Im Kino: Dolor y gloria

In seinem bisher persönlichsten Werk „Dolor y gloria“ (Pain and Glory) erzählt der spanische Filmemacher Pedro Almodóvar auf berührende wie humorvolle Weise vom Leben eines in die Jahre gekommenen Filmemachers.

Antonio Banderas wurde ein neuer Look verpasst, damit er Almodóvar ähnlicher sieht. (© Pathé Films/outnow.ch)

Schon wieder ein Film über einen frustrierten, alten Mann – auch wenn sich dieser Eindruck bei manchen zu Beginn von „Dolor y gloria“ unweigerlich einschleichen wird, so wäre es verfehlt, den Film voreilig in die entsprechende Schublade einzuordnen. Wenn der Regisseur und Drehbuchautor eines Films Pedro Almodóvar heißt, kann man sich mit einiger Sicherheit darauf verlassen, dass der Film sowohl queere als auch komplexe weibliche Figuren beinhalten wird.

Bevor es um solche geht, steht jedoch zunächst einmal nur ein nicht sonderlich interessant wirkender Mann namens Salvador Mallo (Antonio Banderas) im Fokus. In Reaktion auf seine physischen Schmerzen und die damit einhergehende Unfähigkeit, Filme zu machen, beginnt der Künstler zusammen mit seinem Kumpel Alberto Crespo (Asier Etxeandia), regelmäßig Heroin zu konsumieren. Neben der Schmerzlinderung bringt die Droge einen weiteren willkommenen Nebeneffekt: Stundenlang schwelgt er in Kindheitserinnerungen.

„Dolor y gloria“ ist Almodóvars bisher autobiografischster Film, ist der Protagonist doch als Alter-Ego des Filmemachers angelegt. Mit einem für ihn ungewohnt kleinen Ensemble begibt sich Almodóvar auf emotionale Spurensuche.

Salvadors Erinnerungen sind vor allem auf seine Mutter (Penélope Cruz) fokussiert: Wäschewaschen am See, eine gemeinsame Notübernachtung in einem Bahnhof, der Einzug in eine höhlenartige Wohnung im spanischen Paterna. Der Vater starb früh und davor schien der junge Salvador kein besonders enges Verhältnis zu ihm zu pflegen. Nach „Todo sobre mi madre“ (1999) ist es bereits der zweite Film, in dem Almodóvar von seiner Mutter erzählt. Diesmal geht es vor allem um ihre Bereitschaft, alles zu tun, damit es ihrem einzigen Kind gut geht, ihrer Sorge, dass er so enden könnte wie ihr Ehemann.

In der zweiten Hälfte des Films, wenn mäßig interessante Anfangsszenen und mangelnde emotionale Anknüpfungspunkte einer intimen Ehrlichkeit weichen, läuft Almodóvar zu Höchstform auf. Trotz der einen oder anderen melancholischen Note behält Almodóvar eine humorvolle Grundstimmung bei. Durch eine Abwendung vom Melodramatischen hat „Dolor y gloria“ in manchen Momenten eine größere Ähnlichkeit mit Filmen wie etwa Tom Fords „A Single Man“ (2009) als mit Almodóvars früheren Werken. Neben der liebevollen Charakterzeichnung, zärtlichen Momenten und den für den spanischen Filmemacher typischen satten Farben, macht vor allem die Struktur die Besonderheit dieses Films aus. Gegenwärtiges geht in Rückblenden über, diese wiederum führen zu Gesprächen über die Vergangenheit und ihrer künstlerischen Verarbeitungen.

„Dolor y gloria“ erzählt aber nicht nur die Geschichte eines anrührenden Mutter-Sohn-Verhältnisses und eines zunehmenden künstlerischen Interesses, sondern auch die eines homosexuellen Erwachens, das den Protagonisten mit einer ähnlichen Wucht trifft wie Elio in Luca Guadagninos „Call Me by Your Name“ (2017). Almodóvar zeigt für jede seiner Figuren Mitgefühl und Verständnis – und die Figuren auch füreinander. Denn im Herzen ist „Dolor y gloria“ ein Film über Versöhnung – mit anderen Menschen, aber auch mit sich selbst. Dadurch wird es möglich, dass der Film zwar sehr persönlich ist, ohne aber von universeller Relevanz zu sein.

Im Kinepolis Kirchberg und Utopia. Die Uhrzeiten finden Sie hier.

Bewertung der woxx: XXX


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