Serien-Empfehlung: Deaf U

Mit „Deaf U“ findet eine weitere Serie Eingang auf Netflix mit dem Ziel, die Lebensrealität von Menschen mit Behinderung im Mainstream zu etablieren. Das Politische zieht dabei gegenüber Soap-Elementen den Kürzeren.

© Netflix

„Deaf U“ handelt von einer Gruppe junger Menschen, die an der Gallaudet University in Washington D.C. studieren. Es handelt sich dabei um eine Universität, die sich ausschließlich an gehörlose und schwerhörige Student*innen richtet. Besonders in den ersten Folgen zeigt die Serie den Alltag von sieben hörbehinderten Menschen: Kneipenbesuche, Spaziergänge auf dem Campus, Hobbies. Manche sind Sportler*innen, andere Youtuber*innen oder angehende Poetry-Slammer*innen.

Auch um die Gebärdensprache und ihre spezifischen Eigenheiten geht es immer wieder. Dank ihr können die Protagonist*innen etwa auch in lauten Clubs problemlos Unterhaltungen führen, sie macht es allerdings unmöglich, während einer Umarmung oder beim Kuscheln zu kommunizieren.

Trotz mancher Gemeinsamkeiten weichen die Lebensrealitäten zum Teil stark voneinander ab: Manche wurden taub beziehungsweise hörgeschädigt geboren, manche können sprechen, manche benutzen eine Hörhilfe. Auch die Vielfalt der sogenannten „Deaf Community“ wird thematisiert: Manche wurden, dadurch dass auch ihre Eltern hörbehindert sind, praktisch in sie hineingeboren, andere kamen erst später im Leben mit anderen Betroffenen in Kontakt. Besonders lobenswert ist, dass die Serie die Protagonist*innen nicht auf ihre Behinderung reduziert und auch Aspekte wie Hautfarbe, sexuelle Orientierung und den sozialen Status einbringt.

So gibt „Deaf U“ Einblick in eine Lebensrealität, die wohl nur den wenigsten Zuschauer*innen in dem Maße bekannt sein dürfte. Dadurch, dass jedoch nur ein halbes Dutzend Betroffene zu Wort kommen, fällt es schwer einzuordnen, wie repräsentativ das Gezeigte ist. Ebenfalls unklar ist, inwiefern die Macher*innen bewusst ein Reality-TV-Format anstrebten und Aspekte, die nicht in dieses Konzept passten, gezielt ausklammerten. So jedenfalls besteht die Serie zu 75 Prozent aus zwischenmenschlichem Drama: Wer ist an wem interessiert? Wer hat Sex mit wem? Wer lästert über wen? „Deaf U“ verwendet viel Zeit darauf, Kriterien zu beleuchten, die entweder den Respekt oder aber die Geringschätzung der „Deaf Community“ ernten. Es fragt sich, ob die Problematik sich tatsächlich in dem Maße stellt oder zu Unterhaltungszwecken leicht übertrieben dargestellt wurde.

Was in der achtteiligen Serie leider zu kurz kommt, ist die Funktionsweise der Gallaudet Universität. Dass es sich um einen Kontext handelt, der besonders an die Bedürfnisse hörbehinderter Menschen angepasst ist, liegt zwar auf der Hand, wie dies umgesetzt wird, wird jedoch nur angedeutet. Birgt dieses System auch Schwächen? Wie werden Kurse gestaltet? Auf welche Berufe werden die jungen Menschen vorbereitet? Wie hoch sind ihre Einstellungschancen? Davon erfährt man in dieser Serie nichts. Mit diesem eher unpolitischen Konzept reiht sich „Deaf U“ in eine Liste von Serien ein, die, wie etwa auch die von uns rezensierte „Love on the Spectrum“ (2020), lediglich die Präsenz von Menschen mit Behinderung in Mainstream-Formaten normalisieren wollen.

Netflix

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