Spieglein, Spieglein an der Wand…

von | 10.01.2019

PĂŒnktlich zum Jahresanfang erinnert uns der Journal daran, dass wir gut daran tĂ€ten, abzunehmen. Dabei gibt es sinnvollere VorsĂ€tze.

© Pixabay

„Ran an die Pfunde. Nach den Feiertagen: Wie wĂ€r’s mit einer DiĂ€t?“. SpĂ€testens beim Lesen der Titelstory des Journals vom letzten Samstag wurden wir alle daran erinnert, dass es wieder einmal an der Zeit wĂ€re, ein wenig abzuspecken. Im entsprechenden Artikel ruft uns die Autorin, Simone Molitor, in Erinnerung, dass „Übergewicht zu einem immer grĂ¶ĂŸeren Problem wird“ und wir den Grund fĂŒr Übergewicht und Fettleibigkeit „alle nur zu gut kennen: zu wenig Bewegung, zu viel Ungesundes auf dem Tisch“.

Dass wir den Grund alle kennen ist eher unwahrscheinlich. Einerseits wird unser Gewicht von wesentlich mehr Faktoren beeinflusst als es uns die Autorin glauben lĂ€sst. Zu diesen gehören unter anderem der Stoffwechsel, die Gene, Stress, Allergien, Kindheitstraumata, Essstörungen und der sozio-ökonomische Hintergrund. Andererseits gibt es dermaßen viele „normal-“ oder „untergewichtige“ Menschen, die keinen Sport treiben und sich ungesund ernĂ€hren, dass kein Kausalzusammenhang zwischen diesen Faktoren und dem Körpergewicht hergestellt werden kann.

Die Autorin ist der Ansicht, dass, wer gesund und dauerhaft abnehmen wolle, nicht umhin komme „seine Gewohnheiten zu ĂŒberdenken und auf eine Kombination aus ausgewogener ErnĂ€hrung und ausreichender Bewegung zu setzen“. Wenn sie dann dazu rĂ€t, sich von professionellen ErnĂ€hrungsberater*innen helfen zu lassen wird deutlich, dass sie eine bestimmte Bevölkerungsgruppe vor Augen hat: eine mit Zeit und Geld. Gewohnheiten zu ĂŒberdenken, regelmĂ€ĂŸig Sport zu treiben, sich bewusst und ausgewogen zu ernĂ€hren und professionell beraten zu lassen erfordert nĂ€mlich beides, was aber viele Menschen einfach nicht haben.

Davon abgesehen scheitert dauerhaftes Abnehmen in erster Linie nicht aufgrund mangelnder Motivation oder Beratung. Unser Körper verfĂŒgt ĂŒber einen sogenannten „Set point“, zu welchem er immer wieder zurĂŒckkehren möchte. Dieses PhĂ€nomen lĂ€sst sich evolutionĂ€r erklĂ€ren: Sobald wird weniger essen und dadurch den Energiezufluss reduzieren, schaltet unser Körper auf Sparflamme. Das wirkt auf den ersten Blick so als arbeite unser Stoffwechsel gegen uns, dabei will er uns nur vor dem Verhungern bewahren.

Einheitsbrei

„Übergewicht“ und Fettleibigkeit werden in Molitors Artikel mehr oder weniger gleichgesetzt und dadurch substanzielle Unterschiede zwischen beiden ignoriert. So wurde in Studien festgestellt, dass Menschen, die laut BMI (Body Mass Index) â€žĂŒbergewichtig“ sind, nicht nur genauso, sondern sogar lĂ€nger leben als sogenannte „Normalgewichtige“. Anders verhĂ€lt es sich bei Fettleibigkeit, wo in der Tat eine erhöhte Sterblichkeitsrate festgestellt wurde. Von „Übergewicht“ als „Gesundheitsproblem“ zu sprechen, scheint vor diesem Hintergrund verfehlt.

Und auch bezĂŒglich „Übergewicht“ werden wieder vereinfachte KausalzusammenhĂ€nge hergestellt. Molitor schreibt, dass durch Dicksein das Risiko fĂŒr Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen und Krebserkrankungen steige. Dass Ärzt*innen dicke Patien*innen nachgewiesenermaßen benachteiligen und tendenziell weniger ausfĂŒhrlich untersuchen und behandeln als „Normalgewichtige“, findet im Artikel keine ErwĂ€hnung. Ebenso wenig der Umstand, dass das Krankheitsrisiko wesentlich durch den Stress erhöht wird, den viele dicke Menschen aufgrund von Diskriminierung empfinden. Wem also wirklich am Gesundheitszustand dicker Menschen gelegen ist, tĂ€te gut daran, jegliches Fat Shaming zu unterlassen.

Tagein, tagaus prasseln Aufrufe zur Selbstoptimierung auf die Bevölkerung hernieder: Bewegt euch mehr, esst mehr Obst und GemĂŒse, weniger Zucker, Fett und Fertigprodukte. Uns wird nahegelegt, uns zu disziplinieren, diverse Produkte zu kaufen und gesundheitsfördernde Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Implizit wird uns vermittelt, dass unser Körper nicht gut ist wie er ist. Der Journal-Artikel lĂ€sst kaum Raum fĂŒr Menschen, die weder Zeit noch Geld zum Abnehmen haben, fĂŒr Menschen, die sich nach jahrelangem Kampf gegen eine Essstörung endlich wieder einigermaßen gut in ihrem Körper fĂŒhlen. Er blendet aus, wie viele Menschen sich und ihren Körper abgrundtief hassen, wie viele Menschen unter anderem wegen des sozialen Drucks dĂŒnn und schön zu sein, eine Essstörung entwickeln. Und er vergisst Menschen, die sich, egal ob dick oder dĂŒnn, wohlfĂŒhlen und sich bester Gesundheit erfreuen.

Die Information, die Simone Molitor nicht erwĂ€hnt: Wenn es nicht aus gesundheitlichen GrĂŒnden erforderlich ist abzunehmen, dann erfĂŒllt es lediglich eine Ă€sthetische Funktion. In anderen Worten werden Leser *innen dazu aufgerufen Zeit, Energie und Geld zu investieren, um stĂ€rker gesellschaftlichen Schönheitsidealen zu entsprechen. Wie wĂ€re es stattdessen mit einem Aufruf zu weniger Dickenfeindlichkeit und mehr Akzeptanz gegenĂŒber körperlicher DiversitĂ€t?

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