Sexualisierte Gewalt im Netz: „Ech sinn dat Meedchen um Video“

Nicht einvernehmlich veröffentlichte Sex-Videos sind eine Form digitaler Gewalt. Ein aktueller Fall aus Luxemburg zeigt, dass das entsprechende Bewusstsein dafür teilweise noch fehlt.

Viele wissen nicht, dass das Teilen nicht-einvernehmlich veröffentlichter Fotos und Videos eine Straftat ist. (© Mohamed Hassan/pxhere.com)

„Das Mädchen von Lloret ist einer von hundert Fällen, wo einfach die Privat- und Intimsphäre eines Mädchens wörtlich missbraucht wurden. Ich finde das widerwärtig und abstoßend.” Die Autorin dieses Satzes, Bianca Cerminara, eine feministische Aktivistin, hat vergangene Woche zusammen mit ein paar anderen Frauen eine eher ungewöhnliche Solidaritätskampagne auf Instagram ins Leben gerufen: Teilnehmende veröffentlichten Fotos von sich selbst mit Begleittexten wie „I am the girl in the video” und dem Hashtag #stopslutshaming. Das Ziel: Sich solidarisch zu zeigen mit einer jungen Luxemburgerin1, die vor kurzem unfreiwillig Insta-Berühmtheit erlangte, als ein, woxx-Informationen nach in Lloret de Mar gemachtes Video von ihr, auf dem sie mit zwei Männern Sex hat, ohne ihr Einvernehmen veröffentlicht wurde. Auf einer Meme-Seite, die mittlerweile wieder vom Netz genommen wurde, wurde der Vorfall anhand von Screenshots mit beigefügtem Text und Emojis ins Lächerliche gezogen. Cerminara und zahlreiche andere weigerten sich, dem tatenlos zuzusehen. „Wirklich schneller als ich gedacht hätte, hat es [das Foto von ihr] sich verbreitet und auf einmal haben alle angefangen Selfies zu teilen mit dem Hashtag“, erzählt Cerminara der woxx. „Mein Ziel und das der anderen war und ist es, ein Bewusstsein für solche Situationen zu schaffen.“ Die Jugendorganisationen Laika und Voix de Jeunes Femmes haben letzten Freitag mit einem Text reagiert, in dem sie ihre Solidarität für Opfer digitaler Gewalt ausdrücken.

Könnte mir das passieren?

Als im Jahr 2014 zahlreiche Nacktfotos berühmter Persönlichkeiten geleakt wurden, drang das Thema der sogenannten „Revenge Pornography“ mehr denn je ins öffentliche Bewusstsein. Wochenlang wurde über den Vorfall berichtet und von so unterschiedlichen Medien aufgegriffen, wie es Meinungen zu dem Thema gibt. Von Schaulust und Schadenfreude über Beschämung und Beschuldigung bis hin zu Anteilnahme und Entsetzen war alles dabei. Konkret ging es damals um einen Hack, bei dem Nacktfotos von unter anderem Jennifer Lawrence, Ariana Grande und Kate Upton gestohlen und anschließend der Weltöffentlichkeit via 4Chan zugänglich gemacht worden waren.

„No it couldn‘t happen to me because I don‘t take pictures of myself nude!“ war eine der Reaktionen auf den damaligen Leak. Schwer vorstellbar, dass bei anderen Verbrechen genauso reagiert würde, denn das ist in etwa so, als würde man nach einem Fahrraddiebstahl sagen „Das könnte mir nicht passieren, ich besitze nämlich kein Fahrrad“. Das stimmt natürlich. Zu implizieren, dass nur weil man keine Nacktfotos von sich macht, die Problematik nichts mit dem eigenen Leben zu tun hat, ist aber aus zwei Gründen falsch: Die eigene Privatsphäre kann jederzeit verletzt werden. Und: Jedem Menschen, der etwas besitzt, kann etwas gestohlen werden.

Normalisierung von Missbrauch

Nicht-einvernehmlich veröffentlichte Nacktfotos oder Sexvideos sind nur die Spitze des Eisbergs einer sehr viel größeren Problematik. Wer hat nicht schon mal ein Foto von sich in den sozialen Netzwerken gesehen, dessen Veröffentlichung man als eher unangenehm empfand? Es muss sich nicht um ein Nacktfoto handeln, damit eine solche Veröffentlichung als Verletzung der Privatsphäre gilt.

„Mir könnte so was nicht passieren, weil ich X nicht tue“ zeugt von einer verdrehten Logik. Sie impliziert nämlich, dass die Verantwortung für die Tat beim Opfer liegt. Ganz konkret setzt sie voraus, dass Menschen präventiv ihr Verhalten danach ausrichten, dass andere ihnen nichts antun können. Konsequent zu Ende gedacht würde das bedeuten, dass niemand mehr seine Wohnung verlässt, besonders diejenigen nicht, die aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Sexualität oder ihrer Hautfarbe diskriminiert werden. Es ist aber auch eine Logik, die impliziert, dass die nicht einvernehmliche Veröffentlichung eine zu erwartende Folge ist und es eher ein glücklicher Zufall ist, wenn es nicht passiert. Konkret auf die Veröffentlichung von Nacktfotos oder Sexvideos bezogen, normalisiert die Denkweise Missbrauch.

