Im Kino: Rocketman

„Rocketman“ ist ein recht konventionelles biografisches Musical. Was den Film besonders macht, ist die Schauspielleistung des Hauptdarstellers und eine Filmgeschichte schreibende Sexszene.

Taron Egerton in der Rolle von Elton Hercules John. (Fotos: Paramount Pictures)

„Rocketman“ – der Name ist Programm. Denn in ihrem neusten Film präsentieren uns Regisseur Dexter Fletcher und Drehbuchautor Lee Hall eine überlebensgroße Fantasieversion des Lebens von Musiker Elton John. Der Mensch, den wir da zu sehen bekommen, brauchte nie Klavier zu erlernen, er konnte es einfach. Wenn er als junger Mann auf der Bühne stand, schwebten er und das Publikum vor lauter Glückseligkeit und geballter Energie förmlich in der Luft. Die Menschen, die John nicht mag, sind nicht viel mehr als karikative Bösewichte. In „Rocketman“ ist alles lauter, kitschiger, eindimensionaler und dramatischer, als es das wahre Leben jemals sein könnte.

Dass dieser Film weit weg von einer objektiven Nacherzählung ist, wird bereits in der ersten Sequenz deutlich. Nachdem Elton Hercules John in einem Teufelskostüm in eine Gruppentherapie-Sitzung geplatzt ist, fängt der selbsterklärte Drogenabhängige und Sexsüchtige an, von seinem Leben zu erzählen. Bei der Wahrheit zu bleiben, fällt ihm offensichtlich schwer, zu gerne würde er von einer glücklichen Kindheit berichten. Die wurde Reginald Kenneth Dwight, der sich erst später das bekanntere Pseudonym zulegte, jedoch durch einen lieblosen und missgünstigen Vater (Steven Mackintosh) vermasselt. Zum Glück erkannten seine Mutter (Bryce Dallas Howard) und Großmutter (Gemma Jones) früh das Talent, das in Reginald schlummerte, und halfen ihm dabei, dieses zu verwirklichen.

Der Film ist oberflächliche Unterhaltung – aber er unterhält allemal. Fortwährend wechseln sich Gegenwart und Flashbacks ab. Immer wieder brechen die Figuren – allen voran natürlich John – in Gesang aus und fangen an zu tanzen. Dafür braucht der Protagonist nicht einmal auf einer Bühne zu stehen: Die meisten musikalischen Einlagen ergeben sich aus Alltagssituationen und kommen somit eher Tagträumen gleich. Auf die Abfolge sollte man nicht allzu viel geben: Auch wenn es sich bei allen Liedern um Originale Elton Johns handelt, so wurden sie nicht in der im Film vorgegebenen Reihenfolge geschrieben.

„Rocketman“ zeichnet das Bild eines Menschen, der sich nur allzu gern von Unangenehmem ablenkt. Wo das Musikmachen dieses Bedürfnis nicht mehr zu stillen vermag, müssen Drogen und Alkohol herhalten. Und so nimmt „Rocketman“ uns mit auf eine musikalische Achterbahnfahrt. Wir erleben die Höhen ebenso wie die Tiefen von Elton Johns Leben und Karriere. Stets wird John als Opfer dargestellt: seines Vaters, seines ersten Lebenspartners (Richard Madden), der abhängig machenden Substanzen. Sympathisiert man anfangs noch mit John, so fällt dies im Laufe des Films immer schwerer. Er wurde nämlich nicht nur enttäuscht und schlecht behandelt, er hat das auch anderen angetan.

Der britische Schauspieler Taron Egerton verschmilzt regelrecht mit der Figur, die er spielt. Sein Äußeres wurde Johns Look angepasst, jedes einzelne Lied im Film wird von ihm selbst mit beeindruckender stimmlicher Wucht gesungen. Doch es ist vor allem seine Ausstrahlung, die die Figur Elton John zum Leben erweckt. Egerton ist ohne Zweifel das Beste an diesem Film.

Unabhängig davon, was man von „Rocketman“ hält, Geschichte hat er jetzt schon geschrieben: Es ist das erste Mal, dass im Film eines großen Studios eine Sexszene zwischen zwei Männern gezeigt wird. Überhaupt wird Elton Johns sexuelle Orientierung auf nuancierte Weise dargestellt. Davon abgesehen ist „Rocketman“ ein recht konventionelles Musical-Biopic, das Freund*innen des Genres ohne Zweifel zwei unterhaltsame Stunden bereiten wird.

In den Sälen. Die Uhrzeiten finden Sie hier.

Bewertung der woxx: XXX


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