehen scheitert dauerhaftes Abnehmen in erster Linie nicht aufgrund mangelnder Motivation oder Beratung. Unser Körper verfügt über einen sogenannten „Set point“, zu welchem er immer wieder zurückkehren möchte. Dieses Phänomen lässt sich evolutionär erklären: Sobald wird weniger essen und dadurch den Energiezufluss reduzieren, schaltet unser Körper auf Sparflamme. Das wirkt auf den ersten Blick so als arbeite unser Stoffwechsel gegen uns, dabei will er uns nur vor dem Verhungern bewahren.

Einheitsbrei

„Übergewicht“ und Fettleibigkeit werden in Molitors Artikel mehr oder weniger gleichgesetzt und dadurch substanzielle Unterschiede zwischen beiden ignoriert. So wurde in Studien festgestellt, dass Menschen, die laut BMI (Body Mass Index) „übergewichtig“ sind, nicht nur genauso, sondern sogar länger leben als sogenannte „Normalgewichtige“. Anders verhält es sich bei Fettleibigkeit, wo in der Tat eine erhöhte Sterblichkeitsrate festgestellt werden konnte. Von „Übergewicht“ als „Gesundheitsproblem“ zu sprechen, scheint vor diesem Hintergrund verfehlt.

Und auch bezüglich „Übergewicht“ werden wieder vereinfachte Kausalzusammenhänge hergestellt. Molitor schreibt, dass durch Dicksein das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen und Krebserkrankungen steige. Dass Ärzt*innen dicke Patien*innen nachgewiesenermaßen benachteiligen und tendenziell weniger ausführlich untersuchen und behandeln als „Normalgewichtige“, findet im Artikel keine Erwähnung. Ebenso wenig der Umstand, dass das Krankheitsrisiko wesentlich durch den Stress erhöht wird, den viele dicke Menschen aufgrund von Diskriminierung empfinden. Wem also wirklich am Gesundheitszustand dicker Menschen gelegen ist, täte gut daran, jegliches Fat Shaming zu unterlassen.

Tagein, tagaus prasseln Aufrufe zur Selbstoptimierung auf die Bevölkerung hernieder: Bewegt euch mehr, esst mehr Obst und Gemüse, weniger Zucker, Fett und Fertigprodukte. Uns wird nahegelegt, uns zu disziplinieren, diverse Produkte zu kaufen und gesundheitsfördernde Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Implizit wird uns vermittelt, dass unser Körper nicht gut ist wie er ist. Der Journal-Artikel lässt kaum Raum für Menschen, die weder Zeit noch Geld zum Abnehmen haben, für Menschen, die sich nach jahrelangem Kampf gegen eine Essstörung endlich wieder einigermaßen gut in ihrem Körper fühlen. Er blendet aus, wie viele Menschen sich und ihren Körper abgrundtief hassen, wie viele Menschen unter anderem wegen des sozialen Drucks dünn und schön zu sein, eine Essstörung entwickeln. Und er vergisst Menschen, die sich, egal ob dick oder dünn, wohlfühlen und sich bester Gesundheit erfreuen.

Die Information, die Simone Molitor nicht erwähnt: Wenn es nicht aus gesundheitlichen Gründen erforderlich ist abzunehmen, dann erfüllt es lediglich eine ästhetische Funktion. In anderen Worten werden Leser *innen dazu aufgerufen Zeit, Energie und Geld zu investieren, um stärker gesellschaftlichen Schönheitsidealen zu entsprechen. Wie wäre es stattdessen mit einem Aufruf zu weniger Fat shaming und mehr Akzeptanz gegenüber körperlicher Diversität?


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