In solchen Fällen ist eine recht große Bereitschaft festzustellen, sich über das Opfer zu erheben. Ein Grund dafür besteht darin, sich selbst nicht als „die Art von Frau“ wahrzunehmen, der solche Dinge widerfahren. Die Assoziationen sind zwar reine Stereotype, werden dafür aber nicht als weniger zutreffend eingeschätzt. „Die Art von Frau“ schläft mit jedem, hat keinen Respekt vor sich selbst, ist nicht besonders intelligent und alles, was irgendwie in diese Richtung geht.

Dabei sollte man sich Folgendes vor Augen halten: Ein Mensch, der Nacktfotos oder Sexvideos von seinem oder seiner Ex veröffentlicht, ist jemand, der die Grenzen anderer nicht so respektiert, wie vorauszusetzen ist. Ein solcher Mensch macht vielleicht auch Fotos von Partner*innen, während sie nackt neben ihm im Bett schlafen oder morgens verschlafen auf dem Klo sitzen. Es liegt in der Natur der Sache: Wenn man merkt, dass es falsch war, einem bestimmten Menschen blind zu vertrauen, ist es bereits zu spät. Niemand lässt sich nackt ablichten oder filmen, wohlwissend, dass das Material später ohne das eigene Einverständnis veröffentlicht werden wird. Auch die Opfer solcher Verbrechen dachten davor wahrscheinlich, dass ihnen so etwas nie passieren könnte.

„Was erwarten diese Frauen auch, wenn sie sich nackt fotografieren oder beim Sex filmen lassen“ ist nichts anderes als eine Entschuldigung für sexualisierte Gewalt. Das ist es nämlich, was der Luxemburgerin im Video widerfahren ist und das ist es, worüber sich lustig gemacht wird, wenn Memes darüber verbreitet werden. Und nicht nur das: In einer Facebook-Gruppe wurde der private Account des Mädchens gepostet und damit ihre Identität enthüllt, eine Praxis, die sich Doxing nennt und strafbar ist. Genau wie etwa Online-Beschimpfungen, Cyberstalking, Nötigung und Erpressung, Verbreitung von Gerüchten, Identitätsmissbrauch und -diebstahl, fällt auch das, was dieser Frau widerfahren ist, unter digitale Gewalt. Die Autor*innen dieser Memes, ebenso wie alle, die das Video teilten, haben sich demgemäß strafbar gemacht.

© Unesco/wikepedia.org

Sonst nix zu tun?

„Haben wir keine schlimmeren Sorgen?“ wird wie immer gefragt, wenn es um eine Problematik geht, die vor allem marginalisierte Bevölkerungsgruppen betrifft. Hierzulande hörte man diese rhetorische Frage in den letzten Monaten unter anderem bezüglich Plakataufschriften bei einer Klima-Demo, Kritik gegenüber Sam Tansons Kurzhaarschnitt und einer homofeindlichen Rechenaufgabe. Eine ähnliche Haltung offenbart sich, wenn kritisiert wird, dass Betroffene sich überhaupt mit solchem „Kleinkram“ aufhalten. So als würde die Beschäftigung mit solchen Vorfällen ausschließen, dass man sich auch noch für andere Dinge interessiert.

Solche Aussagen offenbaren ein fehlendes Bewusstsein für die negativen Folgen bildbasierter sexualisierter Gewalt. Ein Foto, das man als unvorteilhaft empfindet, ist eine Sache. Aufnahmen jedoch, die die eigene Person in einer verletzlichen Lage abbilden – etwa nackt oder beim Sex – können für Betroffene traumatische Nachwirkungen haben.

Abgesehen von der psychischen Belastung, kann das veröffentlichte Material Online- und Offline-Belästigungen zur Konsequenz haben und die Jobsuche erschweren. Opfern kann es in der Folge schwerfallen, anderen zu vertrauen und ihre Sexualität ungehemmt auszuleben. Ein Sex-Video nicht einvernehmlich zu veröffentlichen, ist mehr als nur ein Streich. Ob gewollt oder nicht: es demütigt das Opfer und schüchtert es ein.

Kampagnen wie die oben beschriebenen von Bianca Cerminara schaffen nicht nur Bewusstsein für die Problematik. Die Strategie, sich selbst als das Opfer zu „outen“, hilft, das Stigma zu bekämpfen, das bezüglich sexuell aktiven Frauen existiert. Zu sagen „das bin ich“ nimmt den Täter*innen und denjenigen, die sich über den Vorfall lustig machen, einen Teil ihrer Macht. Nicht zuletzt signalisiert eine solche Kampagne Opfern, dass Verständnis für ihre Lage besteht und sie nicht allein sind – eine Botschaft, die von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit ist, egal ob die Täter*innen zur Rechenschaft gezogen werden oder nicht.

1 Es ist davon auszugehen, dass es sich um eine Luxemburgerin handelt, da sie im Video luxemburgisch spricht.

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